
Die teuersten Filme aller Zeiten – und ob sie wirklich profitabel waren
11.04.2026
Knallige Farben, stilisierte Gewalt und ein singender Gangster: Seijun Suzukis „Tokyo Drifter – Der Mann aus Tokio“ gilt heute als stilprägender Yakuza-Klassiker der 60er.
„Ich mache Filme, die keinen Sinn ergeben und kein Geld einbringen“, stellte der japanische Regisseur Seijun Suzuki halb ironisch, halb enttäuscht fest, als ihn sein Studio vor die Tür gesetzt hatte. Tatsächlich hatte der Fließbandarbeiter in den Fünfzigern und Sechzigern mit seinen Yakuza-Filmen nur mäßigen Erfolg, wird aber heute wegen seiner stylischen Inszenierung geschätzt. Eines seiner bedeutendsten Werke ist „Tokyo Drifter“.
Gangsterboss Otsuka (Hideaki Esumi) wittert die einmalige Gelegenheit, die Geschäfte seines ehemaligen Konkurrenten Kurata (Ryuji Kita) zu übernehmen, der ein ehrbares Leben anstrebt und sein Syndikat auflösen möchte. Otsuka will nicht zulassen, dass sein Ex-Rivale ein ruhiges Leben genießt. Und auch dessen junger Zögling Tetsu (Tamio Kawaji), der ihm selbst einst die Gefolgschaft verweigerte, wird bald Ziel seiner Rache. Tatsächlich gerät Kurata rasch in finanzielle Schwierigkeiten, weil er eine Schuld von acht Millionen Yen nicht begleichen kann. Tetsu verspricht ihm seine Unterstützung, doch die Schuldscheine werden ausgerechnet von Otsuka aufgekauft. Als Kurata bei einem Überfall auch noch versehentlich eine junge Frau tötet, nimmt Tetsu die Schuld auf sich und verlässt Tokio, wobei ihm Otsukas Schergen weiterhin auf den Versen bleiben.

In vielerlei Hinsicht ist „Tokyo Drifter“ eine Blaupause für den ostasiatischen Gangsterfilm, egal ob japanisch, chinesisch oder südkoreanisch, ob mit Yakuza oder Triaden. Die Welt des organisierten Verbrechens, die sie zeichnen, ist zwar tief in den Großstädten verankert, wirkt aber dennoch seltsam entrückt. Polizei und Staatsanwaltschaft, ja selbst eine irgendwie zivile Gesellschaft außerhalb der Yakuza spielen in ihnen keine Rolle, es sei denn, der ermittelnde Polizist steht im Zentrum der Ermittlungen.
Statt sozialkritischer Untertöne, wie im amerikanischen und italienischen Mafiafilm, dominiert visuelle Ästhetik die Masse ostasiatischer Filme, die ohne die Darstellung der Vernetzung von legaler und Unterwelt tatsächlich eher als „Gangster-“ denn als Mafiafilme zu charakterisieren sind. Dieses Style-over-Substance-Phänomen lässt sich schon in „Tokyo Drifter“ ausmachen.
Stilistisch ist der Film von den französischen Gangsterfilmen der Zeit, aber auch vom gerade aufkommenden Italowestern beeinflusst, was nicht zuletzt an dem mit Trompetensoli und dominanten Basslinien ausgestatteten Score erkennbar ist. Die eher klassischen Balladen, die die Studiobosse dem Regisseur aufzwangen, passen trotz ihrer melancholischen Note nicht so richtig in den Film, aber Suzuki machte das Beste daraus und ließ seinen Hauptdarsteller Tetsuya Watari das Titellied immer wieder pfeifen, was wesentlich zur Charakterisierung der Figur beitrug.
Während viele Filme der Zeit in Japan noch immer in Schwarz-Weiß gedreht wurden, setzt Suzuki auf knallige Farben und holt den Film damit in die Swinging Sixties. Diesen Übergang zeigt er sogar in der Eröffnungsszene, die noch in Schwarz-Weiß gedreht ist, ehe in der letzten Einstellung ein rotes Accessoire den Blick des Zuschauers auf sich zieht, ehe die Opening Credits in Farbe gezeigt werden.
