Pressure – Kritik

Filmkritik

4/5

„Pressure“: Andrew Scott als Meteorologe vor dem D-Day

„Pressure“ erzählt die dramatischen 72 Stunden vor dem D-Day als spannenden Thriller über Wetter, Verantwortung und historische Entscheidungen.

Der D-Day und die Befreiung Europas wurden im Kino schon unzählige Male verhandelt – ob als Monumental-Epos wie „Der längste Tag“ (1962) oder im unbarmherzigen Schlachtgetümmel von „Der Soldat James Ryan“ (1998). Und doch schafft es „Pressure“, diesem wohlbekannten Kapitel des Zweiten Weltkriegs eine erstaunlich frische Seite abzugewinnen. Denn der der Australier Anthony Maras („Hotel Mumbai“) wählt einen sehr spezifischen, bisher kaum beleuchteten Aspekt der Invasion: das Wetter. Der Filmemacher setzt für diese ungewöhnliche Perspektive auf geballte Hollywood-Power mit Andrew Scott und Brendan Fraser in den Hauptrollen. Basierend auf dem Theaterstück von David Haig aus dem Jahr 2014, rekonstruiert Maras diese weitgehend unerzählte Geschichte als präzise getakteten, hochspannenden Thriller, der vor allem durch sein glänzendes Ensemble und ein herausragendes Drehbuch lebt.

Handlung von „Pressure“: Wetter auf dem Prüfstand

England, Juni 1944: Unter dem Oberbefehl von US-General Dwight D. Eisenhower (Brendan Fraser) steht die gewaltige Invasion kurz bevor. Ob das Manöver gelingt, hängt jedoch von den klimatischen Bedingungen ab. In den letzten 72 Stunden vor dem Stichtag muss der britische Chefmeteorologe Captain James Stagg (Andrew Scott) die folgenreichste Wettervorhersage seines Lebens treffen. Dabei gerät er in einen erbitterten Konflikt mit der alliierten Führung. Nur wenige Stunden bleiben, um das Zeitfenster zu finden, das über Erfolg oder Scheitern der Operation entscheidet – und damit auch über den Ausgang des gesamten Krieges.

Brendan Fraser in „Pressure“ (StudioCanal)
Brendan Fraser in „Pressure“ (StudioCanal)

Ein Sturm zieht auf: Die historische Einordnung

Der D-Day war der 6. Juni 1944. An diesem Tag landeten alliierte Streitkräfte in der Normandie im Norden Frankreichs. Es war die größte militärische Landungsoperation der Geschichte: Tausende Soldaten überquerten den Ärmelkanal per Schiff und Flugzeug mit dem Ziel, Westeuropa von der nationalsozialistischen Besatzung zu befreien. Damit eine Operation dieser Tragweite gelingen konnte, war akribische Vorbereitung nötig – und vor allem ein Faktor, den niemand kontrollieren konnte: das Wetter. Genau an dieser Schnittstelle setzt „Pressure“ an.

Ein Dialogfeuerwerk mit Strahlkraft

Anthony Maras inszeniert „Pressure“ weitgehend als kammerspielartigen Kriegsthriller, der eine wahre Begebenheit nutzt, um einen ganz eigenen Blick auf diesen schicksalhaften Tag der Weltgeschichte zu bieten. Obwohl das Publikum den historischen Ausgang des D-Days naturgemäß kennt, gelingt dem Regisseur das Kunststück, die 72 Stunden vor der Invasion extrem intensiv, packend und ohne dramaturgische Durststrecken zu erzählen.

Die Handlung beschränkt sich dabei größtenteils auf eine einzige Location: das Hauptquartier der Alliierten in Südengland. Erst für den großen Showdown verlässt der Film diesen geschützten Raum und verlagert das Geschehen direkt auf das Schlachtfeld in der Normandie.

Brendan Fraser und Adam Scott in „Pressure“ (© StudioCanal)
Brendan Fraser und Adam Scott in „Pressure“ (© StudioCanal)

Trotz der ausgeprägten Dialoglastigkeit kommt auch die visuelle Ebene keineswegs zu kurz: Die hervorragende Kameraarbeit behauptet stets ihre Eigenständigkeit und verleiht der beklemmenden Atmosphäre im Hauptquartier das nötige visuelle Gewicht.

Darstellerische Wucht als Tragkraft

Das unbestrittene Highlight von „Pressure“ ist das herausragende Zusammenspiel von Andrew Scott („All Of Us Strangers“) – einzeln schon stark, zusammen eine absolute Wucht. Scott verkörpert Captain James Stagg als das komplette Gegenteil zu Frasers energiegeladenem Eisenhower. Scott mimt einen stillen Helden, von dem schlicht Unmögliches verlangt wird: Eine verlässliche Wettervorhersage für mehr als 24 Stunden im Voraus abzuliefern, war mit der damaligen Technik schlicht ein Ding der Unmöglichkeit.

