
Deutsche Kinocharts: „Scary Movie“ feiert starkes Comeback an der Spitze
08.06.2026
Gillo Pontecorvos „Queimada – Insel des Schreckens“ verbindet packendes Historienkino mit scharfer Kolonialismuskritik und einem grandiosen Marlon Brando.
Die Sechziger waren eine politisch aufgeladene Zeit. Politik und Revolution waren auch in der Kunst und in der Popkultur nahezu omnipräsent. Mit dem Historien- und Politdrama „Queimada – Insel des Schreckens“ griff Regisseur Gillo Pontecorvo diese gesellschaftlichen Spannungen auf und schuf einen Film, der die Mechanismen von Kolonialismus und wirtschaftlicher Abhängigkeit schonungslos offenlegt. Dabei verbindet der Regisseur politische Analyse mit packendem Abenteuerkino und einem herausragenden Marlon Brando. Beatle John Lennon sang „Revolution“ und demonstrierte wenig später mit „Give Peace a Chance“ gegen den Vietnamkrieg. Selbst der populäre Film war durchsetzt von revolutionären und sozialkritischen Strömungen. Während sich das New Hollywood Cinema in den USA kritisch zur eigenen Regierung und dem Vietnamkrieg positionierte, stellten italienische Filmemacher den Kolonialismus an sich infrage.
Irgendwann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird William Walker (Marlon Brando) im Auftrag der britischen Regierung auf die zu Portugal gehörende Karibikinsel Queimada geschickt. Er soll einen Aufstand des dortigen Bürgertums gegen die eigenen Kolonialherren entfachen, damit Großbritannien im Anschluss selbst Handelsbeziehungen mit der Zuckerinsel aufnehmen kann. Zunächst schürt Walker den Unmut unter der gesellschaftlichen Elite der Insel rings um den Mulatten Teddy Sanchez (Renato Salvatori). Dann baut er den einfachen Sklaven José Dolores (Evaristo Márquez) zum Anführer einer groß angelegten Revolte auf. Tatsächlich gelingt es den Einwohnern von Queimada, ihre Herren zu vertreiben. Doch bald müssen sowohl der neue Regierungschef Sanchez als auch Dolores erkennen, dass Walker sie hintergangen hat und sich die Verhältnisse auf der Insel durch die neue Abhängigkeit von Großbritannien kaum verbessern.

1966 feierte Gillo Pontecorvo mit seinem semidokumentarischen „Die Schlacht um Algier“ einen internationalen Erfolg. Der Film über den Aufstand der Algerier gegen die französische Kolonialherrschaft erhielt eine Oscarnominierung als bester Film und für das beste Drehbuch. Letzteres war von Franco Solinas verfasst worden, einem der umtriebigsten linken Intellektuellen Italiens in dieser Zeit. Die Unterdrückung der Dritten Welt durch westlichen Imperialismus und Kolonialismus bildete das zentrale Thema in seinem Schaffen, wobei Solinas von Stücken Bertolt Brechts, vor allem aber Franz Fanons „Die Verdammten der Erde“, inspiriert wurde.
Der Drehbuchautor erkannte auch das politische Potential des italienischen Westerns, in dem immer wieder mexikanische Revolutionäre auftauchten. Als erster thematisierte er die mexikanische Revolution als Mainstory in einem Italowestern: „Töte Amigo“ von Damiano Damiani. Solinas blieb diesem Genre treu und verfasste eine Reihe weiterer Drehbücher: „Tepepa“, „Il Mercenario“, „Der verborgene Aufstand“ und „Queimada“, der das Thema auf eine britische Zuckerrohrinsel verfrachtet und sich mit einem Sklavenaufstand beschäftigt.
Dieses Paket bot er Alberto Grimaldi an, dem wohl erfolgreichsten Produzenten im Westerngenre, auch dank seiner guten Drähte zu United Artists. Damit konnte der kommunistische Autor davon ausgehen, dass seine Werke mit mittleren, wenn nicht hohen Budgets produziert und international vermarktet werden würden. Grimaldi kaufte die Rechte auf und suchte nach Regisseuren. Dabei stieß er rasch auf Pontecorvo, der mit „Die Schlacht um Algier“ eben einen großen Erfolg gefeiert hatte.
Grimaldi bot ihm „Il Mercenario“ an, welches er für das beste Skript aus dem Paket hielt. Der exzentrische Filmemacher sagte zu, verlor jedoch bald das Interesse. Er wollte stattdessen lieber „Queimada“ drehen, für den Grimaldi sich bereits die Mitarbeit von Marlon Brando gesichert hatte. „Il Mercenario“ ging an Sergio Corbucci, der damit seinen letzten wirklich guten Western vorlegte.
In vielerlei Hinsicht ist „Queimada“ seiner Zeit voraus, denn während in den Sechzigerjahren etliche ehemalige europäische Kolonien gerade erst ihre Unabhängigkeit errangen, nimmt der Film nicht nur Kolonialismus, sondern vor allem Postkolonialismus in den Blick und verschmilzt geschickt historische Ereignisse mit gegenwärtigen Prozessen. Die Geschichte des durch William Walker befeuerten Sklavenaufstandes orientiert sich lose an der Erhebung Haitis gegen die französische Kolonialherrschaft um 1800. Tatsächlich unterstützte die damalige Weltmacht Großbritannien derartige Bewegungen, um koloniale Rivalen zu schwächen.
