Rosebush Pruning

2.5/5

Filmkritik „Rosebush Pruning“: Abstoßende Dekadenz ohne Fallhöhe

Die Gesellschaftssatire „Rosebush Pruning“ sieht brillant aus und setzt auf Provokation – doch hinter der Dekadenz bleibt wenig Substanz.

Nach dem Schauen von Karim Aïnouz’ „Rosebush Pruning“ blickt man nie wieder mit derselben Unschuld auf Menschen mit strahlend weißen Zähnen. Diese Zeiten sind vorbei – endgültig! Efthimis Filippou („Kinds Of Kindness“), sonst kongenialer Stichwortgeber für Arthouse-Starregisseur Yorgos Lanthimos („Poor Things“), liefert auch hier eine Reihe spektakulär-abseitiger Einfälle. Doch ohne den griechischen Virtuosen an seiner Seite wirken seine Volten diesmal seltsam orientierungslos. Das Problem liegt weniger in der Provokation selbst als in ihrer Haltlosigkeit. Die Figuren sind so demonstrativ unangenehm, dass ihr emotionales Schicksal nicht eine Sekunde interessiert. „Rosebush Pruning“ gerät so zur Eat-The-Rich-Satire, die grell auftrumpft und Eindruck hinterlässt, im Fahrwasser von „Saltburn“ jedoch wie die Referenz kaum über die Oberfläche hinauskommt und letztlich vor allem Distanz erzeugt.

Handlung von „Rosebush Pruning“

Die Geschichte beginnt an einem spanischen Strand, wo der stilbewusste Edward (Callum Turner) seinen neuen Bekannten George in die Welt der Mode einführt. Rasch wird klar, dass Körper, Status und Inszenierung in dieser Welt als Währungen gelten. Edwards steinreiche Familie lebt abgeschottet in Katalonien: ein blinder Patriarch (Tracy Letts), emotional instabile Geschwister (Lukas Gage, Riley Keough) und ein Gefüge aus subtilen Rivalitäten und obsessiven Bindungen. Der bizarre Tod der Mutter (Pamela Anderson) – angeblich von Wölfen gerissen – hat ein Vakuum hinterlassen, das die Familie mit ritualisierter Erinnerung und gegenseitiger Abhängigkeit füllt. Als Edwards Bruder Jack (Jamie Bell) seine neue Partnerin Martha (Elle Fanning) mitbringt, beginnt das fragile Gleichgewicht zu kippen.

Zwischen Satire und Selbstzweck

Karim Aïnouz liest Mario Bellocchios „Mit der Faust in der Tasche“ (1965) als lose Vorlage für ein Porträt familiärer Dysfunktion im Vakuum dekadenter Wohlstandsblasen. Doch Efthimis Filippous Drehbuch setzt stärker auf kalkulierte Grenzüberschreitung als auf präzise Beobachtung. Provokation wird zum Selbstzweck, während die satirische Stoßrichtung im Nebel der Exzentrik verschwimmt.

Glänzende Oberfläche, wenig darunter

Visuell ist „Rosebush Pruning“ ein Triumph der Oberfläche. Aïnouz komponiert Bilder von luxuriöser Kälte, die den moralischen Frost seiner Figuren spiegeln. James-Bond-Kandidat Callum Turner („Die Jungs im Boot“) spielt Edward mit fragiler Selbstsicherheit, Jamie Bell („All Of Us Strangers“) bringt nervöse Intensität ein - und Elle Fanning („Like A Complete Unknown“) fungiert als emotionaler Kontrastpunkt und letzte Bastion des Anstands, während Tracy Letts („A House Of Dynamite“) als Vater das genaue Gegenteil verkörpert. Das Ensemble stemmt die Exzentrik mit sichtbarem Engagement, doch selbst ihr Einsatz kann die dramaturgische Leere nicht vollständig überdecken.

Autor Efthimis Filippou dreht frei Man ahnt früh, dass hier etwas im Rosenbusch ist. Die Abgründe werden von Minute zu Minute größer, aber nicht bedeutungsvoller. Man spürt von Beginn an, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt. Spätestens wenn Vater und Sohn Ed in ihre (zu Beginn des Textes angedeutete) inzestiöse Zahnputzorgie kippen, dreht Filippou endgültig frei: Hier bekommt der Affe nicht nur Zucker, hier wird er gleich in einem ganzen Silo ersäuft.

Zentrale Ekelszene zeigt, was der Film nicht einschlägt

Plötzlich scheint das Rätsel der makellos weißen Familiengebisse gelöst – allen voran das der Mutter, die offenbar den Großteil der Arbeit verrichten musste und dem blinden Patriarchen jeden Abend unter großzügigem Einsatz von Zahnpasta einen blasen musste. Doch wozu dieses Bild? Erkenntnis liefert es nicht. Es existiert allein, um zu schockieren – und genau darin liegt das Problem. Man wird diese Szene nicht mehr los. Aber nicht, weil sie etwas offenlegt, sondern weil sie so penetrant auf Effekt setzt.

Überhaupt steckt Aïnouz‘ Werk voller Ideen, die für sich genommen reizvoll, grotesk oder zumindest neugierig machend sind. Doch sie verbinden sich nicht zu einem Ganzen. Zu unangenehm, zu abstoßend bleiben die Figuren, zu gering das Interesse an ihrem Schicksal. Am Ende bleibt ein Film, der viel anbietet, aber nichts zusammenführt. Wer in „Rosebush Pruning“ jedoch eine filmische Entsprechung des monolithischen Serien-Meisterwerks „Succession“ sucht, dürfte ernüchtert zurückbleiben.

Fazit: „Rosebush Pruning“ ist eine visuell brillante, erzählerisch jedoch erstaunlich hohle Reichen-Satire. Trotz provokanter Ideen und engagierter Darsteller fehlt die emotionale oder gesellschaftliche Fallhöhe, die seine Grenzüberschreitungen tragen könnte. Ein Film, der laut schockiert, aber leise verpufft.

Wir haben „Rosebush Pruning“ auf der Berlinale 2026 gesehen, wo der Film im Wettbewerb lief und seine Weltpremiere feierte.

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