The Rip

3/5

Filmkritik „The RIP“: 20 Millionen Gründe, einander zu misstrauen

Joe Carnahan kehrt mit dem Netflix-Cop-Thriller „The RIP“ zu seinen rauen Genre-Wurzeln zurück. Mit Matt Damon und Ben Affleck in den Hauptrollen serviert der Film harte Action, moralische Grauzonen und vertraute Buddy-Dynamik – solide, aber ohne echte Überraschungen.

Der klassische Cop-Thriller zählt zu den langlebigsten Genres des amerikanischen Kinos. Kaum ein anderes Sujet vermag Action, gesellschaftliche Abgründe und persönliche Loyalitätskonflikte derart wirkungsvoll miteinander zu verbinden. Doch genau diese lange Tradition ist Fluch und Segen zugleich: Vorbilder wie „Training Day“, „Serpico“, „We Own The Night“ oder „Street Kings“ haben die erzählerischen Leitplanken rund um Polizeikorruption längst fest im Asphalt verankert. Regisseur Joe Carnahan, der sich mit Filmen wie „Narc“ oder „The Grey“ als Spezialist für raues, maskulines Genre-Kino etabliert hat, bewegt sich mit „The RIP“ exakt in diesem Spannungsfeld. Sein neuer Netflix-Film setzt dabei weniger auf erzählerische Neuerfindung als auf handwerkliche Verlässlichkeit – und auf die nach wie vor magnetische Chemie zweier alter Freunde vor der Kamera.

Handlung von „The RIP“

Das Miami Police Department steht unter Schock, als Captain Jackie Velez (Lina Esco) bei einem Einsatz ermordet wird. Schnell gerät ausgerechnet ihre eigene Einheit ins Visier der internen Ermittlungen: das Tactical Narcotics Team, das tief im Drogenmilieu operiert und dabei regelmäßig mit großen Bargeldsummen konfrontiert ist. Als ein anonymer Hinweis bei Velez’ Stellvertreter Lieutenant Dane Dumars (Matt Damon) eingeht, macht sich dieser an einem späten Freitagabend gemeinsam mit Detective Sergeant JD Byren (Ben Affleck), Detective Mike Ro (Steven Yeun), Detective Numa Baptiste (Teyana Taylor) und Detective Lolo Salazar (Catalina Sandino Moreno) auf den Weg, der Spur nachzugehen.

Vor Ort eskaliert die Lage jedoch schneller als erwartet. Nachdem der Spürhund anschlägt, stoßen die Beamten im Haus von Desi Lopez Molina (Sasha Calle) auf rund 20 Millionen Dollar Drogengeld. Was als routinierter Zugriff beginnt, entwickelt sich zum moralischen Kipppunkt: Externe Ermittler und kriminelle Organisationen mischen sich ein, der Druck wächst – und Dumars bringt im engsten Kreis einen folgenschweren Vorschlag ins Spiel. Das Geld behalten. Und teilen.

Matt Damon, Ben Affleck und Sasha Calle in „The RIP“ (© Netflix)
Matt Damon, Ben Affleck und Sasha Calle in „The RIP“ (© Netflix)

Ein Film über Loyalität und Korrosion des Vertrauens

„The RIP“ erzählt weniger von einem spektakulären Verbrechen als vom schleichenden Zerfall moralischer Gewissheiten. Regisseur Joe Carnahan („A-Team – Der Film“) interessiert sich vor allem für die Frage, wie belastbar Freundschaft ist, wenn Geld, Angst und Macht als Störfaktoren ins Spiel kommen. Die Polizei erscheint dabei nicht als moralische Instanz, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Verführbarkeit. Thematisch bewegt sich der Film folgerichtig auf vertrautem Terrain: Korruption in der Truppe wird nicht erklärt, sondern in Teilen vorausgesetzt, moralische Ambivalenz ist der Normalzustand.

Das trägt über weite Strecken, bleibt jedoch spürbar an der Oberfläche. Während Genreklassiker wie „Training Day“ ihre Figuren bis ins Innerste sezierten, begnügt sich „The RIP“ meist mit Andeutungen, statt konsequent in die Abgründe vorzustoßen. Die Figuren bleiben funktionell. Carnahan setzt auf Tempo, Eskalation und permanente Spannung – ganz im Sinne des typischen Netflix-Prinzips, das weniger auf nachhaltige Vertiefung als auf maximale Aufmerksamkeit zielt.

Matt Damon, Teyana Taylor und Catalina Sandino Moreno in „The RIP“ (© Netflix)
Matt Damon, Teyana Taylor und Catalina Sandino Moreno in „The RIP“ (© Netflix)

Schauspiel und Inszenierung

Das große Pfund des Films ist zweifellos das Wiedersehen von Matt Damon („Oppenheimer“) und Ben Affleck („The Accountant 2“). Ihre jahrzehntelange gemeinsame Leinwandgeschichte verleiht den Dialogen eine spürbare Vertrautheit, die nie konstruiert wirkt. Vor allem in den ruhigeren Momenten tragen sie „The RIP“ mühelos und verleihen dem routinierten Stoff emotionale Erdung.

Unterstützt werden sie von Kyle Chandler („The Change“) als stoischem Autoritätsfaktor sowie von Teyana Taylor („One Battle After Another“), die mit physischer Präsenz und direkter Emotionalität Akzente setzt.

Ben Affleck und Matt Damon in „The RIP“ (© Netflix)
Ben Affleck und Matt Damon in „The RIP“ (© Netflix)

Inszenatorisch bleibt Joe Carnahan seinem vertrauten Stil treu: harte Schnitte, präzise choreografierte Actionsequenzen und eine bewusst funktionale Kameraarbeit sorgen zwar für Tempo, bewegen sich jedoch konsequent im sicheren Bereich, ohne nachhaltiges Staunen zu erzeugen. Erschwerend kommt hinzu, dass es durch die zahlreichen Nachtaufnahmen stellenweise an visueller Übersicht mangelt.

Fazit: „The RIP“ ist ein typischer Netflix-Cop-Thriller: professionell umgesetzt, gut besetzt und jederzeit souverän erzählt. Regisseur Joe Carnahan liefert routiniertes Genrekino, das sich angenehm wegschauen lässt, aber kaum nachhallt. Trotz in ihrer Präsenz starker Hauptdarsteller fehlt dem Film der Mut zum Risiko, um sich nachhaltig von seinen Vorbildern abzusetzen. Wer klassische Polizei-Thriller mit moralischen Grauzonen schätzt und vor allem die Chemie zwischen Damon und Affleck genießen möchte, wird solide unterhalten. Ein großer Wurf ist „The RIP“ jedoch nicht – eher ein funktionierender Dienst nach Vorschrift.

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