Charmante TV-Abenteuerserie aus den 1970ern: „Sandokan – Der Tiger von Malaysia“ überzeugt trotz kleinem Budget mit starken Darstellern, epischer Musik und zeitlosem Exotik-Flair.
Heute ist es nichts Ungewöhnliches mehr, dass Serien als episodenübergreifende Langzeitfilme für TV- und Streaminganbieter angelegt werden, während sie früher in sich geschlossene Kurzgeschichten präsentierten, die bestenfalls lose durch die Entwicklung ihrer Protagonisten miteinander verwoben waren. Doch gerade historische Stoffe boten sich früh für eine etwas komplexere TV-Unterhaltung an. Als Mitte der 70er Jahre das italienische Kino einen geradezu spektakulären Beinahetod zu sterben drohte und viele einst gefragte Regiemeister keine Projekte mehr finanziert bekamen, begannen auch sie, auf das neue Medium des Fernsehens auszuweichen. Einer von ihnen war Sergio Sollima – Vater des heute erfolgreichen Stefano Sollima („Sicario 2“) –, der sich mit unterhaltsamen Agenten- und Westernfilmen sowie zuletzt einigen ambitionierten politischen Thrillern („Revolver“) einen Namen gemacht hatte. 1976 überraschte er mit der TV-Miniserie „Sandokan – Der Tiger von Malaysia“, eine eher naive Abenteuergeschichte, die sich aber zum Straßenfeger entwickelte.
Die Handlung von „Sandokan – Der Tiger von Malaysia“
Von Salgari zu Sollima: Italiens Antwort auf Karl May
Was den deutschen Karl May ist, ist den Italienern Emilio Salgari. Der lombardische Schriftsteller erlangte vor mehr als 100 Jahren großen schriftstellerischen Ruhm mit seinen Geschichten um den malaysischen Piraten Sandokan und den die Karibik unsicher machenden schwarzen Korsaren. Natürlich nahm sich auch das italienische Genrekino der 60er Jahre den Romanen an – unter anderem spielte „Herkules“-Mime Steve Reeves zweimal Sandokan –, doch handelte es sich meist um kleinere Produktionen, denen der Charme und auch die Qualität der zeitgleich in Deutschland gedrehten Karl-May-Filme abging.
1976 entschloss sich die RAI zu einer weiteren Adaption, wofür sie den zweiten Band aus dem Malaysia-Zyklus „Der Tiger von Mompracem“ herausgriff, in welchem Sandokan sich in die schöne Marian verliebt und dem düsteren Abenteurer James Brooke gegenübertritt. Ursprünglich war kein Geringerer als Sergio Leone als Regisseur für das Projekt im Gespräch, doch dieser litt unter Flugangst und war nicht bereit, die weite Reise nach Südostasien auf sich zu nehmen. So rückte Sergio Sollima nach, der seit fast drei Jahren keinen Film mehr gedreht hatte, sich aber als Glücksgriff erwies, denn er weiß aus dem sichtbar begrenzten Budget das Maximum herauszuholen.
Darsteller, Musik und Atmosphäre als tragende Säulen
Drei Säulen tragen die auf sechs Teile angelegte Miniserie: gut aufspielende Darsteller, ein authentisches Flair und eine tolle Musik. Für die Rolle des Sandokan wurde erstmals kein italienischer oder amerikanischer Schauspieler gewonnen, sondern der Inder Kabir Bedi, der die wilde Schönheit, mit der Salgari seinen Piratenfürsten beschreibt, ideal verkörpert und auch mehr schauspielerische Klasse zeigt als mancher seiner Vorgänger in dieser Rolle. Ihm zur Seite steht die damals 23-jährige Carole André, die die zarte, naive Jugendlichkeit von Lady Mariana perfekt zum Ausdruck bringt. Zwischen beiden Darstellern stimmte die Chemie, was man den gemeinsamen Szenen zu jeder Zeit anmerkt.
Übertrumpft werden beide jedoch darstellerisch von den Nebencharakteren James Brooke und Yanez de Gomera. Der Sizilianer Adolfo Celi verleiht Brooke eine herrlich erhabene Präsenz. Er ist skrupellos, zielstrebig und schlau und dabei gleichzeitig fasziniert von seinem Gegenspieler Sandokan. Der ehemalige Fremdenlegionär Philippe Leroy schafft es, seinen Yanez nicht nur glaubhaft als Abenteurer zu verkörpern, sondern spielt ihn mit einer humorvollen Leichtigkeit. Das Aufeinandertreffen zwischen Brooke und Yanez in Episode 4 gehört zu den Höhepunkten der Serie.
Überhaupt weiß die Story in jeder einzelnen Folge verschiedene Highlights zu setzen: eine Seeschlacht in Teil 1, eine Tigerjagd in Teil 2, gefolgt von dem legendären Duell zwischen Sandokan und einem Tiger in Teil 3, Yanez’ geheime Mission und sein Wortduell mit Brooke in Teil 4, die Einblicke in das Leben auf Mompracem in Teil 5 und schließlich den tragischen Tod Marianas im letzten Teil. Gerade hierin zeigt sich Sollimas Regiekunst und Bedis gutes Spiel, denn Sandokans Trauer ist nach innen gekehrt – er gibt keinen der heute so beliebten und kitschigen Schmerzensschreie von sich. All seine Gefolgsleute stehen betreten um ihn herum, die Kamera zoomt aus dieser stillen Szene heraus, während die traurige Musik allein die nötige emotionale Wucht entfaltet.
Kult-Score, Drehorte und nachhaltiger Serienerfolg
Diese Musik der Brüder Guido und Maurizio De Angelis, die sich damals auf dem Höhepunkt ihres Könnens präsentierten, ist die zweite Säule der Serie. Für die Titelmelodie wurden asiatische Instrumente wie die indische Sitar verwendet, das Thema Lady Marianas wird dagegen als zeitgenössisches Cembalo-Stück oder mit traurigen Streichern präsentiert. Der Soundtrack zur Serie ist in Italien heute noch ein eigenständiger Klassiker.
Die Serie wurde in Kooperation mit der Bavaria in Münchener Studios, auf dem Tyrrhenischen Meer vor der Küste Italiens, zu einem erheblichen Teil aber auch in Indien gedreht, wo seinerzeit kostengünstige Statisten angeworben werden konnten, die der Serie zugleich ein zeitloses Flair verleihen. Immer wieder tönen Anklänge des italienischen Mondogenres an, das in vermeintlich dokumentarischem Stil Sitten und Gebräuche exotischer Völker präsentiert, wofür sich insbesondere die fünfte Episode viel Zeit nimmt.
Die Besetzung Bedis und der Dreh in Indien verleihen der Serie somit ein authentischeres Kolorit als den alten Filmen der 60er Jahre, was aber wohl eher dem Zufall als der Absicht der Produzenten entsprang. So rückte Bedi erst auf der Besetzungsliste nach, nachdem der japanische Superstar Toshiro Mifune die Rolle abgelehnt hatte.
„Sandokan“ erwies sich als gewaltiger Erfolg in Italien, wurde in Deutschland zunächst als auf gerade einmal 82 Minuten eingedampfter Kinofilm präsentiert und 1979 auch im Fernsehen gezeigt. Zwei Jahre später eroberte der Tiger von Malaysia auch die DDR. Es folgten weitere, teils weniger erfolgreiche Adaptionen, doch der Mythos Sandokan blieb lebendig. Der Tiger lebt noch – aber er heißt Kabir Bedi.