The Death Of Robin Hood – Kritik

Filmkritik

4.5/5

Kritik „The Death Of Robin Hood“: Die Dekonstruktion eines Mythos

Regisseur Michael Sarnoski entmystifiziert die Legende vom edlen Räuber im Sherwood Forest radikal. Mit einem phänomenalen Hugh Jackman und rauen, bildgewaltigen Kulissen wird „The Death Of Robin Hood“ zu einem der intensivsten Kinoerlebnisse des Jahres.

Wir alle kennen die folkloristische Ballade: Robin Hood, der edle Dieb, der die Reichen bestiehlt, um es den Armen zu geben. Ein strahlender Held in Strumpfhosen. Doch was passiert, wenn die Romantisierung weicht und nur die nackte, grausame Realität des 13. Jahrhunderts übrigbleibt? Regisseur und Drehbuchautor Michael Sarnoski („Pig“) gibt darauf in „The Death Of Robin Hood“ eine kompromisslose Antwort. Inspiriert von der anonymen Ballade „Robin Hood‘s Death“ aus dem 17. Jahrhundert – die bereits 1976 als lose Vorlage für den Klassiker „Robin und Marian“ mit Sean Connery diente – liefert Sarnoski einen radikalen Gegenentwurf zu klassischen Abenteuer-Klischees.

Handlung von „The Death Of Robin Hood“: Was am Ende übrigbleibt

Robin Hood (Hugh Jackman) ist am Ende seines Weges angekommen. Nach einem Leben voll von mörderischen Umtrieben, Gewalt und Verbrechen hadert er schwer mit seiner eigenen Vergangenheit und der auf sich geladenen Schuld. Doch dann braucht sein alter Gefährte Little John (Bill Skarsgård) seine Hilfe: Dieser hatte sich unter dem falschen Namen Edward mühsam eine friedliche, bürgerliche Existenz aufgebaut, wurde jedoch von alten Feinden enttarnt. Seine Frau und seine Tochter Margaret (Faith Delaney) wurden verschleppt und werden nun als Geiseln gehalten.

Da Robin ohnehin nicht mehr an dem hängt, was von seiner Existenz übrig ist, unternimmt er eine letzte, tollkühne Befreiungsaktion, um die Familie seines treuesten Freundes wieder lebendig zusammenzubringen – ein finaler, blutiger Kraftakt, bei dem er selbst lebensgefährlich verletzt wird.

Dem Tode nah, landet er schließlich in der Obhut einer geheimnisvollen Frau (Jodie Comer). Auf einer einsamen Insel pflegt sie den gebrochenen Mann gesund und zeigt ihm unerwartet eine allerletzte Möglichkeit auf, vor seinem Ende doch noch so etwas wie Erlösung und inneren Frieden von seinen Taten zu finden.

Hugh Jackman in „The Death Of Robin Hood“ (© DCM)
Hugh Jackman in „The Death Of Robin Hood“ (© DCM)

Der Gewaltrausch der Realität

Das erste Drittel des Films gleicht einem filmischen Schlag in die Magengrube und führt uns direkt in die brutale Befreiungsaktion für Little Johns Familie. Michael Sarnoski verzichtet auf jegliche Zurückhaltung und inszeniert einen gnadenlosen Auftakt, der als konsequente Abrechnung mit dem romantisierten Heldenbild verstanden werden muss. Dieser Robin Hood ist kein charmanter Rebell mehr. Er ist ein vom Leben gezeichneter, brutaler Krieger, der in einem regelrechten Gewaltrausch versinkt. Ohne mit der Wimper zu zucken, schlachtet er Menschen ab – und der Film macht vor der Grausamkeit des mittelalterlichen Alltags, die auch Frauen und Kinder traf, nicht halt.

