
Die 10 besten Filme des Jahres 2026 – von Kino-Total.net
08.03.2026
Bewegendes Melodram über Verlust und Neubeginn: „Vier minus drei“ überragt mit Valerie Pachner und einer sensiblen Inszenierung ohne Kitsch.
Es gibt zwei Arten von Menschen: die, die Clowns urkomisch finden – und jene, die darüber überhaupt nicht lachen können. Man könnte also meinen, diese Haltung entscheide darüber, ob man bei Adrian Goigingers „Vier minus drei“ im richtigen Film sitzt. Doch der Regisseur erzählt die Geschichte von Barbara Pachl-Eberhart, die mit ihrer gleichnamigen Autobiografie bekannt wurde, weniger von Clowns als vom Menschen hinter der Schminke. 2008 verlor sie ihren Mann, mit dem sie als Clownsduo auftrat, und ihre beiden Kinder bei einem Autounfall. In zwei ineinander verschränkten Erzählsträngen entfaltet Goiginger eine Leidensgeschichte, die zugleich von einer fast trotzigen Lebensfülle getragen wird. Valerie Pachner, bereits bei Terrence Malick („Ein verborgenes Leben“) herausragend, liefert hier die intensivste Performance ihrer Karriere. Die Literaturverfilmung „Vier minus drei“ ist ein bittersüßes Drama, das emotional überwältigt, erzählerisch nie falsch abbiegt und bemerkenswert konsequent dem Kitsch widersteht.
Barbara (Valerie Pachner) arbeitet als Krankenhausclownin und lebt mit ihrem Mann Heli (Robert Stadlober), ebenfalls Clown aus Überzeugung, sowie ihren Kindern Thimo (Jonas Recklie) und Fini (Victoria Wild) ein chaotisches, liebevolles Familienleben nahe Graz. Ein Autounfall auf den Bahngleisen reißt Heli und die Kinder plötzlich aus ihrem Leben und lässt Barbara in einem Zustand zurück, der zunächst wie eine Schockstarre wirkt. Erst langsam bricht die Realität durch. Während Familie und Freunde versuchen, Halt zu geben, trifft Barbara eine Entscheidung, die zugleich verzweifelt und entschlossen wirkt: Sie will so schnell wie möglich wieder ein Kind bekommen.

Wenn Adrian Goiginger („Die beste aller Welten“) diese wahre Geschichte verfilmt, bewegt er sich auf einem schmalen Grat zwischen existenzieller Tragödie und vorsichtiger Hoffnung. Der Film nähert sich seinem Thema dabei mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit und stellt eine starke wie verletzliche Figur ins Zentrum, deren Beruf es ist, anderen Menschen Trost zu spenden: eine Clownin, deren eigenes Leben plötzlich in Scherben liegt. So entsteht ein Drama, das nicht nur vom Verlust erzählt, sondern auch davon, wie fragil und zugleich widerstandsfähig Lebensfreude sein kann, während die Hauptfigur versucht, zwischen lähmender Trauer, impulsiven Entscheidungen und zaghaften Versuchen, wieder Halt zu finden.
Goiginger verzichtet bewusst auf eine lineare Erzählweise und verschränkt Vergangenheit und Gegenwart. Dadurch wird Trauer nicht als Prozess mit Anfang und Ende gezeigt, sondern als Zustand, der Erinnerungen und Gegenwart unentwirrbar miteinander verwebt. Anfangs wirkt dieses Springen zwischen den Ebenen vermeintlich ziellos, doch mit zunehmender Laufzeit entfaltet sich daraus eine unglaubliche emotionale Wucht, die das Publikum förmlich überrollt und unmittelbar in Barbaras innere seelische Ausnahmesituation hineinzieht.

Visuell folgt der Film dieser Haltung. Eine zurückhaltende, präzise Farbdramaturgie trennt Erinnerungen und Gegenwart, ohne sie hart gegeneinander auszuspielen: warme Töne für das Vergangene, kühlere Nuancen für das Jetzt. Nahaufnahmen und eine bewegliche Kamera schaffen Intimität, ohne aufdringlich zu werden. Goiginger vertraut konsequent den Figuren und ihren Emotionen – ein Risiko, das sich auszahlt.
Valerie Pachner trägt den Film Im Zentrum steht Valerie Pachner mit einer außergewöhnlich vielschichtigen Leistung. Ihr Spiel reicht von clownesker Körperlichkeit – wenn sie in ihr Alter Ego der Schweizer Clownin Heidi Appenzeller schlüpft – über stille Verzweiflung bis zu schreiender Wut, ohne je ins Sentimentale zu kippen. Gerade dort, wo Bühnenfigur und privates Leid aufeinandertreffen, entsteht eine elektrische Spannung. Pachner macht Humor, Scham, Sehnsucht und Schmerz gleichzeitig sichtbar – eine darstellerische Tour de Force, die den Film beflügelt.

Auch die Besetzung der Nebenrollen überzeugt mit prägnanten Akzenten. Robert Stadlober („Ein ganzes Leben“) zeichnet Heli als warmherzigen Optimisten, dessen Leichtigkeit stets von leiser Unsicherheit unterlaufen wird. Hanno Koffler („Werk ohne Autor“) wiederum übernimmt als später auftauchender TV-Star Friedrich „Alpenarzt“ Rauch eine zunächst irritierende, dann zunehmend vielschichtige Rolle. Was anfangs wie unpassender Humor wirkt, entpuppt sich als fein beobachtete Charakterstudie, die Koffler mit großer Sensibilität auslotet.
Fazit: „Vier minus drei“ ist ein sensibel unpathetisches Drama über radikalen Verlust und die mühsame Rückkehr ins Leben. Regisseur Adrian Goiginger findet eine Form, die nichts beschönigt und nichts ausstellt, sondern den Menschen hinter der Geschichte ernst nimmt. Getragen von einer überragenden Valerie Pachner entfaltet die Literaturverfilmung eine leise, nachhaltige emotionale Wucht – schmerzhaft, tröstlich und von einer Hoffnung durchzogen, die gerade aus der Verzweiflung ihre Kraft gewinnt.
Wir haben „Vier minus drei“ auf der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film in der Sektion Panorama lief und dort seine Weltpremiere feierte.