
Warum Filme heute immer länger werden – und ob das wirklich gut ist
26.03.2026
Hat James Bond im 21. Jahrhundert noch eine Daseinsberechtigung? Eine kommentierte Analyse von Alexander Querengässer über Ursprung, Wandel und die Zukunft der ikonischen Agentenfigur.
Anlässlich des 1. April verkündeten mehrere Internetplattformen, dass Oscarpreisträgerin Jessie Buckley („Hamnet“) der neue James Bond werden würde, was angesichts vorheriger Debatten, dass die Rolle endlich von einer Frau gemimt werden sollte, alles andere als unglaubwürdig erschien. Zur Erleichterung nicht weniger Fans ist der bisher einzig gesicherte Posten für den nächsten Film der auf dem Regiestuhl, auf dem Denis Villeneuve („Dune“) Platz nehmen wird.
Von ihm ist durchaus zu erwarten, dass er künstlerische Ambitionen und kommerziellen Erfolg zusammenführen kann, also eine Mischung aus Martin Campbell und Marc Forster darstellen wird. Die entscheidende Frage ist jedoch: Was gibt die Figur des James Bond für das Kino des 21. Jahrhunderts noch her?
„Sie sind … ein Relikt des Kalten Krieges.“ Mit einer langen Schimpftirade der nun von Judi Dench gespielten M und dieser abschließenden Fehleinschätzung führte Martin Campbell in „GoldenEye“ (1995) den berühmtesten Agenten der Kinogeschichte in die Zeit nach dem Kalten Krieg ein. Die Besetzung Ms mit Dench war ein durchaus cleverer Coup, um zumindest das Universum rund um Bond etwas an die Sehgewohnheiten des modernen Kinopublikums anzupassen.
Auch interessant: Einspielergebnisse und Besucherzahlen der „James Bond 007“-Filme
Allerdings hatte dieser neue M dann gar nichts mehr mit der Figur aus Ian Flemings Romanen zu tun, der geradezu ein Sinnbild des alten weißen Mannes und Sprachrohr der teils konservativen Ansichten seines Autors war. So lobt M in „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ (1969) die Schweizer, weil sie sich um das „Beatnik-Problem“ kümmern, was durchaus amüsant war, denn 1963, als der Roman erschien, waren gerade die mit Sean Connery in der Hauptrolle angelaufenen Verfilmungen durchaus Teil dieser neuen Jugendkultur.
Auch die Charakterisierung von Judi Denchs M, die seitdem von vielen Filmkritikern wiederholt wurde, geht am Kern vorbei, denn der Roman-Bond Ian Flemings ist kein Kind des Kalten Krieges, sondern des Britischen Empires, ein Veteran des Zweiten Weltkrieges, dessen Abenteuer zwar in der Zeit des Kalten Krieges handeln und gelegentlich den Konflikt mit der UdSSR zum Thema haben, im Kern jedoch vor allem den raschen Zerfall des Empire in den 50er und 60er Jahren dokumentieren.
Schon in den Verfilmungen mit Connery musste diese Perspektive ein Stück weit verschoben werden, zum einen, weil das Empire das überwiegend amerikanische Zielpublikum nicht ansprach, zum anderen, weil in den frühen Sechzigern in der Ära Chruschtschows eine kurze politische Tauwetter-Periode einsetzte, was in den letzten Romanen, wie in den frühen Filmen dazu führte, dass als Hauptgegner nicht die UdSSR, sondern die Terror-Organisation Spectre eingeführt wurde.
Tatsächlich bleibt der Kalte Krieg in den Filmen präsent – „Octopussy“ (1983) führt Bond schließlich auch in die DDR – aber es sind Terroristen oder Putschisten, die 007 bekämpft, nicht die Moskauer Regierung, die in den Roger-Moore-Bonds gelegentlich sogar mit ihm kooperiert („Der Spion, der mich liebte“, 1977).
Nach der Pierce-Brosnan-Ära benötigte Bond eine Frischzellenkur, um den immer gadgetabhängigeren Agenten zu seinen Ursprüngen zurückzuführen. „Casino Royale“ aus dem Jahr 2006 war ein großer kommerzieller und Publikumserfolg, hielt sich als eine der wenigen Verfilmungen relativ eng an den Roman und präsentierte mit Daniel Craig einen harten Bond, dem von vielen Kritikern bescheinigt wurde, eng an der Romanvorlage zu liegen.
