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03.08.2026
Origineller Psycho-Horror: „Obsession“ dreht die RomCom auf links und erzählt verstörend von Obsession, Besitzdenken und toxischer Liebe.
Seit „Iron Man“ im Jahr 2008 eine lange Regentschaft des Superheldenfilms am Box Office, in der Popkultur und in den Köpfen der Verantwortlichen der großen Filmstudios eingeläutet hatte, ist diese Welle schon seit geraumer Zeit stark am Abebben – bevor mit den beiden nächsten „Avengers“-Team-up-Filmen „Avengers: Doomsday“ (2026) und „Avengers: Secret Wars“ (2027) ein letzter Versuch gestartet wird, das mächtige Erfolgsmodell zu reanimieren. Das Publikum ist derweil übersättigt vom immergleichen Spektakel, das längst gewöhnlich geworden ist. Gerade deshalb schaffen es originelle Stoffe, die Kino-Fatigue des Publikums zu durchbrechen. Ausgerechnet das oft als berechenbar abgestempelte Horrorgenre liefert derzeit die spannendsten Impulse. Fast zeitgleich mit Kane Parsons’ Indie-Phänomen „Backrooms” sorgt der YouTuber Curry Barker mit „Obsession: Du sollst mich lieben” für den nächsten Paukenschlag. Sein Langfilmdebüt kostete nur rund eine Million Dollar, spielte aber weltweit bereits über 400 Millionen Dollar ein. Barkers größter Erfolg ist jedoch nicht der sensationelle Kassenerfolg, sondern sein origineller Ansatz: Anstelle von Dämonen oder Monstern macht er romantische Idealisierung, Einsamkeit und toxisches Besitzdenken zum eigentlichen Horror. Nicht jede erzählerische Entscheidung geht auf, aber gerade diese ungewöhnliche Perspektive verleiht „Obsession” eine Eigenständigkeit, die im modernen Genrekino selten geworden ist.
Der schüchterne Bear (Michael Johnston) jobbt mit seinem besten Freund Ian (Cooper Tomlinson) in einem Musikladen. Seit Ewigkeiten schwärmt er heimlich für seine Kollegin Nikki (Inde Navarrette), doch er bringt nie den Mut auf, ihr seine Gefühle zu gestehen. Nach dem Tod seiner geliebten Katze gerät sein Leben endgültig aus dem Gleichgewicht. In einem Esoterikladen kauft er einen „One Wish Willow“, einen magischen Stab, der angeblich jeden Wunsch erfüllt. Für gerade einmal sieben Dollar begeht Bear den schlimmsten Fehler seines Lebens. Sein Wunsch geht in Erfüllung: Nikki liebt ihn plötzlich mehr als alles andere auf der Welt. Doch ihre Zuneigung schlägt schnell in eine krankhafte Besessenheit um und verwandelt Bears romantische Fantasie in einen immer bedrohlicheren Albtraum.

Was zunächst wie eine harmlose Mischung aus romantischer Komödie und übernatürlichem Horror wirkt, entpuppt sich schnell als clevere Demontage eines altbekannten Hollywood-Klischees. Newcomer Curry Barker, der durch den gemeinsam mit Cooper Tomlinson gegründeten Sketch-Comedy-Kanal „That’s a bad idea“ bekannt wurde, interessiert sich kaum für den magischen Fluch. Vielmehr fasziniert ihn der Mythos des „netten Jungen“, der glaubt, allein wegen seiner Gefühle die Liebe einer Frau verdient zu haben.
Deshalb beginnt „Obsession“ auch bewusst wie eine klassische RomCom: der schüchterne Außenseiter, die unerreichbare Traumfrau, der flapsige beste Freund und romantisch verklärte Begegnungen. Doch Barker nutzt diese vertrauten Zutaten nur, um sie später gegen das Publikum zu wenden. Der eigentliche Horror beginnt nicht mit dem Wunsch, sondern mit dessen Erfüllung.

Besonders eindrucksvoll gelingt das in den ersten Szenen nach dem Zauber: Nikki taucht plötzlich überall auf, sucht ununterbrochen Bears Nähe und überschreitet dabei jede persönliche Grenze. Was in einer romantischen Komödie als Liebesbeweis inszeniert würde, wirkt hier von Minute zu Minute beklemmender – zunächst mit hohem Cringe-Faktor, später als blutiges Gore-Inferno.
Genau darin liegt die eigentliche Raffinesse des Films. Das Übernatürliche dient lediglich als Auslöser. Der wahre Schrecken entsteht durch Bears verzerrte Sicht auf Nikki. Er liebt keinen Menschen, sondern eine Fantasie. Als sein Wunsch Wirklichkeit wird, verliert Nikki ihre eigene Persönlichkeit und wird zur Projektionsfläche seiner Sehnsüchte. Barker erzählt damit weniger eine Geistergeschichte als eine verstörende Parabel über Besitzdenken, emotionale Abhängigkeit und romantische Idealisierung.
Die konsequente filmische Umsetzung dieser Idee ist trotz der limitierten Mittel des schmalen Budgets bemerkenswert. Nikki erscheint zunehmend nur noch als Silhouette, verschwindet im Gegenlicht oder bleibt unscharf. Die Bildsprache macht sichtbar, was Bear selbst nicht erkennt: Er sieht nicht mehr Nikki, sondern nur noch sein eigenes Wunschbild. Während Nikki immer heftiger und völlig enthemmt ihre Zuneigung zeigt, schwankt Bear zwischen Erfüllung und wachsendem Unbehagen. Der Zuschauer erkennt längst, dass dieser Wunsch zum Albtraum geworden ist – Bear dagegen klammert sich noch immer an seine romantische Fantasie. Gerade aus dieser Diskrepanz zieht „Obsession“ seine größte psychologische Spannung.

Allerdings gelingt Barker der Balanceakt nicht vollständig. Mit knapp 110 Minuten ist „Obsession“ etwas zu lang geraten. Vor allem im Mittelteil verliert die Handlung an Zugkraft. Gleichzeitig opfert der Film seine wichtigsten Identifikationsfiguren: Bear wird immer unsympathischer, Nikki immer weniger zu einem eigenständigen Menschen. Das ist dramaturgisch durchaus konsequent, erschwert aber die emotionale Bindung des Publikums. Dass die Nebenfiguren kaum über bekannte Horror-Stereotype hinauskommen, verstärkt diesen Eindruck zusätzlich.
Fazit: Mit „Obsession: Du sollst mich lieben“ dreht Curry Barker die Regeln der romantischen Komödie konsequent auf Links und entwickelt daraus einen ebenso verstörenden wie ungewöhnlichen Horrorfilm. In seinem Kinodebüt verbindet der Jungregisseur psychologischen Schrecken mit einer klugen Gesellschaftsbeobachtung und liefert damit trotz kleiner Schwächen einen der spannendsten Genrebeiträge der vergangenen Jahre.