
Die weltweit erfolgreichsten Filme 2026: „Michael“ kratzt schon an 600-Millionen-Dollar-Marke
12.05.2026
Zwei Schauspiel-Größen, eine verlorene Zeit und vielsagendes Schweigen: In „The History Of Sound“ schickt Regisseur Oliver Hermanus das Duo Paul Mescal und Josh O'Connor auf eine melancholische Reise durch das verschneite Maine der 1920er Jahre. Doch während die Bilder berauschen, bleibt die Frage, ob die unterkühlte Inszenierung das Feuer der Darsteller erstickt.
Es war das Casting-Versprechen des Jahres: Paul Mescal und Josh O’Connor gemeinsam vor der Kamera. Der eine, der uns in „Gladiator II“ mit roher Physis beeindruckte, der andere, der in „Challengers“ die Leinwand elektrisierte. Dass Regisseur Oliver Hermanus diese beiden Schwergewichte für die Adaption von Ben Shattucks Kurzgeschichte „The History Of Sound“ gewinnen konnte, weckte Erwartungen an ein emotionales Crescendo, eine Art „Brokeback Mountain“ der Zwischenkriegszeit, getragen von Folk-Musik und Sehnsucht. Doch das Ergebnis ist leider weniger eine Sinfonie der Leidenschaft als vielmehr eine Etüde in Zurückhaltung.
Lionel (Paul Mescal) tauscht 1917 die elterliche Farm in Kentucky gegen das Musikkonservatorium in Boston. Dort begegnet er dem charismatischen David (Josh O’Connor). Zwischen den beiden ungleichen Männern entwickelt sich eine Verbindung, die weit über das akademische Interesse an Musik hinausgeht – eine Intimität, die jäh unterbrochen wird, als David in den Ersten Weltkrieg eingezogen wird. Nach dem Ende des Krieges führt das Schicksal die beiden im Winter 1920 wieder zusammen. In der Abgeschiedenheit des verschneiten Maine begeben sie sich auf eine fast meditative Mission: Mit einem frühen Aufnahmegerät reisen sie von Dorf zu Dorf, um die traditionellen Volkslieder der Region einzufangen und für kommende Generationen zu bewahren – eine Zeit tiefster Intimität, die Lionel nie wieder loslassen wird.

Der Film folgt Lionel schließlich über den Ozean nach Europa, wo er sich in den folgenden Jahrzehnten als Musiker einen Namen macht, verschiedene Beziehungen führt und ein auf den ersten Blick erfülltes Leben genießt. Doch unter der Oberfläche bleibt David eine Konstante, ein ungelöstes Rätsel. Erst Jahrzehnte später erkennt Lionel, dass diese flüchtigen Momente in der Kälte Maines das eigentliche Herzstück seines Lebens waren.
Oliver Hermanus verlässt sich fast blind auf die schiere Präsenz seiner Hauptdarsteller. Das Problem? Er lässt sie an der langen Leine verhungern. Sowohl Paul Mescal als auch Josh O’Connor liefern für sich genommen erstklassiges, nuanciertes Schauspiel ab. Sie wirken fast ehrfürchtig vor der Stille des Skripts. Beim Zusammenspiel aber liegt die Krux. Trotz des immensen Talents will der Funke im gemeinsamen Spiel nicht so recht überspringen. Es wirkt phasenweise so, als würden zwei Solisten nebeneinander spielen, statt ein Duett zu bilden.

Was „The History of Sound“ an narrativer Dynamik fehlt, macht der Film durch seine Optik wett. Die Kameraführung ist schlichtweg hervorragend. Die Bilder des verschneiten Maine sind von einer fast schmerzhaften Schönheit. Zusammen mit der Musik entsteht eine dichte Atmosphäre. Und auch die Lieder, die von den beiden jungen Männern „eingefangen“ werden, sind eine Klasse für sich. Sie sind mehr als nur hübsche Untermalung; sie sind das eigentliche Skript. Sie deuten all das an, was Lionel und David in ihrer Wortkargheit nicht aussprechen können.
Fazit: „The History of Sound“ ist zwar ein ästhetischer Triumph, bleibt aber in der Inszenierung als Liebesgeschichte zwischen zwei Männern seltsam distanziert. Ein Film, der eher den Kopf und das Auge anspricht als das Herz – eine melancholische Ballade, der zwischendurch die Puste ausgeht. Mit einer Laufzeit von zwei Stunden zieht sich die Erzählung spürbar. Entweder hätte Regisseur Oliver Hermanus den Cut bereits mit der Buchpräsentation von Lionel in den 80er Jahren setzen können oder einzelne Szenen einfach kürzen. Unterm Strich hätten gut 20 Minuten weniger dem Kern des Films nicht wehgetan.