
Festivalbericht 76. Berlinale: Zwischen Polit-Beben und cineastischem Mittelmaß
23.02.2026
Man nennt sie die „objektivste Behörde der Welt“. Doch für die Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan) wird die Suche nach Gerechtigkeit zum lebensgefährlichen Alleingang gegen die eigenen Kollegen. Wenn die Akten lügen und die Zeugen schweigen, bleibt nur noch die radikale Wahrheit. „Staatsschutz“ ist ein Film, der dort hinsticht, wo es dem Rechtsstaat am meisten wehtut.
„Staatsschutz“ ist der Gewinner des Berlinale-Publikumspreises in der Sektion Panorama 2026 und ein cineastischer Mittelfinger gegen die Verharmlosung rechter Gewalt. Ein Justizthriller, der dich erst packt und dann fassungslos zurücklässt. In der deutschen Justiz gilt die Staatsanwaltschaft als Hort der Neutralität. Regisseur Faraz Shariat und sein Drehbuch-Team nehmen dieses Ideal und lassen es gegen die harte Realität eines tief verwurzelten rechten Netzwerks prallen.
Im Zentrum steht Seyo Kim, brillant und mit einer fast physisch spürbaren Intensität gespielt von Chen Emilie Yan. Als junge lesbische Staatsanwältin überlebt sie einen rassistischen Anschlag in der ostdeutschen Provinz. Doch statt Solidarität erfährt sie von ihrem Dienstherrn – verkörpert durch einen beängstigend subtilen Arnd Klawitter als Oberstaatsanwalt – vor allem eines: den Befehl zur Einstellung der Ermittlungen. Was folgt, ist eine hochexplosive Mischung aus messerscharfem Gerichtsdrama und atemlosem Rachethriller. Seyo Kim entscheidet sich gegen die Weisung ihrer Behörde und für die Wahrheit. Die Inszenierung nutzt dabei eine dichte, lückenlose Erzählweise, die einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann.

Besonders beeindruckend ist, wie „Staatsschutz“ das Gefühl der Wut kultiviert. Es ist nicht nur Seyos Wut; es ist eine kollektive Wut, die sich vom Kinostuhl direkt ins Rückenmark des Zuschauers überträgt. Man spürt die Ohnmacht gegenüber einem System, das „Einzelfälle“ wie Perlen auf eine Kette reiht, nur um das große Bild eines rechtsextremen Netzwerks – das bis in staatliche Institutionen reicht – konsequent zu ignorieren.
„Staatsschutz“ stellt die unbequemen Fragen, die unsere Gesellschaft aktuell schmerzhaft umtreiben: Es ist kein Thriller im luftleeren Raum. Er greift die aktuelle politische Stimmung auf und spiegelt die reale Gefahr wider, ohne belehrend zu wirken. Er bricht die Illusion der Neutralität und demaskiert die vermeintliche Objektivität der Behörden als gefährliche Blindheit auf dem rechten Auge. Dabei nutzt er die Archivarbeit als Waffe – Seyo Kim wälzt alte Akten und lässt scheinbar harmlose Zeugen ins Messer laufen, was dem Film eine intellektuelle Schärfe verleiht, die man im deutschen Kino oft vermisst. Dass die Gerichtsverhandlungen punktuell ins Plakative kippen, verzeiht man dem Justizthriller gern – es passt zur Radikalität der Prämisse. Der Film will nicht höflich anklopfen; er will die Tür eintreten.

Neben Chen Emilie Yan glänzen Julia Jentsch und Sebastian Urzendowsky in Rollen, die die moralische Grauzone eines Staates perfekt ausleuchten, der mit zweierlei Maß misst. Das eigentliche Kunststück des Films gelingt aber durch die Besetzung des Oberstaatsanwalts Forch. Arnd Klawitter liefert eine Performance ab, die man so schnell nicht vergisst – weil man seine Figur von der ersten Sekunde an abgrundtief verachtet.
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Klawitter schafft es, dass sich die Verachtung für seine Figur wie ein roter Faden durch den Film zieht. Er spielt diesen Mann mit einer erschreckenden, bürokratischen Glätte. Dass er Teil des rechten Netzwerks ist, wird nie direkt herausgeschrien. Es zeigt sich subtiler, fast beiläufig: in der Art, wie er Akten verschwinden lässt, wie er offensichtlich rechts motivierte Taten als „jugendliche Verfehlungen“ unter den Tisch kehrt oder Zeugen diskreditiert. Es ist diese systemische Sabotage im Gewand der Dienstvorschrift, die den Zuschauer vor Wut im Kinosessel beben lässt.
Chapeau an Klawitter, der hier das personifizierte „Wegsehen“ eines Staates verkörpert, der auf dem rechten Auge nicht nur blind ist, sondern die Hand schützend über die Täter hält. Als Publikum möchte man jedes Mal am liebsten die Leinwand anschreien – ein Zeugnis dafür, wie brillant er die Arroganz der Macht verkörpert.
Fazit: „Staatsschutz“ ist mehr als nur ein Justizdrama; es ist ein Manifest gegen das Wegsehen. Faraz Shariat beweist nach seinem Debüt erneut, dass er einer der wichtigsten Stimmen des zeitgenössischen deutschen Kinos ist. Er räumt auf mit der Mär vom Einzeltäter und zeigt uns stattdessen die hässliche Fratze eines Systems, das seine eigenen Kinder frisst, wenn sie zu tief graben. Ein Thriller, der den Puls rasten lässt und das Gewissen wachrüttelt.
Wir haben „Staatsschutz“ auf der 76. Berlinale gesehen. Dort lief er in der Sektion Panorama und feierte zudem seine Weltpremiere.