Shangos letzter Kampf – Kritik

Filmkritik

3.5/5

Filmkritik „Shangos letzter Kampf“: Kreativer Italowestern mit Anthony Steffen

Atmosphärischer Spätwestern von Edoardo Mulargia, der mit kreativer Inszenierung und rauer Endzeitstimmung überzeugt.

Anfang der Siebziger ist der harte Italowestern der alten Schule nahezu am Ende. Die großen Regisseure des Genres drehen keine neuen Filme mehr, Komödien nach dem Erfolgsrezept des Spencer-Hill-Vehikels „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ laufen den Schießorgien den Rang ab und so werden diese mit immer geringeren Mitteln von drittklassigen Regisseuren wie Demofilo Fidani oder Gianni Crea abgedreht. Eine talentierte Ausnahme stellt Edoardo Mulargia dar, dem zwar auch nur beschränkte Budgets zur Verfügung stehen, mit denen er aber unterhaltsame kleine Actionstreifen auf die Leinwand bringt. Mit „Shangos letzter Kampf“ schuf Mulargia einen der bemerkenswertesten Vertreter der späten Italowestern-Welle. Der Film verbindet die vertrauten Zutaten des Genres mit einer ungewöhnlichen Erzählstruktur und beweist, dass auch abseits der großen Namen noch kreative und unterhaltsame Western entstehen konnten.

Handlung von „Shangos letzter Kampf“

Eine Szene wie aus dem Vietnamkrieg. Ein erschöpfter Mann (Anthony Steffen) sitzt in einem hölzernen Käfig, der in die Wipfel eines Baumes gezogen wurde. Auf mysteriöse Weise wird er befreit, verschafft sich eine Waffe und verkriecht sich bei den Einwohnern in der Nähe einer kleinen Stadt, die von Banditen und ehemaligen Südstaatensoldaten unter Major Droster (Eduardo Fajardo) besetzt gehalten wird. Durch die entbehrungsreiche Zeit hat er sein Gedächtnis verloren. Er weiß noch, dass er ein Ranger ist und Shango heißt. Doch was ihn in diese Gegend verschlagen hat, hat er vergessen. Als die Südstaatler die Jagd auf ihn eröffnen, findet er zumindest schnell heraus, dass er ein grandioser Pistolenschütze ist.

„Shangos letzter Kampf“ (© Koch Media)
„Shangos letzter Kampf“ (© Koch Media)

Edoardo Mulargia und das Ende des klassischen Italowesterns

Eigentlich war Regisseur Edoardo Mulargia, der sich in Anlehnung an ein anderes Low-Budget-Genie, den nach Amerika ausgewanderten Edgar G. Ulmer, immer Edward G. Muller nannte, gar kein Liebhaber von Westernfilmen. Aber wer im Italien der Sechziger im Filmgeschäft sein Geld machen wollte, kam an diesem Genre nicht vorbei. Schon 1965 übernahm Mulargia die Dreharbeiten zu „Jetzt sprechen die Pistolen“, für die der gebürtige Brasilianer Antonio de Teffe alias Anthony Steffen für die Hauptrolle gecastet wurde. Mit seinem markanten Gesicht und seinem leidenden Ausdruck erwies sich Steffen als Idealbesetzung für harte Italowestern-Rollen, auch wenn er hinter den Kulissen als ängstlicher und wehleidiger Star galt. Schauspielerisch verlangten ihm seine Rollen nicht viel ab, weswegen er in Fankreisen heute als „Stoneface“ gilt. Dennoch macht man mit einem Anthony-Steffen-Western eigentlich nichts verkehrt.

Mit Mulargia verstand sich Steffen sehr gut und so drehten die beiden zusammen sechs Filme. Für den 1970 entstandenen „Shangos letzter Kampf“ verfassten sie sogar gemeinsam das Drehbuch. Dafür bedienen sie sich einer funktionalen Geschichte, wobei nicht nur der Name des Helden überdeutlich an Sergio Corbuccis „Django“ erinnert. Wie dieser sieht sich Shango in einer abgelegenen Grenzstadt mit zwei Banden konfrontiert, die ausnahmsweise einmal nicht gegen-, sondern miteinander arbeiten und von denen eine vom selben Schurken kommandiert wird wie im Corbucci-Klassiker: dem exzellent aufspielenden Edoardo Fajardo. Seinen mexikanischen Partner Martinez mimt der durchaus charismatische B-Filmdarsteller Maurice Polli.

Politische Untertöne und kreative Inszenierung

Inspiriert wurden Mulargia und Steffen beim Schreiben wohl auch von ihren eigenen Kindheitserinnerungen an das Kriegsende in Italien, als deutsche Truppen und faschistische Milizen so manches Dorf bis zum Schluss unter ihrer Knute hielten. Steffen soll als Jugendlicher sogar der Resistenza beigetreten sein und so lässt sich die seltsame Allianz zwischen Mexikanern und rassistischen Südstaatlern im Film rasch als Parabel auf italienische Faschisten und nationalsozialistische Deutsche im Krieg lesen.

