
Die Highlights des Jahres 2025 (von Alexander Querengässer)
04.01.2026
„The Order“ ist ein beklemmender Thriller über rechtsextremen Terror. Justin Kurzel erzählt die wahre Geschichte von Bob Mathews – mit Jude Law in Bestform.
Kaum ein Text hat den gewaltbereiten Rechtsextremismus so nachhaltig geprägt wie William L. Pierces „The Turner Diaries“. Das düstere „Best-of“ extremistischer Fantasien wurde von realen Tätern immer wieder als ideologischer Referenzpunkt herangezogen. Timothy McVeigh, der Attentäter von Oklahoma City, berief sich ebenso darauf wie der Londoner Nagelbomber David Copeland oder der norwegische Rechtsterrorist Anders Behring Breivik. Für sie fungierte der Roman weniger als Literatur denn als Legitimationsmythos: Gewalt als vermeintliche Pflicht, Terror als angeblicher Auftakt zum Umsturz. Genau hier knüpft Justin Kurzels „The Order“ an und übersetzt diese toxische Wirkungsmacht in eine konkrete Geschichte. Basierend auf dem Sachbuch „The Silent Brotherhood” von Kevin Flynn und Gary Gerhardt erzählt der Film vom realen Bob Mathews, dem Anführer der Terrorgruppe „The Order” in den 1980er Jahren. Mathews las „The Turner Diaries” nicht nur, sondern verstand es auch als Anleitung. Trotz des durchaus konventionellen Storytellings ist Kurzel ein atmosphärisch atemberaubendes Thriller-Drama gelungen, das von Jude Laws stärkster Performance seit Jahren sowie den schroffen, bedrohlichen Landschaftspanoramen Idahos getragen wird und dem Film eine fast mythische Schwere verleiht.
1983: Eine Serie brutaler Banküberfälle, Fälschungsaktionen und Morde versetzt den Nordwesten der USA in Alarmbereitschaft. Der desillusionierte FBI-Agent Terry Husk (Jude Law), der unter persönlichen Verlusten und beruflichen Rückschlägen leidet, hat sich nach Coeur d'Alene in das ländliche Idaho versetzen lassen, um einen Gang herunterzuschalten. Die Gegend wirkt auf den ersten Blick ruhig, doch unter der Oberfläche brodelt das Unheil extremistischer Gewalt. Gemeinsam mit seiner FBI-Kollegin Joanne Carney (Jurnee Smollett) und dem jungen, idealistischen örtlichen Polizisten Jamie Bowen (Tye Sheridan) stößt Husk auf ein Netzwerk rechtsextremer Radikaler, das sich selbst „The Order“ nennt – eine Splittergruppe der „Aryan Nations“ um den Gründer Richard Butler (Victor Pigott). Die Organisation wird von dem charismatischen und fanatisch überzeugten Bob Mathews (Nicholas Hoult) angeführt, der seine Anhänger auf einen bewaffneten Umsturz einschwört. Um ihre Kriegskasse zu füllen, überfallen sie Banken. Während Husk, Carney und Bowen versuchen, die Strukturen der Terrorzelle zu zerschlagen, spitzt sich der Konflikt zu einem ideologischen und zunehmend persönlichen Duell zwischen Ermittler und Anführer zu.

In einer Zeit, in der rechtsextreme Gewalt kein Randphänomen mehr ist, wirkt „The Order“ äußerst aktuell. Der Film blickt zurück in eine Zeit, in der neonazistische Gruppen begannen, ihre Ideologien in organisierte Gewalt umzusetzen, und macht deutlich, wie präsent diese Vergangenheit heute noch ist. Regisseur Justin Kurzel („Macbeth“) interessiert sich dabei weniger für Sensationen als für Ursachen, Strukturen und blinde Flecken staatlicher Wahrnehmung.
Der australische Filmemacher zeigt den Rechtsextremismus nicht als plötzliche Explosion, sondern als schleichende Entwicklung. Die abgeschottete Gemeinschaft, aus der Bob Mathews hervorgeht, lebt von Ritualen, Symbolen und ideologischer Selbstbestätigung. Der Film markiert präzise den Moment, in dem aus Hass Handlung wird. Mathews’ Entschluss, Geld durch Überfälle zu beschaffen, steht für den Übergang vom ideologischen Wahn zur terroristischen Praxis. Gerade diese Nüchternheit macht „The Order“ so unangenehm präzise: Gewalt entsteht hier nicht aus Chaos, sondern aus Planung und Überzeugung.

