
Die weltweit erfolgreichsten Filme 2026: „Michael“ kratzt schon an 600-Millionen-Dollar-Marke
12.05.2026
Fortsetzung des erfolgreichen DEFA-Westerns „Spur des Falken“: „Weiße Wölfe“ verbindet Hollywood-Westernzitate mit ostdeutscher Kapitalismuskritik, starken Bildern und markanten Figuren.
Nachdem die Bundesrepublik Deutschland mit den Karl-May-Verfilmungen erfolgreich eigene Western in die Kinos gebracht hatte, stieg auch die DDR in das Genre ein und sicherte sich die Dienste des jugoslawischen Schauspielers Gojko Mitić, der in der Folge als „Defa-Chefindianer“ das in mehrfacher Hinsicht „rote“ Gegenstück zu John Wayne formen sollte. Der dritte Defa-Western „Spur des Falken“ erwies sich 1968 als überragender Publikumserfolg in Osteuropa und zog ein Jahr später die Fortsetzung „Weiße Wölfe“ unter der Regie von Konrad Petzold nach sich.
Im Winter 1879 zieht Häuptling Weitspähender Falke (Gojko Mitić) mit seinen letzten Getreuen durch die Black Hills, die einst seinem Stamm gehört haben. Jetzt ist aus der kleinen Goldgräbersiedlung Tanglewood eine blühende Stadt geworden. Der ehemalige Goldsucher Pat Patterson (Holger Mahlich) versucht hier nicht nur, den Frieden mit den letzten freien Indianern zu wahren, sondern auch die Pioniere vor den Übergriffen der großen Konzerne von der Ostküste zu schützen. Diese treffen bald in Person von Collins P. Harrington, Vertreter der General Mining Corporation, in der Stadt ein. Zusammen mit dem Banditen James Bashen (Rolf Hoppe) versucht Harrington, kleine Firmen in den Konkurs zu treiben und gleichzeitig seine Raubüberfälle den letzten freien Indianern um Weitspähender Falke in die Schuhe zu schieben. Pat Patterson kämpft mit allen Mitteln für Gerechtigkeit, steht aber allein auf weitem Feld.

„Weiße Wölfe“ erzählt die Geschichte von Weitspähender Falke und Tanglewood aus „Spur des Falken“ fort und setzt auf eine Reihe vertrauter Charaktere: den Indianerfreund Pat Patterson, der nun eine zentrale Rolle einnimmt, den zum wohlhabenden Geschäftsmann aufgestiegenen Fuhrmann Sam Blake und den Banditen James Bashen, der wohl der beliebteste Schurke der Defa-Indianerwestern war.
Die Regie für die Fortsetzung übernahm der erfahrene Genreregisseur Konrad Petzold, der das von Günter Karl verfasste Drehbuch mit etlichen Verweisen auf amerikanische Western spickt. Ähnlich wie beim Vorgänger erschien nachträglich zum Film auch eine Romanfassung aus der Feder von Karl Heinz Berger, alias Charles P. Henry.
Bereits die eröffnenden Szenen greifen die in John Fords „Cheyenne“ gezeigte Geschichte um die in Fort Robinson internierten Indianer des Häuptlings Little Wolf auf und erzählen die Sequenz aus dem US-Western über die unmenschliche Behandlung der Indianer und die rassistische Haltung des Fortkommandanten sowie des anschließenden gewaltsamen Ausbruchs de facto nach.
In einer späteren Szene überfällt Weitspähender Falke mit einem Getreuen ein Minenarbeiterlager mit Dynamitstangen, die er mit Gewehrschüssen zur Explosion bringt – eine klare Referenz an Howard Hawks’ „Rio Bravo“. Setzte sich dort der ehrbare Sheriff am Ende durch, verweist das Ende von „Weiße Wölfe“ klar auf dessen Gegenstück „Zwölf Uhr Mittags“: Zwar kann Weitspähender Falke den Banditen Bashen töten, anschließend wird er jedoch von dessen Männern niedergeschossen. Resigniert darüber, dass er den Frieden nicht aufrechterhalten konnte, legt Patterson seinen Stern ab.
Die letzte Einstellung zeigt die Sterne Pattersons und des ebenfalls zurückgetretenen Hilfssheriffs Hille und dahinter die Gruppe der Geschäftsleute um Harrington, die nun das Gesetz an sich reißen können.
