Vergessene Filmperlen: „Der Mann ohne Gesicht“ (1993) 07.12.2024

In der Flut von neuen Blockbustern und Streaming-Highlights geraten viele großartige Filme der Vergangenheit in Vergessenheit. Unsere Artikel-Reihe „Vergessene Filmperlen“ möchte diesen Werken neues Leben einhauchen und sie wieder ins Rampenlicht rücken. Ob es sich um packende Thriller, bewegende Dramen oder innovative Filmkunst handelt – hier stellen wir Euch Filme vor, die ihrer Zeit voraus waren, heute jedoch oft übersehen werden. Heute: „Der Mann ohne Gesicht“ von und mit Regisseur Mel Gibson.

Der Name Mel Gibson steht heute vor allem für politisch-religiöse Skandale, zu seinen besten Zeiten meist für actionlastiges bis brutales Kino. Dabei war Gibson stets ein ambitionierter und hochtalentierter Künstler, der seine Fähigkeiten vor und hinter der Kamera nachweisen wollte. 1993 stellte er dies mit seinem Regiedebüt unter Beweis: „Der Mann ohne Gesicht“.

Handlung

In einer amerikanischen Kleinstadt in den 1960er Jahren träumt der junge, verträumte Charles E. Norstadt (Nick Stahl) von der Aufnahme an die Militärakademie. Doch seine schulischen Leistungen drohen den Plänen des Halbwaisen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Eines Tages macht er zufällig Bekanntschaft mit dem zurückgezogen lebenden Lehrer Justin McLeod (Mel Gibson), der in der Stadt als „Monster“ verschrien ist, seit bei einem Unfall sein halbes Gesicht verbrannte.

Auch Charles hat zunächst Angst vor dem knurrigen Mann, bittet ihn jedoch schließlich um Nachhilfe, die ihm dieser nach einigem Zögern gewährt. Zwischen den beiden entsteht eine Freundschaft und McLeod entwickelt sich sukzessive zu einem Ersatzvater für Charles. Doch dann erfährt er weitere dunkle Gerüchte: Bei McLeods Unfall kam ein Junge ums Leben, der angeblich von ihm missbraucht wurde. Zwar ist Charles von der Unschuld seines Lehrers überzeugt, doch ihre Freundschaft erregt das Misstrauen der Stadtgemeinschaft.

Mel Gibson und Nick Stahl in „Der Mann ohne Gesicht“ (© Tobis)
Mel Gibson und Nick Stahl in „Der Mann ohne Gesicht“ (© Tobis)

Entstehungsgeschichte

Nachdem er sich mit der „Lethal Weapon“-Reihe Ender 80er Jahre als einer der führenden Stars in Hollywood etabliert hatte, wollte Mel Gibson auch hinter die Kamera wechseln. Dafür wählte er sich 1991 das mit 12 Millionen Dollar vergleichsweise klein budgetierte Drama „Der Mann ohne Gesicht“ aus. Eigentlich sollte ein anderer Star die Hauptrolle des Justin McLeod spielen, doch nach mehreren Absagen entschied sich Gibson dazu, die Rolle selbst zu übernehmen. Nachdem er zuvor mit Alkoholproblemen zu kämpfen hatte, bemühte sich Gibson, trocken zu bleiben, um sich auf seine Arbeit konzentrieren zu können.

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Während des Drehs besuchte er daher regelmäßig Treffen der Anonymen Alkoholiker und war in den Bars der kleinen Stadt Camden in Maine als „Mr. Cappuccino“ bekannt. Durch den Entzug und die doppelte Arbeitsbelastung wirkte Gibson am Set angespannt, was er durch permanente Witze zu überspielen suchte. Letztlich blieben die zehn Wochen Drehzeit in den meisten Beteiligten jedoch in angenehmer Erinnerung. Für den Schnitt zog sich Gibson mit seiner Familie nach Frankreich zurück und präsentierte sich anschließend zufrieden mit dem Ergebnis.

Rezeption

Obwohl Mel Gibsons Regiedebüt sich eines schwierigen Themas annahm, entging es nicht einem Mini-Skandal, den man leicht im Licht späterer Ereignisse missdeuten könnte. Im Roman der Autorin Isabelle Holland entwickelt der jugendliche Norstadt nämlich durchaus homoerotische Gefühle für McLeod, was Drehbuchautor Malcolm MacRury jedoch in seinem Skript wegließ. Dies brachte Gibson von einigen Kritikern erste Vorwürfe von Homophobie ein. Abgesehen davon waren die Kritiken für den Film überwiegend positiv.

