Primate – Kritik

Filmkritik

3/5

Filmkritik „Primate“: Tierhorror zwischen Tollwut, Splatter und tropischem Albtraum

Ein infizierter Schimpanse wird zur tödlichen Bedrohung: Johannes Roberts liefert mit „Primate“ soliden Tierhorror mit Splatterfaktor, 80er-Vibes und effektivem Survival-Setting.

Das Tierhorror-Kino ist ein Biotop der Gewissheiten: Man kennt die Regeln, man ahnt die Abfolge, man wartet auf den Moment, in dem das vermeintlich Vertraute zur Bedrohung kippt. Johannes Roberts, bislang eher als fleißiger, aber mittelmäßiger Genremechaniker zwischen Haifisch-Überlebenskampf („47 Meters Down“) und Franchise-Pflichtübungen („Resident Evil: Welcome to Raccoon City“) aufgefallen, liefert mit „Primate“ ausgerechnet seinen rundesten und konzentriertesten Film ab. Das liegt weniger an erzählerischer Originalität als an der Wucht einer klar formulierten Prämisse: Ein zahmer Schimpanse, als Familienmitglied geliebt, wird durch Tollwut zur tickenden Zeitbombe – und eine hawaiianische Luxusvilla verwandelt sich in ein elegantes Schlachthaus. „Primate“ erfindet das Horrorkino nicht neu – will es aber auch gar nicht. Stattdessen setzt der Film auf eine kompromisslose Reduktion, die erzählerischen Ballast abwirft und aus seiner dichten Einfachheit erstaunliche Wirkung bezieht.

Handlung von „Primate“: Wenn aus Freundschaft tödlicher Instinkt wird

Lucy (Johnny Sequoyah) kehrt nach dem Tod ihrer Mutter und einer längeren familiären Entfremdung nach Hawaii zurück. Gemeinsam mit ihrer Freundin Kate (Victoria Wyant) und deren Bekannter Hannah (Jess Alexander) hofft sie, die Risse zwischen sich, ihrer jüngeren Schwester Erin (Gia Hunter) und Vater Adam (Troy Kotsur) langsam kitten zu können. In der weitläufigen Familienresidenz wartet auch Ben (Miguel Torres Umba), ein hochintelligenter Schimpanse, den die verstorbene Mutter einst trainierte und der längst als Teil der Familie gilt – ein vertrauter, beinahe menschlich wirkender Gefährte. Doch Ben wurde von einem infizierten Tier gebissen. Die Tollwut beginnt sein Verhalten zu verändern, bis aus Nähe unaufhaltsame Bedrohung wird. Was als sorgloser Sommertag beginnt, mündet schließlich in einen verzweifelten Überlebenskampf auf engstem Raum, bei dem Flure, Poolbereich und Glasfronten zur Arena werden – gegen ein Wesen, das körperlich überlegen ist und zugleich erschreckend intelligent agiert.

Johnny Sequoyah, Troy Kotsur und Gia Hunter in „Primate“ (© Sony/Paramount)
Johnny Sequoyah, Troy Kotsur und Gia Hunter in „Primate“ (© Sony/Paramount)

Genre-Bausteine zwischen Creature Feature und Home Invasion

Johannes Roberts und Co-Autor Ernest Riera greifen in „Primate“ auffallend bewusst auf vertraute Genre-Bausteine zurück – und schrecken auch vor Klischees nicht zurück. Der Reißer bewegt sich zwischen Familiendrama, Home-Invasion-Thriller und klassischem Creature Feature mit Slasher-Anleihen: Figuren verstecken sich in viel zu engen Räumen, suchen Schutz in Fahrzeugen oder treffen Entscheidungen, die erkennbar ins Verderben führen. Die Konstruktion liegt dabei oft so offen zutage, dass sich kaum echte Angst entfaltet. Stattdessen entwickelt der Film einen leicht zynischen Unterhaltungsmodus, in dem man weniger bangt als neugierig darauf wartet, wann der nächste Eskalationsschritt folgt. Wer psychologische Tiefe erwartet, wird enttäuscht: Die Figuren bleiben weitgehend funktional, ihre Handlungen dienen vor allem der Vorbereitung der nächsten Setpieces.