Regisseur Seijun Suzuki arbeitete seit 1956 für die neu gegründete Produktionsfirma Nikkatsu, indem er fließbandartig einen B-Film nach dem anderen drehte, die meist das japanische Gangstermilieu zum Thema hatten. Da er oftmals wenig Vorbereitungszeit für die Drehs hatte, die Skripte erst kurz vor Arbeitsbeginn ausgehändigt bekam und der Meinung war, dass sich die Storys immer wiederholen würden, fokussierte er sich auf die Ausprägung eines extravaganten Stils, wobei ihn vor allem das französische Kino der Zeit beeinflusste. Die bewusste Künstlichkeit einiger Sets, die auf wenige Requisiten wie Tische und Stühle reduziert wurden und dem Film somit einen surrealistischen Touch gaben, ermöglichte es Suzuki aber gleichzeitig, sein Spiel mit den Farben konsequent zu betreiben. Diese Entscheidungen missfielen jedoch den Studiobossen. Sie verlangten eine Reihe von Nachdrehs.
Die Geschichte des Films lässt sich als Variante des „Aussteigerplots“ des klassischen Mafiafilms charakterisieren. Der Versuch des Yakuzabosses Kurata, sein Syndikat aufzulösen und als ehrbarer Geschäftsmann weiterzuleben, bildet den auslösenden Moment des Films, ähnlich wie später der von Chow Yun Fat gespielte Gangsterboss in Ying Hung Ho Hons „China White 2“ nach seiner Hochzeit mit dem kriminellen Milieu brechen will, oder der Kriminelle Ho Te Sung in John Woos „City Wolf“ nach einer dreijährigen Haftstrafe mit seiner kriminellen Vergangenheit zu brechen versucht, um sich seinem bei der Polizei arbeitenden Bruder zu nähern. Doch aus der Yakuza steigt man nicht aus wie aus einem Fußballverein.
Wie in diesem Genre üblich, seziert „Tokyo Drifter“ die Ambivalenz einer auf ungeschriebenen Ehrenkodexen basierenden, aber genauso oft von Verrat geprägten Unterwelt. Der Film überträgt die Werte der japanischen Samurai in die Welt des organisierten Verbrechens.
Tetsu ist ein Mann von absoluter moralischer Integrität, der sein eigenes Wohlergehen dem Schutz seines Herrn unterordnet, während Otsuka ein skrupelloser Gangster ist, der selbst die ungeschriebenen Gesetze der Yakuza mit Füßen tritt. Die Dramatik des Films liegt vor allem im finalen Plottwist, in dem auch Kurata sich von Tetsu abwendet, der somit endgültig als eine Art moderner Ronin endet.
Wie die meisten seiner Filme wurde er zunächst nur in Japan gezeigt, wo er einen moderaten Erfolg erzielte. Suzuki selber wurde ein Jahr später beim Dreh von „Branded To Kill“ gefeuert, weil sich das Studio endgültig mit seinem Stil unzufrieden zeigte. Erst im Zuge des VHS-Zeitalters fanden seine Filme auch im Ausland Verbreitung, nachdem sich eine neue Generation von Filmemachern wie Takeshi Kitano, Wong Kar-wai und Quentin Tarantino als Fans seiner Arbeit geoutet hatten.
Der Gangster-Walk am Beginn von „Tokyo Drifter“ beeinflusste die Eröffnungsszene von „Reservoir Dogs“, und die reduzierten Sets in knalligen Farben inspirierten einige Szenen in beiden „Kill Bill“-Filmen. „Tokyo Drifter“ wurde 1995 erstmals im deutschen Fernsehen ausgestrahlt.
Fazit: „Tokyo Drifter“ ist ein frühes Beispiel hochstilisierten Actionkinos. Knallige Farben, eine trotz ihrer Einfachheit solide Story und gut inszenierte Actionszenen machen den Gangsterfilm zu einem zeitlosen Klassiker.