
Berlinale-Kritiken 2026 von Kino-Total.net
22.02.2026
Ein radikales Musical-Biopic über die Shaker-Gründerin Ann Lee: Mona Fastvolds „The Testament Of Ann Lee“ verwandelt religiöse Geschichte in ein berauschendes 70mm-Filmerlebnis. Mit einer entfesselten Amanda Seyfried wird daraus ein visuelles Manifest über Schmerz, Glauben und Erlösung.
Schon in den ersten Momenten macht Regisseurin Mona Fastvold unmissverständlich klar: Wer ein klassisches, staubiges Kostümdrama erwartet, ist hier im falschen Kinosaal. „The Testament Of Ann Lee“ erzählt nicht einfach die Lebensgeschichte einer religiösen Visionärin, sondern verwandelt sie in ein rauschhaftes musikalisches Filmerlebnis, das die Grenzen des konventionellen Biopics sprengt. In der Titelrolle trägt Amanda Seyfried den Film mit einer intensiven, körperlichen Präsenz, die zwischen spiritueller Ekstase und tiefem Leid pendelt. Fastvold inszeniert den Aufstieg der später als „weiblicher Christus“ verehrten Ann Lee als visuelle und akustische Naturgewalt – ein Film, der Schmerz, Ekstase und spirituellen Triumph nicht nur zeigt, sondern das Publikum ihn geradezu körperlich spüren lässt.
Manchester, 1736. Die junge Ann Lee (Amanda Seyfried) hat das Unvorstellbare erlebt: Vier Kinder hat sie zur Welt gebracht, keines überlebte das erste Jahr. Ihr Ehemann Abraham (Christopher Abbott) missbrauchte sie. Inmitten dieser tiefen Trauer findet sie Anschluss an die „Shaking Quakers“. Während einer Haftstrafe wegen religiöser Ruhestörung empfängt sie Visionen einer Welt ohne „Fleischeslust“, in der Gleichberechtigung und harte Arbeit den Weg zu Gott ebnen. Doch im repressiven England ist für ihre radikale Botschaft kein Platz. Gemeinsam mit einer treuen Gruppe von Anhängern wagt sie den riskanten Aufbruch in die Ungewissheit: Amerika.

Regisseurin Mona Fastvold hat ihr Werk in drei Akte mit archaisch gestalteten Titelkarten unterteilt: „This is a song of GIRL“, „This is a song of a WOMAN“ und „This is a song of a MOTHER“. Der Untertitel des Biopics „The Woman Clothed by the Sun With the Moon Under Her Feet“ deutet bereits an: Hier geht es um eine Heiligsprechung, eine epische Fabel, die Lee als Prototyp einer neuen Spiritualität inszeniert.
Dass der Film auf analogem 70mm gedreht wurde, ist kein bloßer technischer Selbstzweck. Die Bilder besitzen eine Textur und Tiefe, die man heute selten im Kino findet. Hier zeigt sich erneut das meisterhafte Gespür von Mona Fastvold für historische Stoffe, die modern und dringlich wirken. Interessant für Cineasten ist die kreative Kontinuität: Fastvold und ihr Ehemann, der Regisseur Brady Corbet, bewiesen bereits bei dem monumentalen Epos „Der Brutalist“ ihr gemeinsames Händchen für radikale, visuell berauschende Filmkunst. Diese Handschrift – die Vorliebe für große Formate und kompromisslose Erzählweisen – zieht sich auch durch dieses neue Werk wie ein roter Faden.

Man muss es so deutlich sagen: Amanda Seyfried („The Housemaid – Wenn sie wüsste“) liefert hier die Performance ihrer Karriere ab. Sie spielt nicht nur Ann Lee; sie lässt sich von ihr heimsuchen. Wenn sie in den ekstatischen Gottesdiensten singt, tanzt und sich buchstäblich in Trance schüttelt, überträgt sich diese elektrische Energie direkt auf das Publikum.
Flankiert wird sie von einem herausragenden Ensemble: Thomasin McKenzie („The Power Of The Dog“) glänzt als junge Novizin, während Christopher Abbott („Poor Things“) und Lewis Pullman („Thunderbolts“) die moralischen und physischen Kämpfe der Bewegung greifbar machen. Charakterkopf Tim Blake Nelson („Der schmale Grat“) verleiht der religiösen Strenge des 18. Jahrhunderts ein bedrohliches Gesicht.
Doch Fastvold schont uns nicht. Der Film ist eine Hommage, keine kritische Analyse der Shaker-Bewegung, aber er erkauft sich diese Verehrung durch eine Schonungslosigkeit, die wehtut. Die Kamera zeigt das Leid ebenso ungefiltert wie die Ekstase: Die blutige Realität der Totgeburten wird mit einer Rohheit dargestellt, die den Atem stocken lässt. Und auch die Gewalt gegen die Glaubensgemeinschaft, gipfelnd in einem brutalen Überfall auf die Kolonie Niskayuna, bildet den scharfen Kontrast zur angestrebten göttlichen Perfektion.

Wer eine stringente, historisch-didaktische Abhandlung sucht, könnte enttäuscht werden. Ann Lee ist ein Stimmungsfilm. Die Handlung tritt oft hinter die opulenten Bilder und die sich wiederholenden Musikmotive zurück. Historische Fakten verblassen eher. Denn das Biopic funktioniert mehr wie ein ritueller Rhythmus, der den Zuschauer einlullen und gleichzeitig aufpeitschen soll.
Fazit: „The Testament Of Ann Lee“ ist kein Film für Zwischendurch. Mit 137 Minuten Länge und einer fast schon physischen Intensität ist es ein Werk, das auf der großen Leinwand erlebt werden muss. Ein exzentrisches, blutiges und wunderschönes Werk.
Ein Hinweis zum Schluss: Unbedingt für den Abspann sitzen bleiben. Während der Film die Bewegung als wuchtigen Aufbruch inszeniert, liefern die finalen Texteinblendungen die ernüchternde historische Einordnung zur Population der Shaker. Es ist ein berührender Moment der Stille, wenn man erfährt, dass von den einst über 6.000 Mitgliedern im Juli 2025 nur noch zwei Shaker in den USA übriggeblieben sind (seit August 2025 sind es immerhin wieder drei).
Wir haben „The Testament Of Ann Lee“ auf der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film in der Reihe „Berlinale Special Gala“ lief und seine Europapremiere feierte.