
Berlinale-Kritiken 2026 von Kino-Total.net
22.02.2026
Ein packender Abenteuer-Thriller mit Ethan Hawke: „The Weight – Im Goldrausch“ verbindet Survivalkino der 70er mit moderner Inszenierung – gedreht überraschend in Bayern.
Die amerikanische Wildnis Oregons – in Wirklichkeit jedoch tief in Bayern. Für den Abenteuer-Thriller „The Weight – Im Goldrausch“ wurden die Wälder und Seen des Freistaats kurzerhand zum naturalistischen Pazifischen Nordwesten der USA umfunktioniert. Möglich machte das die Unterstützung des FilmFernsehFonds Bayern: Gedreht wurde unter anderem in Viechtach, Bodenmais, Tutzing am Starnberger See, am Schliersee sowie in den Bavaria Studios. Dass die Landschaften des Bayerischen Waldes für das Oregon der 1930er Jahre herhalten müssen, wirkt mitunter irritierend – und zeigt zugleich, welche Auswüchse internationale Filmförderung annehmen kann, wenn Produktionen ihre Geschichten dorthin verlegen, wo Fördergelder und Drehbedingungen am attraktivsten sind. Vor dieser dennoch imposanten Kulisse erzählt Regisseur Padraic McKinley in seinem starbesetzten Debütfilm eine Geschichte, die trotz ihres historischen Settings überraschend modern wirkt. „The Weight – Im Goldrausch“ greift den Geist kompromissloser Survival-Thriller der 1970er Jahre auf und verbindet ihn mit einer energiegeladenen Inszenierung. So entsteht ein raues, stilbetontes Abenteuerkino, das zwar erzählerische Schwächen besitzt, seine Wirkung jedoch vor allem aus Tempo, Atmosphäre und physischer Spannung bezieht.
Samuel Murphy (Ethan Hawke) versucht in den 1930er Jahren nach dem Tod seiner Frau und bitterer Armut in der Großen Depression in Oregon ein besseres Leben für seine Tochter Penny (Ava Berry) zu ermöglichen. Als er überfallen wird und sich ihn Notwehr verteidigt, landet er schließlich im Gefängnis bringen, wo er in einem Arbeitslager auf den skrupellosen Leiter Clancy (Russell Crowe) trifft. Der erkennt schnell Murphys Einfallsreichtum und macht ihm ein riskantes Angebot: Während US-Präsident Franklin D. Roosevelt landesweit Goldreserven beschlagnahmen will, sollen Murphy und einige Mitgefangene Goldbarren heimlich aus einer Mine schmuggeln. Gelingt die gefährliche Reise durch die Wildnis, winkt Murphy die Freiheit – und die Chance, zu seiner Tochter zurückzukehren.
Gemeinsam mit einer zusammengewürfelten Gruppe von Häftlingen, darunter der zynische Rankin (Austin Amelio), der idealistische Sozialist Singh (Avi Nash), der junge Olson (Lucas Lynggaard Tønnesen) sowie die indigene Ausreißerin Anna (Julia Jones), macht sich Murphy auf den Weg durch ein unberechenbares Terrain. Doch Misstrauen, Verrat und tödliche Hindernisse begleiten jeden Schritt dieser riskanten Mission.

„The Weight – Im Goldrausch“ setzt von Beginn an auf Tempo und Intensität. Bereits die einleitende Sequenz mit dem Protagonisten Murphy, der trotz seines Gefängnisaufenthalts unverkennbar der Gute ist, vermittelt ein Gefühl unmittelbarer Gefahr. Damit wird deutlich, dass diese Geschichte weniger von komplexen Wendungen als von der physischen Erfahrung des Überlebenskampfes lebt. Regisseur Padraic McKinley inszeniert den Film mit einer spürbaren Begeisterung für klassisches Abenteuerkino: Eine Mission wird vorbereitet, eine Gruppe zusammengestellt – und dann beginnt eine zunehmend chaotische Reise durch feindliche Landschaften.