Der einstige „Held“ ist buchstäblich tief in Dreck und Blut versunken. Doch Sarnoski betreibt hier keine stumpfe Gewaltverherrlichung zum Selbstzweck. Diese kompromisslosen Bilder sind erzählerische Notwendigkeit: Sie etablieren zum einen die historische Brutalität der Epoche und machen zum anderen den tiefen, inneren Konflikt, der Robin Hood zerfrisst, überhaupt erst glaubwürdig. Die mörderischen Umtriebe fordern jedoch ihren Tribut: Robin geht zwar siegreich aus der Schlacht hervor, wird dabei aber verheerend verletzt.

Die unerwartete Kehrtwende: Vom Epos zum intimen Drama

Nach dem markerschütternden, blut- und actionreichen Auftakt vollzieht „The Death Of Robin Hood“ mit Robins schwerer Verwundung einen meisterhaften, aber dennoch unerwarteten Richtungswechsel. Ab dem zweiten Drittel verlangsamt sich das Erzähltempo drastisch, und der Fokus verschiebt sich komplett. Weg von der äußeren Gewalt, hin zur inneren Reue und der metaphysischen Frage nach Erlösung. Als der sterbende Robin auf der abgelegenen Insel in den Händen der mysteriösen Priorin landet, wandelt sich das brutale Mittelalterepos in ein intimes, fast schon spirituelles Drama.

Hier nimmt sich „The Death Of Robin Hood“ unerwartet viel Zeit und Raum, um drastisch nach innen zu blicken und Hoods innere und äußere Heilung zu begleiten. Diese Phase des Films lebt von den schauspielerischen Naturgewalten auf der Leinwand. Hugh Jackman („Glennkill: Ein Schafskrimi“) beweist einmal mehr seine immense Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit. Er spielt Hood nicht als unsterblichen Helden, sondern als eine von existenzieller Schuld zerfressene Seele.

Hugh Jackman und Bill Skarsgård in „The Death Of Robin Hood“ (© DCM)
Hugh Jackman und Bill Skarsgård in „The Death Of Robin Hood“ (© DCM)

Zusammen mit einer brillanten Jodie Comer („28 Years Later“) trägt Jackman den Film in dieser Phase im Alleingang. Die Chemie zwischen der geheimnisvollen Heilerin und dem gebrochenen Krieger verleiht dem Werk seine eigentliche, emotionale Tiefe.

Starke schauspielerische Leistung – bis in die Nebenrollen

Neben Hugh Jackman überzeugt auch das restliche Ensemble. Nicht nur Bill Skarsgård („Nosferatu – Der Untote“) liefert als Little John eine fantastische Leistung ab. Auch die jungen Darsteller wie Noah Jupe brillieren. Ein absolutes Highlight ist zudem die junge Faith Delaney, deren emotionales Zusammenspiel mit Jackman auf der Insel unter die Haut geht.

Bildgewaltige Arthouse-Poesie

Visuell und auditiv ist „The Death Of Robin Hood“ ein Meisterwerk. Die Kameraarbeit und die Montage sind von erhabener Qualität. Die rauen, bedrohlichen Bilder der ungezähmten, felsigen Landschaften Nordirlands verleihen der Geschichte einen fast schon mythischen, zeitlosen Touch. Man kann die Kälte des Schlamms und die Feuchtigkeit des Windes förmlich im Kinosaal spüren. Untermalt wird diese melancholisch-düstere Atmosphäre von irischen Liedern, die dem Film eine tief traumatische, aber auch wunderschöne emotionale Erdung verleihen.

Fazit: „The Death Of Robin Hood“ ist kein Popcorn-Kino und erteilt den glattgebügelten Hollywood-Versionen der Vergangenheit eine klare Absage. Regisseur Michael Sarnoski gelingt ein meisterhafter, bildgewaltiger Arthouse-Film abseits jeglicher Robin-Hood-Klischees. Eine radikale Entmystifizierung, die durch fantastische Schauspielleistungen und eine tiefschürfende Charakterstudie lange nachwirkt. Kinematografische Poesie in ihrer rauesten Form.

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