Auch interessant: Weitere Klassiker-Kritik von Alexander Querengässer

Durch die nichtlineare Erzählweise mit vielen Rückblenden, in denen Shangos Identität und Auftrag sukzessive aufgedeckt werden, können die beiden dem eher simplen Plot noch ein wenig zusätzliche Spannung abgewinnen. Den Rest macht eine kreative Inszenierung. Mulargia arbeitet mit einigen Rückblenden à la Sergio Leone, aber auch etlichen surrealistischen Szenen, die die wiederkehrende Erinnerung Shangos und den zerfallenden Verstand Drosters mit einfachen Mitteln visualisieren und den Film trotz des dennoch sichtbar beschränkten Budgets von der talentfreien Machart so manches zeitgenössischen Konkurrenten abheben.

Gedreht wurde im herbstlichen Latium, was dem Film eine surreale Endzeitstimmung verleiht, ähnlich wie in den B-Perlen „Heute ich, morgen du“ oder „Django – spricht das Nachtgebet“, in dem Steffen ebenfalls einen Charakter spielte, der sein Gedächtnis verloren hatte. Mulargia gibt dem Zuschauer, was er von einem Italowestern erwartet: heftige Prügeleien, Pistolenduelle, in denen der Held zeigen kann, dass er immer noch am schnellsten zieht, und natürlich die vermeintliche Folterszene, in der er körperlich beinahe gebrochen wird, um dann als Heilsbringer wieder aufzustehen.

Erfreulicherweise kommt der Soundtrack von Gianfranco di Stefano, dessen Trompetensoli in den übrigen Mulargia-Western etwas zu dominant und aufdringlich sind, dieses Mal sehr dezent zum Einsatz. In den Opening Credits dominiert lediglich das Knarren des Baumes, in welchem Shangos Käfig schwebt, zusammen mit dem im Hintergrund leise gesungenen Bürgerkriegslied „When Johnny Comes Marching Home“. Manchmal ist weniger eben mehr.

Valerio Fioravanti und ein bemerkenswerter Nebenaspekt

Eine Nebenrolle wird von dem seinerzeit beliebten Kinderdarsteller Valerio Fioravanti, genannt Giusva, übernommen, der bereits in Mulargias unterhaltsamem „Django – Kreuze im blutigen Sand“ einen herzzerreißenden Part übernommen hatte. Zehn Jahre später war Fioravanti Mitglied einer rechten Terrorzelle, die für das Bombenattentat von Mailand verantwortlich war, bei dem 85 Menschen ums Leben kamen und 200 verletzt wurden. In einer Szene des Films wird seiner Figur, die Waffen vor den Mexikanern verstecken will, ins Bein geschossen, was in fast prophetischer Weise Fioravantis persönliches Schicksal vorwegnimmt, der später bei einem ähnlichen Versuch von der Polizei gestellt und angeschossen wurde.

Ich persönlich halte „Shangos letzter Kampf“ für Mulargias besten in Deutschland gezeigten Western. Sein unmittelbar davor entstandener und sowohl von zeitgenössischen Kritikern als auch von der modernen Fanszene noch wesentlich mehr beachteter „El Puro“ hat bisher leider keine deutsche Synchronfassung erhalten. An den Kinokassen war er seinerzeit nicht zuletzt dank der nach wie vor hohen Anzahl an Westernproduktionen kein sonderlicher Erfolg. Dafür gewann „Shangos letzter Kampf“ dank dem beliebten Regisseur-Hauptdarsteller-Gespann seine kleine Fangemeinde und bekam 2005 erstmals von Tele5 eine durchaus gelungene deutsche Synchronfassung verpasst.

Fazit: „Shangos letzter Kampf“ liefert solide Genrekost und zeigt, wie ein talentierter Regisseur und ein etablierter Star auch mit wenig Mitteln einen kreativen, atmosphärischen Film zustande bringen können, der noch heute gut unterhalten kann.

Interessante Nachrichten

Die weltweit erfolgreichsten Filme 2026: „Toy Story 5“ steht schon knapp vor der 600-Millionen-Marke

Die weltweit erfolgreichsten Filme 2026: „Toy Story 5“ steht schon knapp vor der 600-Millionen-Marke

30.06.2026

Das Kinojahr 2026 ist noch relativ jung, doch bereits jetzt zeichnen sich erste globale Gewinner ab. Während große Franchise-Titel bislang überraschend fehlen, dominieren aktuell mittelgroße Produktionen und einige bemerkenswerte Überraschungserfolge die weltweiten Box-Office-Charts.

„The Roundup“: Warum die Actionreihe aus Korea weltweit begeistert

„The Roundup“: Warum die Actionreihe aus Korea weltweit begeistert

29.06.2026

Mit brachialer Action, einem charismatischen Helden und Millionenpublikum entwickelte sich „The Roundup“ zu einer der erfolgreichsten Filmreihen Südkoreas.

Empfehlungen der Redaktion