Rächer, Vigilanten, schwarze Ritter: Warum Selbstjustiz im Kino seit Jahrzehnten das Publikum fasziniert

Von „Dirty Harry“ bis Batman: Warum Selbstjustiz im Kino fasziniert – und wo die Grenze zwischen Unterhaltung und Ideologie verläuft. Ein Essay.

Aktuell geht in der Medienlandschaft ein Film viral, der es ohne den künstlich angefachten Ärger und das etwas unbedarfte Vorgehen der deutschen FSK nie geschafft hätte, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Gedreht von einem Indie-Filmemacher, der nicht das Talent von Jahrhundertvirtuosen wie Ed Wood oder Demofilo Fidani besitzt, hätte man die Klickzahlen bei Streamingdiensten wohl einzeln nachzählen und die Zahl der in den Vertrieb gehenden physischen Datenträger auf ein dreckiges Dutzend beschränken können. Doch heute braucht man nur das Zauberwort „Zensur“ zu rufen und alle wollen wissen, was da eigentlich zensiert werden soll und warum.

Auf eine einfache Formel heruntergebrochen geht es gar nicht einmal um den Gewaltgehalt des Films, sondern eher um seine zweifelhaft vermittelte Botschaft der Selbstjustiz, die von geradezu lachhaft spießbürgerlichen Szenen überlagert wird. Der dunkle Rächer geht zu einer Prostituierten und hält ihr einen Vortrag über Schimmel an der Wand, nicht etwa, weil das schlecht für ihre Gesundheit wäre, sondern weil es den Immobilienwert verringert. Ja, das ist deutsches Vigilantentum. Man müsste darüber lachen, wenn der Film das nicht wirklich ernst nehmen würde.

Doch genau darin liegt der eigentliche Widerspruch der aktuellen Debatte. Denn der Film erfindet das Motiv der Selbstjustiz weder neu noch steht er mit seiner Botschaft allein. Vigilanten gehören seit Jahrzehnten zu den populärsten Figuren des Kinos. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, warum dieser Film existiert, sondern weshalb ausgerechnet er eine solche Aufmerksamkeit erzeugt.

Selbstjustiz im Kino: Ein Genre zwischen Faszination und Moral

Selbstjustiz im Film ist nun bei Weitem nichts Neues und reflektiert schon seit jeher historische oder zeitgenössische soziale Probleme und Gewalterscheinungen. Der Mann – oder auch die Frau, man denke an Actionklassiker von „Lady Snowblood“ bis „Kill Bill“ –, der nach dem biblischen Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ oder vereinfacht der Formel „Wie du mir, so ich dir“ Blut mit Blut vergelten will, hat schon immer in gewisser Weise die Faszination und Zuschauersympathie der Kinogänger angeregt.

Das gilt sogar für jene Heldenfiguren, denen ein gewisser Gewalteinsatz de jure zukommt, nämlich den Filmpolizisten, der aber meist als Figur präsentiert wird, die durch das schwerfällige Rechtssystem in ihrer Arbeit behindert wird oder deren Opfer durch ein zu lasches Strafsystem im Stich gelassen werden und der deshalb Grenzen überschreiten muss und sich Spitznamen wie „Dirty Harry“ oder Kommissar Ferro verdient.

Und was für den Polizisten gilt, trifft auch auf den vom Staat im Stich gelassenen Bürger zu, besonders in Zeiten, in denen die Gewalt auf den Straßen zu eskalieren drohte, wie im Italien der 70er-Jahre, wo exploitative Action-Thriller wie Enzo G. Castellaris „Ein Bürger setzt sich zur Wehr“ schon im Titel die Selbstjustiz fordern.

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Auch Castellari beendet seinen Streifen mit einer sehr offenen, fragwürdigen, aber direkt an den Zuschauer gerichteten Botschaft. In dem Film greift der Ingenieur Carlo Antonelli zur Selbstjustiz, nachdem er Opfer eines Banküberfalls geworden war. Nachdem er alle drei Täter zur Strecke gebracht hat, vertuscht die Polizei den Vorfall und lässt verlautbaren, diese seien bei einem Schusswechsel mit der Polizei ums Leben gekommen.

Dies sei, so der leitende Kommissar gegenüber Antonelli, notwendig, denn wenn jeder Bürger selbst für Gerechtigkeit sorgen würde, gebe es gar keine Ordnung mehr. Zerknirscht verlässt Antonelli das Kommissariat, doch auf dem Weg nach draußen wird er Zeuge, wie ein Ladenbesitzer, der anscheinend mehrfach überfallen wurde, einem Polizisten erklärt, dass er sich nun eine Waffe kaufen würde, da die Polizei untätig bliebe. Die letzte Einstellung zeigt, wie sich Antonellis Miene aufgrund dieser Worte aufhellt.

