The Bombing Of Pan Am 103 – Kritik

Filmkritik

4/5

Serienkritik „The Bombing Of Pan Am 103“: Wie Lockerbie zu einem der größten Terrorermittlungsfälle wurde

„The Bombing Of Pan Am 103“ rekonstruiert das Lockerbie-Attentat als präzises Ermittlungsdrama, das vor allem durch seine menschliche Dimension berührt.

Am 21. Dezember 1988 explodierte Flug Pan Am 103 über der schottischen Kleinstadt Lockerbie. 270 Menschen starben. Jonathan Lees sechsteilige BBC-Miniserie „The Bombing Of Pan Am 103“ erzählt die Katastrophe nicht aus der Perspektive eines einzelnen Angehörigen, sondern verfolgt die Ermittlungen, die unmittelbar nach dem Anschlag beginnen. Das ist zunächst ein ungewöhnlicher Zugang: Statt das persönliche Leid in den Mittelpunkt zu stellen, geht es um Polizisten, FBI-Agenten und Helfer, die aus einem gewaltigen Trümmerfeld Schritt für Schritt eine Beweiskette zusammensetzen. Doch gerade aus dieser sachlichen Perspektive entwickelt die Serie ihre emotionale Kraft. Denn hinter jedem Kleidungsstück, jedem Koffer und jedem technischen Fragment steht ein Mensch. „The Bombing Of Pan Am 103“ ist deshalb weniger ein klassischer Thriller als ein sorgfältig beobachtetes Drama über die Arbeit nach einer unvorstellbaren Katastrophe.

Handlung von „The Bombing of Pan Am 103“

1988: Der junge schottische Polizist Ed McCusker (Connor Swindells) wird Teil der Ermittlungen unter Detective Chief Superintendent John Orr (Peter Mullan). Sie müssen klären, wie der Flug Pan Am 103 über Lockerbie zerstört werden konnte und wer die Bombe an Bord brachte. FBI-Agent Dick Marquise (Patrick J. Adams), der in den USA die amerikanischen Ermittlungen leitet, reist für einige Tage nach Schottland, um sich mit den britischen Kollegen abzustimmen. Dabei kommt es schnell zu Kompetenzgerangel. Die Amerikaner fordern Informationen, wollen aber selbst kaum welche teilen, was das Verhältnis der Ermittler zunächst belastet. Die Suche nach Spuren führt von den Trümmern über ein Stück Kleidung und ein elektronisches Bauteil bis nach Malta. Dort stoßen die Polizisten auf eine Verbindung zum libyschen Geheimdienst.

Connor Swindells , Tony Curran, Patrick J Adams und Eddie Marsan in „The Bombing Of Pan Am 103“ (© Netflix)
Connor Swindells , Tony Curran, Patrick J Adams und Eddie Marsan in „The Bombing Of Pan Am 103“ (© Netflix)

Ein Kinderschuh im Schnee

Die Ermittler dies- und jenseits des großen Teiches arbeiten sich in „The Bombing Of Pan Am 103“ über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren durch eine Katastrophe, bei der die Grenzen zwischen Beweismittel und persönlichem Schicksal schnell verschwimmen. Zwischen den Trümmern finden sie nicht nur Teile des Flugzeugs, sondern auch die Hinterlassenschaften der Menschen, die an Bord waren. Gepäck, Kleidung, Fotos und Spielzeug gehören zur Spurensicherung – und erzählen gleichzeitig von den Leben, die an diesem Abend ausgelöscht wurden.

Das wird an Ed McCusker besonders deutlich. In einer Szene findet der junge Polizist bei der Suche einen Kinderschuh. Später steht er zuhause vor den Schuhen seiner eigenen Kinder. Connor Swindells („Barbie“) braucht dafür kaum Worte. Der Fund, der im Einsatz als Beweisstück registriert wird, holt die Katastrophe plötzlich in sein eigenes Leben. Überhaupt sind es die Habseligkeiten der Opfer, über die die Serie ihre emotionale Seite entwickelt. Für die Ermittler sind sie Teil der Spurensicherung, für die Angehörigen die letzten Dinge, die von einem Menschen geblieben sind.

Diese Szenen gehören zu den eindringlichsten Momenten der Serie. Niemand muss erklären, was ein einzelner Gegenstand für eine Familie bedeuten kann. Man sieht es den Menschen an, die ihn in den Händen halten.

Patrick J Adams und Merritt Weaver in „The Bombing Of Pan Am 103“ (© Netflix)
Patrick J Adams und Merritt Weaver in „The Bombing Of Pan Am 103“ (© Netflix)

Ermittler statt Helden

Das Ensemble trägt diese zurückgenommene Erzählweise. Connor Swindells macht aus McCusker keinen abgeklärten Fernsehkommissar. Er ist ein junger, grundehrlicher Polizist, der sich zunächst in einem Fall von kaum vorstellbaren Dimensionen zurechtfinden muss. Seine Veränderung lässt sich vor allem an seinem Verhalten ablesen. Und doch bringt er durch seine fast schon rührende Aufrichtigkeit die größte Menschlichkeit in die Serie. Peter Mullan („Children Of Men“) legt als John Orr mehr Härte an den Tag. Orr besteht darauf, dass die schottische Polizei die Kontrolle über die Ermittlungen behält. Seine Auseinandersetzungen mit dem FBI verleihen dem Fall eine zusätzliche Spannung. Gleichzeitig bleibt er den Angehörigen und den Opfern verpflichtet.