Andrew Scott gelingt es meisterhaft, den gewaltigen Druck, der auf Stagg lastet, mit enormer Zurückgenommenheit im Spiel für das Publikum physisch spürbar zu machen. Der Filmtitel „Pressure“ entpuppt sich hierbei als geniale Doppelbedeutung – er steht gleichermaßen für den atmosphärischen Barometer-Luftdruck wie für die erdrückende Last der Verantwortung.

Adam Scott in „Pressure“ (© StudioCanal)
Adam Scott in „Pressure“ (© StudioCanal)

Chris Messina als starker Gegenspieler

Verstärkt wird dieser Konflikt durch Staggs direkten Gegenspieler: den US-Meteorologen Irving Krick (Chris Messina). Krick verspricht der Führungsebene genau das, was diese hören will, nämlich strahlenden Sonnenschein für den geplanten Tag. Dabei leitet er seine Prognosen aber lediglich aus historischen Analogien alter Wetterkarten ab, statt wie Stagg die aktuellen, hochdynamischen Daten zu analysieren. Stagg hingegen steht starrköpfig und unerschütterlich für seine Überzeugung ein: Das Wetter ist unberechenbar und der D-Day muss verschoben werden, egal wie hoch der politische Preis ist.

Inmitten dieser dramatischen Fronten bildet Brendan Fraser als lauter und imposanter General Eisenhower den energetischen Gegenpol, der zwischen den beiden sturen Ansätzen hin- und hergerissen ist. Vervollständigt wird das Trio durch Kerry Condon („F1“) als Kay Summersby, die als feinfühlige Pufferzone und Vermittlerin fungiert und dieser extremen Männerdynamik die nötige emotionale Tiefe verleiht.

Fazit: „Pressure“ ist ein erfrischender und hochinteressanter Blick auf ein zentrales Kapitel der Weltgeschichte. Anthony Maras liefert einen packenden, stilvoll inszenierten Kriegsthriller, der beweist, dass die größte Spannung manchmal nicht aus den Gewehrläufen kommt, sondern aus der Frage, ob der Wind sich drehen wird. Getragen wird „Pressure“ von zwei schauspielerischen Schwergewichten in Höchstform – absolut sehenswert!

Hinter den Kulissen

Hintergrund der Produktion

„Pressure“ basiert auf dem gleichnamigen Theaterstück von David Haig, das 2014 beim Edinburgh Festival uraufgeführt wurde und anschließend im Londoner West End lief. Haig schrieb auch das Drehbuch gemeinsam mit Regisseur Anthony Maras. Produziert wurde der Film von Working Title Films und StudioCanal mit Tim Bevan, Eric Fellner, Cass Marks und Lucas Webb.

Im Mittelpunkt steht eine historische Entscheidung, bei der meteorologische Daten eine ungewöhnlich große Rolle spielten. James Stagg leitete 1944 das britische Wetterteam im Hauptquartier von Dwight D. Eisenhower. Die damaligen Meteorologen mussten ohne Satellitenbilder und Computer auskommen und arbeiteten mit vergleichsweise wenigen Messdaten aus dem Atlantik und dem besetzten Europa. Für die Produktion beriet der Meteorologe Martin Young das Team, um Wetterkarten, Messinstrumente und die Arbeitsweise der damaligen Wetterdienste möglichst zeitgenau darzustellen.

Andrew Scott spielt James Stagg, Brendan Fraser übernimmt die Rolle von Dwight D. Eisenhower. Kerry Condon ist als Captain Kay Summersby zu sehen, Chris Messina als der amerikanische Meteorologe Irving P. Krick und Damian Lewis als Feldmarschall Bernard Montgomery. Zum weiteren Ensemble gehören unter anderem Con O’Neill als Air Marshal Trafford Leigh-Mallory und Alexander Hanson als General Omar Bradley.

Die Dreharbeiten begannen im September 2024 in Großbritannien. Regisseur Anthony Maras übernahm neben der Inszenierung auch den Filmschnitt. Die Kamera führte Jamie D. Ramsay, die Filmmusik stammt von Volker Bertelmann. Für die Produktion wurde der Film weitgehend als Kammerspiel im Umfeld des alliierten Hauptquartiers angelegt und konzentriert sich damit auf die Diskussionen und Entscheidungen unmittelbar vor dem D-Day.

Gut zu wissen

Wissenswertes

Die historische Vorlage

Die Entscheidung für den 6. Juni 1944 fiel erst am Vorabend endgültig. Eisenhower hatte den ursprünglichen Termin am 5. Juni wegen der Wetterlage verschieben lassen und anschließend ein begrenztes Wetterfenster für den nächsten Morgen genutzt. Die meteorologischen Bedingungen blieben auch am 6. Juni schwierig: Starker Wind und hoher Seegang erschwerten die Landung, während eine kurze Wetterberuhigung den Beginn der Operation ermöglichte.

Kinostart

Der deutsche Kinostart von „Pressure“ ist für den 17. September 2026 angesetzt.

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