Dabei bleibt „The Weight – Im Goldrausch“ konstant in Bewegung. Immer neue Hindernisse, Richtungswechsel und riskante Situationen sorgen dafür, dass die Spannung kaum nachlässt. Besonders eine zentrale Szene auf einer maroden Seilbrücke, bei der Goldbarren über eine Schlucht transportiert werden müssen, entwickelt eine geradezu nervenaufreibende Intensität, die frappierend an den großen Abenteuerklassiker „Lohn der Angst“ (1953) erinnert, der als offensichtliches Vorbild im Hintergrund mitschwingt. Solche Momente machen deutlich, dass McKinley ein Gespür für physische Spannung und dynamische Inszenierung besitzt.

Das emotionale Fundament des Films trägt vor allem Ethan Hawke („Leave The World Behind“). Mit seiner ruhigen, konzentrierten Darstellung verleiht er Samuel Murphy eine Mischung aus Entschlossenheit und Verletzlichkeit. Vieles spielt sich in Blicken und kleinen Gesten ab – Hawke zeigt einen Mann, der von den Umständen gezeichnet ist, aber dennoch unbeirrt nach einem Ausweg sucht.
Auch das Ensemble liefert solide Arbeit. Russell Crowe („Nürnberg“) nutzt seine begrenzte Leinwandzeit effektiv und zeichnet Aufseher Clancy als korrupte Autorität mit unterschwelliger Bedrohlichkeit. Julia Jones („Wind River“) verleiht der Figur der Anna eine würdige, widerstandsfähige Präsenz, während Avi Nash dem idealistischen Singh Wärme verleiht.
Weitere Aufmerksamkeit zieht Austin Amelio („A Killer Romance“) als sarkastisch-ambivalenter Rankin auf sich, dessen provokantes Verhalten immer wieder Konflikte innerhalb der Gruppe auslöst. Dennoch bleibt ein Teil der Nebenfiguren relativ oberflächlich, da das Drehbuch ihnen nur begrenzten Raum zur Entfaltung lässt.
Visuell überzeugt „The Weight – Im Goldrausch“ durch eine raue, greifbare Ästhetik. Kameramann Matteo Cocco setzt die (bayerischen) Wälder und Berge in kraftvolle Bilder um, die gleichzeitig schön und bedrohlich wirken. Die Landschaft erscheint nicht als idyllische Kulisse, sondern als unberechenbare Naturgewalt, die den Figuren jederzeit zum Verhängnis werden kann.
Unterstützt wird diese Atmosphäre durch den eindringlichen Score von Shelby Gaines und Latham Gaines. Die Musik kombiniert jazzige Elemente mit industriellen Klangflächen und verstärkt die Spannung der actionreichen Momente. Gleichzeitig schafft sie in ruhigeren Szenen eine melancholische Grundstimmung, die Murphys verzweifelten Kampf um eine zweite Chance unterstreicht.
Allerdings offenbaren sich auch Schwächen im Drehbuch. Einige thematische Ansätze – etwa soziale Ungleichheit, Ausbeutung von Migranten oder das Schicksal indigener Gemeinschaften – werden zwar angedeutet, aber nicht wirklich vertieft. Zudem wirkt die Reise der Gruppe gelegentlich episodenhaft, und manche Figuren bleiben eher funktionale Rollen als voll ausgearbeitete Charaktere.
Fazit: „The Weight – Im Goldrausch“ ist ein kerniger Abenteuer-Thriller im Geist der kompromisslosen Survivalfilme vergangener Jahrzehnte. Padraic McKinley beweist in seinem Regiedebüt ein sicheres Gespür für Spannung und Atmosphäre, auch wenn das Drehbuch und einige Nebenfiguren etwas blass bleiben. Ethan Hawke trägt den Film mit seiner intensiven Präsenz und macht aus dem rauen Genrewerk vor allem ein packendes Kinoerlebnis statt eines tiefgründigen Dramas.
Wir haben „The Weight“ auf der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film in der Reihe „Berlinale Special Gala“ lief und seine Europapremiere feierte.