Doch das war er nicht. Craigs Bond war ein harter, zynischer, mit seinen Emotionen kämpfender, aber letztendlich auch von diesen gesteuerter Bond, der zwar den Geschmack der Kinogänger traf und als Leinwandheld im frühen 21. Jahrhundert super funktionierte, aber er war nicht Flemings Bond, der zwar ähnliche innere Konflikte ausfocht, sich aber niemals von seinen Emotionen leiten ließ und eine britische Eleganz verkörperte, die Craig vollkommen abging.
Der athletische Sean Connery besaß sowohl die Eleganz als auch die Körperlichkeit der Figur und auch wenn er bald beginnen sollte, James Bond mit feinem Humor etwas selbstparodistisch zu unterwandern, weil er immer weniger Lust hatte, ihn zu spielen, so entsprach er wenigstens in den ersten drei Filmen dem Fleming-Bond viel mehr als Daniel Craig.
Bezeichnend ist die Szene in „Goldfinger“ (1964), als er sich für einen Moment auf eine Verfolgungsjagd mit Tilly Masterson einlassen will, sich aber dann selbst zur Disziplin ermahnt. Kein anderer Film-Bond sollte je wieder seine Mission über eine Frau stellen wie Connery in dieser Szene. Und Craig sollte seine Emotionen nie so gut im Griff haben wie der Roman-Bond. Craig war ein guter Filmheld für Agentenfilme der Jason-Bourne-Ära, de facto war er aber das exakte Gegenteil von Flemings Bond.
So eindrucksvoll der Craig-Zyklus gestartet war, so krankte er zunehmend daran, dass es den Produzenten nicht gelang, einen filmübergreifenden Spannungsbogen aufzubauen und mit der wiedereingeführten Terrororganisation Spectre einen echten Gegner zu etablieren. Führte Marc Forster in dem vom Publikum wenig geschätzten „Ein Quantum Trost“ (2008) die Idee von „Casino Royale“ noch sinnvoll zu Ende und präsentiert eine konventionelle Geschichte mit visueller Brillanz, so hatte die Reihe spätestens ab „Skyfall“ (2012) das Problem, viel zu lange Geschichten zu erzählen, die erst einmal die verworfene Idee des Vorgängers abwickeln mussten, ehe sie sich einer neuen Idee zuwenden konnten.
Und spätestens mit Craigs Abgang „Keine Zeit zum Sterben“ (2021) wurde dann auch die Figur des James Bond irreparabel cineastisch demontiert. Der zu Beginn des Films im Ruhestand lebende Craig-Bond hat mit seinem ganzen Auftreten, Verhalten und vor allem seiner Sprache so überhaupt nichts mehr mit den Roman- oder selbst vorhergegangenen Film-Bonds gemein. Vom eleganten Briten war er endgültig zum vulgären Amerikaner verkommen.
Lohnt sich unter diesen Umständen ein Neustart? Im Kino werden Kühe gemolken, bis sie trocken sind, Pferde geritten, bis sie tot sind und nur zweimal lebende Agenten wiederbelebt, bis sie keiner mehr aus dem Grab holen will. Daher wird es natürlich einen neuen Bond geben. Doch anstatt diesen an woke Sehgewohnheiten anzupassen – was wohl zumindest kommerziell einen nachvollziehbaren Sinn hätte – sollte man sich bewusst sein, dass Bond und sein Universum schon immer konservativ waren und die alte Elite einer sterbenden Welt verkörpern, die sich den Herausforderungen einer neuen Welt stellen muss.
Dieses Spannungsverhältnis ist zeitlos und universell und aus diesem Grund sollte James Bond ein erfahrener, weißer britischer Gentleman sein, kein Zwanzigjähriger, keine Frau und kein Nicht-Weißer – auch wenn letzteres die moderne britische Gesellschaft durchaus repräsentativ widerspiegeln würde. Die Idee einer nicht-staatlichen Terror-Organisation wie Spectre, die über mehrere Filme präsentiert wird, könnte immer noch Sinn haben, wenn sie stringent entwickelt wird, ohne aus einer Reihe eigenständiger Filme eine handlungsübergreifende Filmserie zu machen.
Den Mut, die multipolaren Konflikte der modernen Welt, etwa durch Einsätze des neuen 007 in China, der Ukraine oder im Iran in der Handlung der Filme aufzugreifen, was narrativ viele Möglichkeiten eröffnen würde, werden die Produzenten aber wohl nicht aufbringen, um nicht das Zielpublikum in diesen Ländern gegen sich aufzubringen.
Das Franchise komplett auf links zu drehen, ist natürlich möglich. Ein weiblicher Geheimagent ließe sich womöglich auch verkaufen. Nur wäre das nicht mehr James Bond und man sollte dann den Mut haben, etwas Neuem auch einen neuen Namen zu geben und nicht einen etablierten, der für etwas vollkommen anderes steht.