Kurzel vermeidet konsequent jede romantisierende Überhöhung seiner Täter. Bob Mathews erscheint nicht als missverstandener Rebell, sondern als gefährlicher Fanatiker, dessen Charisma aus absoluter Überzeugung und kalter Konsequenz erwächst. In Szenen, in denen er seine Anhänger in abgelegenen Waldlichtungen drillt oder ihnen Weltbilder einimpft, die aus „The Turner Diaries“ stammen, wird deutlich, wie verführerisch ideologische Einfachheit sein kann. Nicholas Hoult („Juror #2“) verkörpert diese Figur mit beunruhigender Ruhe und kontrollierter Intensität. Dadurch wirkt die eruptiv ausbrechende Gewalt umso schockierender.
Das emotionale Zentrum des Films ist jedoch (der fiktive FBI-Agent) Terry Husk. Jude Law („Eden“) verleiht dem abgerockten Beamten eine stille Erschöpfung. Und trotzdem will er mit all seiner verbliebenen Kraft das institutionelle Wegsehen der Polizei vor Ort beenden. Husk ist kein heldenhafter Retter, sondern ein Mann, der zu viel gesehen hat. Besonders schmerzhaft sind die ruhigen Zwischentöne, wenn Husk nach Halt in einer Familie sucht, die ihn längst verlassen hat. Zunächst bleibt das Telefon unbeantwortet, später ertönt nur noch der Dauerbesetztton – seine Frau hat sich eine neue Nummer besorgt. In diesen Momenten entfaltet Law eine melancholische Tiefe, die dem Werk Erdung verleiht. Das feine Zusammenspiel mit Tye Sheridan („Ready Player One“) als idealistischem Gegenpol verstärkt diesen Eindruck: Erfahrung trifft auf Hoffnung, ohne dass einer von beiden die Lage wirklich kontrollieren könnte.

Inszenatorisch bewegt sich „The Order“ im Fahrwasser klassischer Polizei-Thriller und erinnert mit seiner kühlen Präzision an den Neo-Noir. Kurzel nutzt das Genre, um Spannung aufzubauen, ohne dabei den historischen Kern zu verwässern. Die Gewalt bleibt sachlich und beinah beiläufig, wodurch sie umso gewichtiger wird. Immer wieder drängen sich Parallelen zu Michael Manns Crime-Meisterwerk „Heat“ auf, die jedoch nicht als bloße Referenz, sondern als erzählerisches Echo wirken. Trotz der dynamischen Banküberfälle verdichtet Kurzel das Geschehen auf ein stilles Duell zwischen Ermittler und Terroristen, das sich vor allem in Blicken und Beobachtungen manifestiert. Doch während „Heat“ seinen Figuren eine tragische Größe zugesteht, verweigert „The Order“ den Mythos bewusst. Am Ende bleibt keine heroische Konsequenz, sondern ideologische Leere und Zerstörung.
Fazit: In dem eindringlichen, klugen und atmosphärisch herausragenden Thriller-Drama „The Order“ entfaltet sich vor der grandiosen Kulisse der rauen Landschaft des Nordwestens der USA ein beklemmendes Katz-und-Maus-Spiel zwischen Polizei und Terroristen, in dem Loyalität, Radikalisierung und moralische Erschöpfung aufeinanderprallen. Regisseur Justin Kurzel verbindet darin historische Genauigkeit mit erzählerischer Spannung und schafft ein Werk, das gleichermaßen fesselt und beunruhigt – getragen von starken Darstellerleistungen und einer konsequent nüchternen Inszenierung.