Das eigentliche Monster ist die Krankheit

Gerade darin offenbart sich jedoch auch das zentrale Motiv des Films. Der eigentliche Antagonist ist nicht das Tier selbst, sondern die Krankheit als zerstörerischer Fremdkörper, der vertraute Nähe in blanken Horror verwandelt. Dieses Motiv – das Haustier als plötzlich feindliche Präsenz – steht in einer langen Genretradition von Klassikern wie „Cujo“ bis zuletzt „The Monkey“. „Primate“ nutzt dabei gezielt den besonderen Reiz des Primaten: das Unheimliche im nahezu Menschlichen. Ben erscheint nicht als anonymes Monster, sondern als pervertierte Vertrautheit, als emotionales Band, das gewaltsam zerreißt. Wenn der Schimpanse lacht, kreischt oder nur kurz im Bildrand auftaucht, entfaltet das eine unangenehme Wirkung, die oft nachhaltiger verstört als die meist nüchternen Dialoge.

Benjamin Cheng, Victoria Wyant, Jess Alexander und Johnny Sequoyah in „Primate“ (© Sony/Paramount)
Benjamin Cheng, Victoria Wyant, Jess Alexander und Johnny Sequoyah in „Primate“ (© Sony/Paramount)

Handwerk, Effekte und 80er-Jahre-Vibes

Seine größte Stärke entfaltet „Primate“ auf handwerklicher Ebene, sobald der Film seine anfängliche Zurückhaltung hinter sich lässt. Der erste Akt nimmt sich spürbar Zeit, doch wenn die Tollwut das Kommando übernimmt, wird Johannes Roberts’ Inszenierung deutlich fokussierter. Raumaufteilung, präzise gesetzte Blickachsen und ein wirkungsvoll eingesetztes Sounddesign erzeugen das permanente Gefühl, dass die Bedrohung jederzeit aus dem Off zuschlagen kann.

Besonders positiv fällt dabei der Einsatz praktischer Effekte ins Gewicht, der dem Film eine greifbare Körperlichkeit verleiht und angenehm an das Creature-Kino der 1980er-Jahre erinnert. Das luxuriöse Villen-Setting verstärkt diese Wirkung zusätzlich: Die hawaiianische Traumkulisse mit ihrer offenen Architektur, dem tropischen Umfeld und der trügerischen Sicherheit des Ortes verleiht „Primate“ stellenweise einen leichten „Jurassic Park“-Vibe – ein Paradies, das sich unmerklich in ein Hochrisikogelände verwandelt.

„Primate“ (© Sony/Paramount)
„Primate“ (© Sony/Paramount)

Splatter statt Subtext

Sobald der Schimpanse endgültig die Kontrolle verliert, schlägt „Primate“ auch in Sachen Gewalt einen harten, kompromisslosen Ton an. Die blutigen Momente sind nicht bloß kurze Schockreize, sondern werden bewusst ausgespielt und in unangenehmer Länge zelebriert. Der Splatter avanciert zum eigentlichen Star des Films, die Zerstörung bleibt explizit genug, um zwischen Abscheu und morbidem Vergnügen zu pendeln. Auf tiefere symbolische Deutungsebenen verzichtet Roberts dabei vollständig. Stattdessen setzt er auf einen sehr unmittelbaren Reiz aus Schreckmomenten, Adrenalin und körperlicher Brutalität – konsequent umgesetzt und überraschend sicher im Timing.

Fazit: Johannes Roberts liefert mit „Primate“ einen klassisch gestrickten Tierhorror-Thriller, der keine neuen Perspektiven auf Natur, Schuld oder familiäre Traumata eröffnet. Zu sichtbar ist der Slasher aus bekannten Genrebausteinen zusammengesetzt, zu funktional bleiben seine Figuren. Als konzentriertes, räumlich clever inszeniertes Creature Feature überzeugt „Primate“ jedoch mit handgemachter Härte, effektivem Spannungsaufbau und sattem Gore-Faktor – solide Genreunterhaltung für Horrorfans ohne Anspruch auf Innovation.

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