
Die teuersten Filme aller Zeiten – und ob sie wirklich profitabel waren
11.04.2026
Das Historienepos „Omar Mukhtar – Löwe der Wüste“ erzählt vom Widerstand gegen die italienische Kolonialherrschaft in Libyen – eindrucksvoll besetzt, handwerklich stark, politisch komplex.
Es gibt Filme, die sich ein wenig ihrer Einordnung in die Geschichte des Kinos entziehen. Ein herausragendes Beispiel hierfür ist das 1980 von der libyschen Regierung beauftragte, von einem kleinen amerikanischen Studio ko-finanzierte und fast ausschließlich mit einem Who’s-who der europäischen Schauspielstars gedrehte Epos „Omar Mukhtar – Löwe der Wüste“, das sich mit einem der düstersten Kapitel der libyschen Geschichte auseinandersetzt.
Ende der 1920er Jahre ist das Königreich Italien beinahe 20 Jahre lang offizieller Kolonialherr in Libyen. Doch die jenseits der schmalen fruchtbaren Küstenstreifen lebenden muslimischen Nomaden leisten, sehr zum Ärger des inzwischen an die Macht gekommenen Duce Benito Mussolini (Rod Steiger), weiterhin Widerstand. Daher entsendet er einen seiner fähigsten, aber gleichzeitig skrupellosesten Generale, Rodolfo Graziani (Oliver Reed), nach Nordafrika, um die Rebellen und ihren legendären Anführer Omar Mukhtar (Anthony Quinn) niederzuschlagen. Graziani entfesselt einen erbarmungslosen Vernichtungskrieg.

Aktuelle westliche Zuschauer dürfte ein Film wie „Omar Mukhtar“ vor eine Reihe von Fragen hinsichtlich eines Weltbildes stellen, das mit dem Kampfbegriff der „kulturellen Aneignung“ cineastische Fremdbetrachtungen von Kultur und Geschichte generell in Frage stellt. Das 1980 gedrehte Epos erzählt von einem der düstersten Kapitel der europäischen, in diesem Fall italienischen, Kolonialgeschichte. Doch entstand der Film nicht im Auftrag einer postkolonialen Gesellschaft, die ihre eigene Vergangenheit entweder glorifiziert – wie etwa die britischen Filme „Zulu“ und „Zulu Dawn“ – oder kritisch hinterfragt – wie etwa Gillo Pontecorvos „Queimada“ mit Marlon Brando –, sondern wurde als Mammutprojekt eines Landes angestoßen, das selbst lange Zeit Kolonie war und eigentlich über keine große Kinoindustrie verfügte.
Doch der damalige Machthaber Muammar al-Gaddafi scheute keinen Aufwand, panarabischen Nationalismus und Antikolonialismus propagandistisch auszuschlachten, und stellte für den Film schätzungsweise 35 Millionen Dollar sowie 5.000 Soldaten für Massenszenen zur Verfügung. Offiziell produziert wurde „Omar Mukhtar“ von der kleinen amerikanischen Falcon International Productions, die bis dahin eher B- und Pornofilme produziert hatte.
Abgesehen vom Auftraggeber und dem syrischen Regisseur Moustapha Akkad, der zuvor mit zwei britisch-marokkanischen Filmen über den Propheten Mohammed auf sich aufmerksam gemacht hatte, mutet „Omar Mukhtar“ in vielerlei Hinsicht wie eine europäische Produktion an. Interessanterweise greift der Film zu einem erheblichen Teil auf den Cast und Produktionsstab der Mohammed-Filme zurück: Der irische Drehbuchautor H.A.L. Craig verfasste hierfür ein letztes Drehbuch, bevor er starb, Maurice Jarré schrieb die Filmmusik, der mit epischen Stoffen vertraute Jack Hildyard bediente die Kamera, und mit Anthony Quinn als Omar Mukhtar sowie Irene Papas als Mabrouka wurden die zwei wichtigsten Darsteller der Filme übernommen.
Für den Verlauf der Geschichte spielt die Figur der Papas allerdings kaum eine Rolle. Auch die übrigen arabischen Hauptrollen wurden größtenteils mit europäischen Schauspielern besetzt: den Briten Andrew Keir und John Gielgud oder dem griechisch-australischen Mimen Takis Emmanuel. Was man wohl heute als zentralen Makel der Story ausmachen würde, störte seinerzeit niemanden. Insbesondere Anthony Quinn liefert als Omar Mukhtar, den er als lebenserfahrenen, in sich ruhenden, aber gleichzeitig unnachgiebigen Widerstandskämpfer präsentiert, eine souveräne Darstellung ab. Seinen kongenialen Gegenpart findet er in dem von Oliver Reed grandios gespielten General Rodolfo Graziani, der als skrupellos, brutal, von zynischer Logik beseelt und absolut von sich selbst überzeugt als düsteres Spiegelbild Mukhtars gezeichnet wird.