Interessant ist jedoch vor allem der zweite Teil des Films, in dem Solinas geschickt herausarbeitet, dass die neue wirtschaftliche Abhängigkeit eines unabhängigen Queimada weder für die bürgerlichen Eliten noch für die befreiten Sklaven eine Verbesserung der Lebensumstände mit sich bringt. Für letztere legt er Walker einen zynischen Vergleich in den Mund, in welchem er die Vorzüge freier Lohnarbeiter gegenüber Sklaven mit dem Unterschied zwischen Prostitution und Ehe vergleicht.
Es ist eine der großen Stärken des Drehbuchs, dass es komplexe historische Prozesse mit einer scheinbaren Einfachheit und Klarheit nachzeichnet, sodass diese ohne Weiteres einem Mainstreampublikum verständlich werden. Und während Dolores seinen Kampf für ein besseres Leben der einheimischen Bevölkerung fortsetzt, muss auch Teddy Sanchez feststellen, dass sein politischer Gestaltungsspielraum als Präsident in den engen Grenzen gefangen bleibt, die ihm Großbritannien zugesteht. Als er sich widersetzt, wird er auf Walkers Anweisung durch das Militär beseitigt.
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Solinas verweist an dieser Stelle vor allem auf die postkolonialen imperialen Machterhaltungspraktiken der USA, die er auch in dem von Constantin Costa-Gavras gedrehten „Der unsichtbare Aufstand“ anprangert.
Getragen wird der Film natürlich von seinem Star Marlon Brando, der seinen Walker mit kaltem Zynismus spielt. Das Denken des britischen Agenten dreht sich immer nur um Kosten-Nutzen-Rechnungen, was sich am deutlichsten in dem angesprochenen Vergleich ausdrückt. Dass eine Ehe höheren Idealen dient als der Triebbefriedigung, kann er ebenso wenig verstehen wie Dolores’ Bereitschaft, einen verlorenen Kampf bis zum bitteren Ende durchzustehen.
Allerdings weiß Brando dieser Figur mehr Tiefe zu verleihen. Sein Walker weiß um die eigene moralische Verkommenheit, ahnt zumindest, dass es hinter seinem zynischen Kalkül höhere Ideale gibt, für die es sich zu leben lohnt, kann aber schlicht und ergreifend nicht aus seiner Haut.
Hinter der Kamera verursachte Brando der Produktion erhebliche Probleme und stritt sich mehrfach mit Pontecorvo über das Drehbuch und dessen Regieführung. Dies führte zu einer Explosion der Kosten und einem mehrfach verschobenen Kinostart. Später sollte Brando die Arbeit für „Queimada“ zu seinen besten schauspielerischen Leistungen zählen. Während Grimaldi für die Rolle des José Dolores den damals ebenfalls populären Sidney Poitier verpflichten wollte, setzte Pontecorvo ganz der Tradition des italienischen Neorealismus folgend auf einen Laien, den er während der Location-Recherche in Kolumbien kennengelernt hatte. Evaristo Márquez kann sich jedoch gut gegenüber der Method-Actor-Größe behaupten.
Auch Spaniens Diktator Francisco Franco übte Druck auf Grimaldi aus, da Queimada ursprünglich als spanische Kolonie skizziert wurde, was diesem nicht gefiel. Zwar wurde der Film in Kolumbien gedreht, doch da Grimaldi etliche Westernprojekte in Spanien produzieren ließ, lenkte er ein und machte aus „Queimada“ eine portugiesische Insel, was man vor allem in der Szene erkennt, in der Teddy Sanchez die Unabhängigkeit der Insel ausruft und in der man die spanischen Flaggen in der Postproduktion umkolorieren musste.
All diese Probleme sieht man dem Film jedoch nicht an. „Queimada“ ist exzellent inszeniert und wurde von Marcello Gatti in epischen, raumgreifenden Bildern eingefangen. Der grandiose Soundtrack mit der ergreifenden Titelmelodie „Abolisson“ stammt von niemand Geringerem als Ennio Morricone.
Trotz der zugkräftigen Namen vor und hinter der Kamera und des seinerzeit gerade im europäischen Kino durchaus populären Themas blieb „Queimada“ hinter den Erwartungen zurück, wenn er auch nicht der oft postulierte Flop war. In den USA spielte er 431.817 Dollar ein, was angesichts von Brandos vermeintlicher Zugkraft enttäuschend war und den Hauptfinanzier United Artists ärgerte. Doch in Frankreich zog er 461.851 Zuschauer in die Kinos, in Italien zur Freude Grimaldis, der hier die Auswertungsrechte innehatte, ganze 3,8 Millionen Zuschauer (und damit „nur“ Platz 20 im Kinojahr 1969/70).
Fazit: Das Historiendrama „Queimada – Insel des Schreckens“ ist ein Paradebeispiel für tiefgründiges Mainstreamkino, ein Gesamtkunstwerk aus toller Fotografie, Musik, Story und Schauspiel. Komplexe Dinge einfach zu erklären, ist eine Kunst, die nur wenige meistern – Regisseur Gillo Pontecorvo und Drehbuchautor Franco Solinas ist es gelungen.