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08.10.2026
Virginia Woolf im modernen Gewand? Tina Gharavis Verfilmung „Night & Day“ befreit das Kostümdrama aus dem Korsett historischer Schwermut. Ein erfrischender Befreiungsschlag, der auf der Leinwand viel Staub aufwirbelt, dabei aber stellenweise seine eigenen Figuren aus den Augen verliert.
Kostümdramen, die im edwardianischen London spielen, unterliegen meist einem strengen Gesetz: dem Vorrang von Konvention, Etikette und einer perfekten, historisch akkuraten Melancholie. Wenn nun ausgerechnet Virginia Woolfs oft unterschätzter, weil ungewohnt zugänglicher Roman „Nacht und Tag“ aus dem Jahr 1919 den Weg ins Kino findet, erwartet man das klassische, raschelnde Seidenkorsett. Doch Regisseurin Tina Gharavi fegt die museale Andacht überraschend resolut beiseite.
London im Jahr 1910: Katharine Hilbery (Haley Bennett) stammt aus einer angesehenen Familie und soll als Enkelin eines berühmten Dichters dessen literarischen Nachlass verwalten und einen standesgemäßen Mann heiraten. Doch Katharine kann mit Lyrik wenig anfangen. Ihre wahre Leidenschaft gilt der Astronomie und der Mathematik – Disziplinen, die Frauen im frühen 20. Jahrhundert weitgehend verschlossen bleiben. Als ihr Vater (Timothy Spall) sie bei einem heimlichen Besuch der Astronomischen Gesellschaft erwischt, droht ein gesellschaftlicher Skandal. Während ihre Familie auf einer Vernunftehe mit William (Jack Whitehall) besteht, bringen die Begegnungen mit der Frauenrechtlerin Mary (Lily Allen) und dem aus der Arbeiterklasse stammenden Editor Ralph Denham (Elyas M’Barek) Katharines bisheriges Leben und ihre Zukunftspläne zunehmend ins Wanken.

Schon die Eröffnungsszene macht deutlich, welchen Ton Regisseurin Tina Gharavi für ihre Romanverfilmung anschlägt. Wir sehen Katharine bei einem heimlichen nächtlichen Bad in den Hampstead Ponds. Während sie ruhig im Wasser treibt und beinahe mit der Dunkelheit verschmilzt, blickt sie hinauf zu den Sternen und sinniert über das Universum. Es ist ein intimer, fast transzendenter Moment, der sofort klarmacht: Diese Frau ist gedanklich meilenweit von den Salonzwängen ihrer Epoche entfernt. Ihre Welt sind nicht die Teegesellschaften, sondern die Unendlichkeit des Kosmos.
Dieser Kontrast zwischen gesellschaftlicher Enge und geistiger Freiheit prägt den gesamten Film. Das Drehbuch von Justine Waddell beweist dabei seine größte Stärke, indem es eine überaus kraftvolle Frauenfigur zeichnet. Katharine ist unentwegt – sowohl verbal als auch in feinen, subtil unterschwelligen Nuancen – mit den unerbittlichen Mauern des Patriarchats konfrontiert. Wenn im Film der niederschmetternde Satz „Niemand will Frauen in der Wissenschaft“ fällt, kondensiert das die bittere Realität ihrer Epoche. Doch anstatt sich zu beugen oder in die ihr zugedachte Rolle zu fügen, kämpft sie mit stoischer Entschlossenheit weiter. Ihr Ziel ist nicht der gesellschaftliche Applaus, sondern schlicht das Recht, an der Universität studieren zu dürfen. Es ist genau dieser eiserne Wille, der den eigentlichen Motor der Erzählung bildet.
Der eigentliche Clou und zugleich der rote Faden dieser Adaption ist daher auch nicht das romantische Bäumchen-wechsel-dich-Spiel, das ein vorbeiziehender Komet schließlich auslöst. Es ist Katharines unbedingter Kampf um das Recht auf Bildung und Gleichberechtigung. Gharavi inszeniert diese Emanzipationsgeschichte erfrischend leichtfüßig. Obwohl Ausstattung und die opulenten Kostüme den historischen Rahmen perfekt bedienen, bricht der Film verbal wie akustisch bewusst aus den Konventionen aus.
Wenn die High Society von 1910 mit modernen Popsongs unterlegt wird, verleiht das den Bildern eine wunderbare Dynamik und eine gewisse Leichtigkeit. Die feministische, empowernde Message wird hier nicht mit dem moralischen Zeigefinger, sondern in einem lockeren, beschwingten Ton transportiert.
Das funktioniert vor allem dank des hervorragenden Ensembles. Haley Bennett trägt den Film mühelos mit einer Mischung aus kühlem Intellekt und unterdrückter Leidenschaft. Auch Elyas M’Barek schlägt sich in seiner ersten größeren internationalen Kinorolle überraschend charmant und harmoniert bestens mit Bennett. Dass die Liebesgeschichte zwischen den beiden letztlich etwas flach angerissen bleibt und emotional eher in den Hintergrund rückt, stört erstaunlich wenig – schließlich ist Katharines größte Romanze ohnehin die mit dem Sternenhimmel, wie es das nächtliche Bad zu Beginn bereits andeutete.
Wo das Werk allerdings Federn lässt, bleibt die Figurentiefe abseits der Hauptroute auf der Strecke. Charaktere wie die von Camilla Borghesani gespielte Cousine Cassandra oder auch Kathrines Vater wirken bisweilen arg schematisch – fast so, als fungierten sie lediglich als hübsch kostümierte Deko, um den Plot voranzutreiben. Hier hätte das Skript abseits von Katharines starker Charakterisierung durchaus mutiger und tiefgründiger sein dürfen. Der radikal moderne Geist der Heldin kommt dennoch sehr gut zur Geltung.
Fazit: „Virginia Woolf's Night & Day“ ist vielleicht keine filmische Meisterleistung und erfindet das Rad des Genres nicht neu – aber das will dieses lebendige, emanzipatorische Period Piece auch gar nicht. Puristen der Literaturvorlage mögen bemängeln, dass Gharavi den leisen, introspektiven Ton des Romans gegen moderne Pop-Dynamik eintauscht. Doch im Kern bleibt der Film Virginia Woolfs progressiver Vision treu: Es ist die Feier einer Frau, die sich weigert, in den ihr zugewiesenen Schubladen zu verkümmern.
Trotz kleinerer Drehbuchschwächen und schematischer Nebenfiguren ist der Film ein unterhaltsamer, feministischer Ritt durch die Sterne, der durch seinen modernen Twist und eine großartige Hauptdarstellerin schlichtweg Spaß macht. Ein Kinobesuch, der dazu einlädt, den Blick öfter gen Himmel zu richten.