Einfluss und Vermächtnis

Während der Film in den Neunzigern, als sich Gibsons Karriere auf dem Höhepunkt befand, durchaus populär war und auch des Öfteren im deutschen TV lief, geriet er später nach kontroverseren Produktionen wie „Die Passion Christie“ und „Apolcalypto“ etwas in Vergessenheit. Dabei ist das Thema, das der Film aufgreift, zeitlos, wenn nicht aktueller denn je, sowohl was die Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen - oder in diesem Fall viel mehr von Menschen mit Entstellungen - betrifft, als auch die Gefahr unbegründeter Missbrauchsvorwürfe.

Mel Gibson in „Der Mann ohne Gesicht“ (© Tobis)
Mel Gibson in „Der Mann ohne Gesicht“ (© Tobis)

Kritische Analyse

Story: Warum Gibson und Autor MacRury die homoerotischen Neigungen Charles aus der Buchvorlage wegließen, bleibt spekulativ, letztendlich sind die Konflikte des Films stärker auf Gibsons Figur zugeschnitten, die eine doppelte gesellschaftliche Ausgrenzung erfährt: einmal aufgrund nicht bewiesener Missbrauchsvorwürfe, zum anderen wegen seines entstellten Äußeren, wobei letzteres immer wieder als Verstärker für ersteres wirkt. Den Charakter des jungen Charles von homoerotischen Neigungen frei zu halten, führt letztlich aber auch dazu, dass er einen nicht vorbelasteten Blick auf McLeod werfen kann. Der Zuschauer sieht den Lehrer durch die Augen des Kindes und ist so eher geneigt, an dessen Unschuld zu glauben.

Regie: In seinem ersten Regiewerk erweist sich Gibson als versierte Handwerker, der seinen Film in ruhigen Bildern präsentiert. Konsequent erzählt er die Geschichte aus der Perspektive des jungen Charles und legt Stück für Stück das Geheimnis von McLeod frei, sodass das Drama bis zuletzt spannend bleibt und der Zuschauer selbst zwischenzeitlich Zweifel an der Unschuld des Lehrers bekommt.

Schauspiel: Obwohl er sich eigentlich ganz auf die anspruchsvolle Aufgabe eines Regisseurs konzentrieren wollte, weiß Mel Gibson auch vor der Kamera zu brillieren. So ist es nicht nur sein Name, sondern sein Können, das den Film trägt. Immer wieder in seiner Karriere war er bestrebt zu beweisen, dass er zu mehr fähig war als schrägen Actionfiguren wie Mad Max und Martin Riggs. In „Der Mann ohne Gesicht“ ist ihm dies eindrücklich gelungen und auch wenn spätere Skandale sein Image beschädigten, als Schauspieler hat Gibson diese Qualitäten auch bei späteren Projekten wie „Fletchers Visionen“ oder „Der Bieber“ immer wieder herausstreichen können.

In der Rolle des Charles Norstadt liefert der junge Nick Stahl eine überragende Leistung ab. Auch sein Part ist durchaus anspruchsvoll, durchläuft seine Beziehung zu McLeod verschiedene Stadien von Furcht, über enge Freundschaft bis hin zur drohenden Enttäuschung hin zu Verlustängsten gegenüber dem liebgewonnen Ersatzvater, die der junge Schauspieler alle sehr überzeugend rüberbringen kann. Seine Chemie mit Gibson stimmt von Anfang bis Ende.

Musik: James Horner steuerte einen wundervollen klassischen Soundtrack bei, der mit Streichern und Klavier die ruhigen, wie die dramatischen Szenen bereichert. Sie ist stets aussagekräftig, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen.

Warum ist der Filme heute vergessen?

Womöglich waren es die Skandale, in die sich Gibson nach dem Millennium verstrickte, die dazu führten, dass dieser kleinere Film zunehmend in Vergessenheit geriet. Vielleicht wird der eher ruhige und tiefsinnige „Der Mann ohne Gesicht“ auch von der Wucht von Gibsons zweiter Regiearbeit „Braveheart“ oder dem Medienecho, welches spätere Werke begleitete, überschattet.

Warum ist der Film auch heute noch sehenswert?

Gibson liefert vor und hinter der Kamera hervorragende Arbeit ab und harmoniert gut mit Jugenddarsteller Nick Stahl. Das Thema von „Der Mann ohne Gesicht“ ist zeitlos und wird emotional ergreifend erzählt. Sein Werk präsentiert eine klare Botschaft zu gesellschaftspolitischen Problemen, welches gerade heute relevanter sind denn je, ohne diese dem Zuschauer mit jener aufdringlichen Penetranz aufzwingen zu wollen, die vergleichbaren Produktionen der Gegenwart eigen sind.

| FILMSTATISTIK

Filmtitel und Jahr Deutscher Start Einnahmen Nordamerika Einnahmen weltweit Besucher Deutschland Budget
Der Mann ohne Gesicht (1993) 25.11.1993 24,8 Millionen Dollar - 126.442 12 Millionen Dollar

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