In Besprechungen der Defa-Western wird des Öfteren auf ihre Kapitalismuskritik verwiesen. Diese ist aber nur wenig stärker ausgearbeitet als in vergleichbaren amerikanischen Produktionen oder den Karl-May-Verfilmungen. In „Weiße Wölfe“ tritt sie noch relativ deutlich in der Person Harringtons als offiziellem Agenten einer größeren, im Hintergrund agierenden Gesellschaft zutage.
Harrington lässt sich dabei durchaus mit Vermeulen aus Harald Reinls „Winnetou, 3. Teil“ vergleichen, der jedoch Mitglied und anscheinend Kopf eines größeren Konsortiums ist. Die letzte Einstellung von „Weiße Wölfe“ bringt die marxistische Kapitalismuskritik visuell am stärksten zum Ausdruck, korrespondiert aber auch mit einer genreeigenen Zivilisationskritik, die eine Verdrängung der ursprünglichen Pioniere durch die moderne Zivilisation kritisch sieht, wie sie auch in den Filmen und Serien Taylor Sheridans jüngst wieder deutlich wurde.
Auch handwerklich gehört „Weiße Wölfe“ zusammen mit seinem Vorgänger zu den besten Defa-Western. Konrad Petzold und Kameramann Eberhard Borkmann fangen Szene für Szene in schönen Bildern ein. Viele der Außenaufnahmen entstanden in der Großen Tatra, die sich durchaus für Westerninszenierungen eignet. Auch die Schauspieler wissen durch die Bank zu überzeugen. Obwohl es nicht zuletzt die Beliebtheit von Mitićs Figur war, nimmt Häuptling Weitspähender Falke in der Fortsetzung eher eine größere Nebenrolle ein, denn der Fokus der Geschichte verlagert sich eindeutig von der Welt der Indianer in die Stadtgesellschaft von Tanglewood. Hier liefert Holger Mahlich eine überzeugende Darstellung als ostdeutscher Gary Cooper ab, während gestandene Charakterdarsteller wie Horst Schulze als Harrington, vor allem aber Helmut Schreiber als Sam Blake ihre Figuren deutlich aufwerten.
Rolf Hoppe hat sichtlich Freude als Bandit und Indianerhasser James Bashen. Dabei machte er nach dem Film ähnliche Erfahrungen wie Rik Battaglia, der in „Winnetou, 3. Teil“ für den Tod des berühmten Häuptlings verantwortlich war und plötzlich keine Fanpost mehr aus Deutschland erhielt. Hoppe musste persönlich in die Schule seiner Kinder reisen und erklären, warum er für den Filmtod von Gojko Mitić verantwortlich war.
Getragen werden die Bilder von einem tollen Score aus der Feder von Karl-Ernst Sasse, dem wohl versiertesten Komponisten der Defa, der sich hier offenbar ein wenig an Elmer Bernsteins Soundtrack für „Die glorreichen Sieben“ orientiert. Wenn man dem Film etwas vorwerfen kann, dann ist es der etwas steife Schnitt, der zwar etwas straffer ausgefallen ist als beim Vorgänger, dem aber die Dynamik von Harald Reinls Winnetou-Filmen fehlt, die bezeichnenderweise alle etwa 10 bis 15 Minuten kürzer ausfallen. Diese Schwäche zieht sich durch nahezu alle Defa-Indianerwestern.
„Weiße Wölfe“ fand 1970 noch eine letzte Quasi-Fortsetzung mit dem ebenfalls von Petzold inszenierten „Tödlicher Irrtum“, der zwar mit einem vollkommen neuen Figurenensemble aufwartet, nicht zuletzt aber durch die Weiterverwendung des in der Nähe von Berlin entstandenen Tanglewood-Sets klar an „Spur des Falken“ und „Weiße Wölfe“ anknüpft und eine kleine Trilogie über die Besiedlung des Westens und die Verdrängung der Indianer erzählt. Inhaltlich greift dieser Film dieselbe Geschichte auf, die auch Martin Scorseses „Killers Of the Flower Moon“ erzählt.
Fazit: Der DDR-Klassiker „Weiße Wölfe“ ist ein schön fotografierter Abenteuerwestern mit tollem Score, überzeugenden Schauspielern und einer guten Story. Die Laufzeit hätte im Sinne der Dynamik ein wenig gestrafft werden können, dennoch ist „Weiße Wölfe“ einer der besten Defa-Indianerfilme.