Patrick J. Adams („Wayward“) spielt den leitenden FBI Special Agent Dick Marquise zunächst als Mann mit einem anderen Verständnis von Ermittlungsarbeit. Zwischen ihm und Orr knirscht es entsprechend. Mit der Zeit verschiebt sich das Verhältnis. Aus den unterschiedlichen Ansätzen entsteht Zusammenarbeit. Eddie Marsan („Clayface“) gibt dem zurückhaltenden Forensik-Guru Tom Thurman die notwendige technische Autorität, während Merritt Wever („Unbelievable“) als energische Opfervertreterin Kathryn Turman die Perspektive der Angehörigen in der Geschichte vertritt. Dadurch bleibt der Fall nicht allein eine Angelegenheit von Polizei und Geheimdiensten.

Eddie Marsan und Tony Curran in „The Bombing Of Pan Am 103“ (© Netflix)
Eddie Marsan und Tony Curran in „The Bombing Of Pan Am 103“ (© Netflix)

Die Katastrophe liegt in den Details

Michael Keillor, der bei allen sechs Teilen Regie führte, inszeniert Lockerbie ohne den üblichen Katastrophenbombast. Die Explosion selbst ist nur kurz zu Beginn als diffuses Ereignis zu sehen. Danach geht es hinaus in die Landschaft, zu den brennenden Häusern und den Menschen, die im Schnee nach Überresten suchen. Die Kamera bleibt immer wieder bei den Fundstücken. Gelbe Beweismitteltüten, beschädigte Koffer, Kleidungsstücke und kleine technische Teile werden zu einem festen Bestandteil der Bilder. Dazu kommen Autos, Telefone und Uniformen aus den späten 1980er-Jahren. Nichts davon wirkt ausgestellt.

Auch beim Ton hält sich die Serie zurück. Wind und Schritte im Schnee, das Rascheln von Plastiktüten, die Geräusche der nächtlichen Suchaktionen. Kirchenglocken und Dudelsäcke setzen einzelne Akzente. Das ist ein bewusster Kontrast zum Ausmaß des Anschlags. Je größer die Katastrophe, desto kleiner werden die Dinge, auf die sich die Ermittler konzentrieren müssen. Ein winziges Fragment kann wichtig sein. Ein Schuh kann eine Geschichte erzählen. Und ein Koffer kann für eine Familie plötzlich mehr bedeuten als für die Ermittler, die ihn untersucht haben.

Fazit: „The Bombing Of Pan Am 103“ ist ein starkes Ermittlungsdrama, das den Lockerbie-Anschlag nicht zum Spektakel macht. Seine besten Momente findet die Serie dort, wo die Polizeiarbeit auf das persönliche Leid trifft. Connor Swindells und Peter Mullan überzeugen mit einem Spiel ohne falsches Pathos. Eine präzise, eindringliche und emotional erstaunlich nachhaltige Serie.

Trailer

Hinter den Kulissen

Hintergrund der Produktion

„The Bombing Of Pan Am 103“ ist eine sechsteilige britische Miniserie von World Productions, die gemeinsam mit MGM Television und Night Train Media entstand. Die Serie wurde 2023 von BBC One und Netflix in Auftrag gegeben. Die Idee für das Projekt geht auf Adam Morane-Griffiths und Sara Curran zurück, die es bereits 2020 entwickelt hatten. Jonathan Lee schrieb vier Episoden und fungiert als Schöpfer der Serie, Gillian Roger Park verfasste zwei weitere Folgen. Regie führte Michael Keillor, produziert wurde die Serie von Julia Stannard.

Die Besetzung verbindet britische und US-amerikanische Schauspieler. Connor Swindells spielt den schottischen Ermittler Ed McCusker, Eddie Marsan den FBI-Experten Tom Thurman, Peter Mullan den leitenden schottischen Ermittler John Orr und Patrick J. Adams den FBI-Agenten Dick Marquise. Merritt Wever ist als FBI-Ermittlerin Kathryn Turman zu sehen. Zum weiteren Ensemble gehören unter anderem Lauren Lyle, Phyllis Logan, Tony Curran, James Harkness und Kevin McKidd.

Gedreht wurde ab Anfang 2024 in Schottland sowie auf Malta und in Toronto. Die unterschiedlichen Schauplätze bilden dabei die internationalen Stationen der Ermittlungen ab. Die Serie entstand als fiktionales Drama auf Grundlage der realen Ereignisse und der jahrzehntelangen Ermittlungen. Die Musik stammt von der schottischen Post-Rock-Band Mogwai, die damit erstmals den Soundtrack einer Fernsehserie komplett übernahm.

Bei der historischen Einordnung reicht die Handlung bis zu den späteren juristischen Entwicklungen des Falls. Die Serie führt bis zum Prozess gegen Abdelbaset al-Megrahi und Lamin Khalifah Fhimah, der 2000 im niederländischen Camp Zeist stattfand. Während al-Megrahi schuldig gesprochen wurde, wurde Fhimah freigesprochen. Die Produktion geht darüber hinaus bis zu den jüngeren Entwicklungen des Falls und damit bis zur Anklage eines weiteren mutmaßlichen Beteiligten Ende 2022.

Gut zu wissen

Wissenswertes

Der Anschlag auf Pan Am Flug 103 gilt als der folgenschwerste Terroranschlag auf britischem Boden. Bei der Explosion über Lockerbie starben 270 Menschen, darunter 259 Insassen der Boeing 747 und elf Bewohner der Stadt. Die Ermittlungen wurden zu einem internationalen Verfahren, das sich über Jahre erstreckte und unter anderem Schottland, die USA, Deutschland, Malta, Libyen und die Niederlande betraf.

Ausstrahlung

„The Bombing Of Pan Am 103“ wurde in Großbritannien vom 18. Mai bis 2. Juni 2025 auf BBC One ausgestrahlt. International ist die Serie seit dem 30. Juli 2026 bei Netflix verfügbar.

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