Und was sind all die Superheldenfilme aus Hollywoods letzter großen cineastischen Modewelle anderes als die Verherrlichung von Vigilanten in Strumpfhosen, auch wenn dies höchstens in den „Batman-Filmen“ thematisiert wird?

Warum Vigilanten das Publikum bis heute faszinieren

Das Kino und die Kinobesucher lieben diese Männer, weil sie tun, was die meisten von uns auch gern machen würden: der Gerechtigkeit auf kurzem außerdienstlichen Weg Geltung verschaffen. Dieser Wunsch ist die Keimzelle des Faschismus in uns allen.

Die wenigsten geben ihm nach, viele leben ihn passiv als Konsumenten derartiger Rachegeschichten aus und nur selten reflektiert auch das Kino dessen Abgründe.

In William Wellmans Western-Klassiker „Ritt zum Oxbow“ muss ein wild gewordener Stadtmob am Ende feststellen, dass die drei vermeintlichen Viehdiebe, die sie gejagt und ohne Gerichtsverfahren einfach gelyncht haben, gar nicht für die Taten verantwortlich waren, die man ihnen vorwarf. Die gleiche Erkenntnis schockt Gregory Peck, der in „Bravados“ ohne Mitleid die vier Mörder seiner Frau zur Strecke bringt, nur um vom letzten von ihnen zu erfahren, dass es sein eigener Nachbar war, der die Tat begangen hat.

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Solche Filme stehen aber in ihrer Zahl weit zurück hinter den immer wieder neu in Szene gesetzten Rächern aus eigener Machtvollkommenheit. Der Italowestern erhob die Selbstjustiz – neben der Geldgier – zum Leitmotiv seiner Helden. In „Ein Mann sieht rot“ entwickelte sich Charles Bronson zum Rächer der Entrechteten, nachdem seine Frau von Kleinkriminellen vergewaltigt und ermordet worden war, wobei er sich nicht auf die blutige Wiedergutmachung seiner eigenen seelischen Wunden an den Tätern beschränkte, sondern als eine Art Batman ohne Kostüm der gesamten kriminellen Welt den Krieg erklärte, für den er im Verlauf der vier Fortsetzungen immer schwerere Geschütze auffuhr.

Mehr Aufregung als Originalität

Gemessen an dieser langen Tradition des Vigilantenfilms müsste man über den auf X gehypten platten C-Film mit einem Helden, dessen Nervenkostüm von Schimmelflecken anscheinend auf links gekrempelt wird, eigentlich nur lachen. Man dürfte der Versicherung des talentresistenten Regisseurs, er wolle damit keine Gewalt verherrlichen, Glauben schenken, wenn diese Aussage nicht im scharfen Kontrast zu seinen sonstigen politischen Äußerungen stünde, die genau dieses Thema Selbstjustiz behandeln, wahre soziale Missstände quantitativ viel zu sehr überspitzt darstellen und ihn auch sonst als unfähig erscheinen lassen, die moralischen Brüche im Wertesystem seiner Hauptfigur zu erkennen. Diese stigmatisiert andere Bevölkerungsgruppen systematisch, hält ihnen mit dem typisch deutschen erhobenen Belehrungsfinger unerträgliche Vorträge über Demokratie und den Rechtsstaat, nur um diesen dann mit ultraharten Methoden zu vollstrecken.

Hätte man das alles mit einem FSK-18-Siegel in der künstlerisch wertlosen Bedeutungslosigkeit versinken lassen, wäre das alles halb so schlimm, weil schon tausend Mal gesehen, tausend Mal besser handwerklich gemacht, wenn auch nicht immer tiefgründiger durchdacht. Doch so wurde eine Aufregungsmaschine bedient, die uns jetzt zwingt, einerseits die Lächerlichkeit eines Machwerks im Kosmos tausender ähnlich veranlagter Filme einzuordnen und andererseits das dahinterstehende Weltbild noch einmal neu zu diskutieren.

Gerade deshalb wirkt die Aufregung um diesen Film letztlich paradox. Neu ist deshalb nicht das Motiv, sondern allenfalls der politische Kontext, in dem es heute verhandelt wird. Auch hier lehrt die Erfahrung mal wieder, dass der Markt viel eher in der Lage gewesen wäre, zu regeln, was Vater Staat krampfhaft an die Wand fährt.

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