Mit Rod Steiger konnte ein weiteres internationales Schwergewicht als Mussolini gecastet werden, der allerdings nur zwei Szenen im Film hat. Steiger hatte dieselbe Rolle bereits 1974 in Carlo Lizzanis sehenswertem „Mussolini – Die letzten Tage“ gespielt. Weitere große Namen des damals sterbenden italienischen Kinos, wie Raf Vallone, Gastone Moschin und Adolfo Lastretti, erhalten in „Omar Mukhtar“ noch einmal Gelegenheit, ihr schauspielerisches Können zu zeigen. In einer Nebenrolle wurde zudem Sky Du Mont in der historisch bedeutenden, für die Handlung jedoch eher vernachlässigbaren, Rolle des Prinzen Amadeo von Savoyen-Aosta besetzt.
Derartige materielle und personelle cineastische Großprojekte laufen schnell Gefahr, zu halb gegorenen Ergebnissen zu führen, die sich stärker auf ihren Cast als auf ihre Geschichte verlassen. Doch „Omar Mukhtar“ ist ein hervorragend erzähltes Epos. Der erfahrene Drehbuchautor Craig versteht es, eine rhythmisch ausgeglichene Geschichte zu entwickeln, die Mukhtar und seinem Gegenspieler Graziani Raum zur Entfaltung gibt und sie schließlich in einer finalen, mit fein geschriebenen Dialogen geführten Auseinandersetzung aufeinandertreffen lässt.
Während Graziani mit kalter Rationalität versucht, den Führer des Aufstands auf seine Seite zu ziehen, fügt sich Mukhtar im Glauben an Allah in ein unausweichliches Schicksal. Dazu etabliert der Film eine Reihe markanter Nebenfiguren, vor allem auf italienischer Seite, und nimmt sich Zeit, das brutale Vorgehen der Faschisten in nahezu all seinen grausamen Facetten zu schildern: Razzien, Dezimierungen, Konzentrationslager und Vergewaltigungen. Gerade letztere weiß Regisseur Akkad ausreichend abschreckend anzudeuten, ohne sie exploitativ auszuschlachten, während er für die Darstellung der Konzentrationslager nicht nur auf umfangreiche Sets, sondern auch auf authentische Archivbilder zurückgreifen kann.
Handwerklich ist an dem Film wenig auszusetzen: Die Schlachtszenen besitzen Wucht, und Jack Hildyards Kamera fängt das Geschehen in ruhigen Breitwandbildern ein. Das Niveau von Epen wie „Lawrence von Arabien“ oder „Spartacus“ erreicht „Omar Mukhtar“ trotz seiner Qualitäten allerdings nicht. Es bleibt ein sehr gut gemachter Historienfilm, der den Schritt von hervorragendem Handwerk zu wirklich großer Filmkunst nur knapp verpasst. Verbotsfilm in Italien und spätere Wiederentdeckung
Ausgerechnet in Italien wurde der Film bei seinem Erscheinen 1982 verboten. Angesichts der Verbrechen des faschistischen Regimes, die hier gezeigt werden, überrascht dies zunächst wenig – mit Blick auf die Tradition kolonialismuskritischer Filme der 60er und 70er Jahre jedoch umso mehr. Der damalige Ministerpräsident Giulio Andreotti war der Ansicht, der Film beschädige das Ansehen der italienischen Armee, weshalb er erst 2009 im Fernsehen gezeigt wurde.
Kommerziell blieb „Omar Mukhtar“ daher ein Misserfolg und spielte lediglich etwa 1,5 Millionen Dollar ein, gewann jedoch im Laufe der Jahre zunehmend Anerkennung bei Kritikern.
Fazit: „Omar Mukhtar – Löwe der Wüste“ ist ein sehenswertes Historienepos über ein düsteres Kapitel europäischer Kolonialgeschichte. Getragen von einem starken Ensemble und zwei hervorragend aufspielenden Hauptdarstellern fehlt am Ende zwar etwas künstlerische Raffinesse, dennoch gehört der Film zu den bemerkenswertesten Historienproduktionen seiner Zeit.