
„Avatar 4“ und „Avatar 5“ beleuchten Ursprung des Avatar-Programms
04.02.2026
Giovanni Cianfriglia war einer der bedeutendsten Stuntmen Italiens und prägte zahlreiche Filmgenres mit. Der vielseitige Schauspieler, der unter anderem für Steve Reeves und Bud Spencer arbeitete, starb am 30. Oktober 2024 im Alter von 89 Jahren. Ein Nachruf.
In Hollywood haben Stuntdouble gerade Konjunktur. Mit Chad Stahelski („John Wick“) oder J.J. Perry („Day Shift”) haben sich zwei langjährige Fight-Choreographen auf den Regiestühlen etabliert. In Italien sind die großen Zeiten, als Cinecittà jährlich Dutzende von Genrefilmen hervorbrachte dagegen seit Langem vorbei. Fans erinnern sich mit nostalgischer Wehmut an die lange Liste talentierter Regisseure und Schauspieler, die den Sandalenfilm, den Italowestern, den Eurospy, Superheldenfilme, Giallo, Poliziotti, Endzeittrash aber auch manch prügellastige Klamotte geprägt haben. In diesen Zeiten genossen auch die italienischen Stuntleute einen herausragenden Ruf.
Einer der prägendsten Stuntleute Italiens
Einige von ihnen waren so präsent waren, dass sie eigene Nebenrollen besetzten. Männer wie Benito Stefanelli, Waffenmeister für die Filme Sergio Leones, Riccardo Pizzuti, der oft die erste und die letzte Schelle in den Filmen von Bud Spencer und Terence Hill kassierte, oder Sal Borgese, der den sympathischen Sidekick so gut verkörpern konnte wie den trotteligen Bösewicht sind Genreliebhabern ebenso ein Begriff wie Franco Nero oder Maurizio Merli. Einer der produktivsten Stuntleute, der alle Genres mitgeprägt hat, ist am 30. Oktober 2024 verstorben: Giovanni Cianfriglia.
Cianfriglia wurde am 5. April 1935 in Anzio nahe Rom geboren. Während seiner Studienzeit in den 50er Jahren boxte und schwamm er und baute sich einen athletischen Körper auf, der später sein wichtigstes Kapital werden sollte, ähnlich wie bei vielen seiner späteren Schauspielkollegen, allen voran Bud Spencer, Terence Hill und Giuliano Gemma. Per Zufall kam er mit 21 Jahren zum Film: 1956 arbeitete Cianfriglia als Stuntman in Robert Wises „Die schöne Helena“. Wie für viele Italiener in diesen goldenen Jahren von „Hollywood am Tiber“ sollte es ein Gelegenheitsjob bleiben, ehe anderthalb Jahre später sein Durchbruch erfolgte. 1958 doubelte Cianfriglia den amerikanischen Bodybuilder Steve Reeves in Pietro Francisis „Die unglaublichen Abenteuer des Herkules“, der nicht nur Reeves Karriere, sondern auch das Genre des italienischen Sandalenfilm begründen sollte. Der ehemalige Mister Universe Reeves wurde zu einer Filmikone.
Giovanni Cianfriglias Durchbruch als „Herkules“-Double
Doch obwohl sich seine Muskelberge hervorragend als die des griechischen Helden in Szene setzen ließen, hatte Reeves ein ernsthaftes Problem: Er war äußerst unbeweglich. Cianfriglia war dadurch extrem gefragt, nicht nur für gefährliche Stunts, sondern für alle Szenen, in denen Herkules sich etwas agiler zeigen musste. In dem sich rasch etablierenden Genre sollte er schließlich auch andere Muskelmänner wie Gordon Scott, Reg Park und Mark Forrest doubeln. Als Mitte der Sechziger der Italowestern den Sandalenfilm in der Zuschauergunst abzulösen begann, tat dies Cianfriglias Karriere keinen Abbruch. Im Gegenteil: Männer, die tödlich getroffen von Häuserdächern stürzen konnten, waren begehrter denn je. Das neue Genre wurde von immer waghalsigeren Stunts geprägt und Cianfriglia genoss in der Szene bald einen Ruf als zuverlässiger Profi.
Kleinere Sprechrollen halten Giovanni Cianfriglia über Wasser
Doch trotz des hohen Outputs der italienischen Filmindustrie und der Nachfrage nach Stuntfachleuten war deren Arbeit schlecht bezahlt, weswegen viele von ihnen auch danach drängten, kleinere Sprechrollen zu übernehmen, die besser entlohnt wurden. Nachdem er immer wieder mal kurzzeitig seinen Körper in Sandalenfilmen präsentieren durfte, erhielt Cianfriglia 1964 in Antonio Margheritis „Castle Of Blood“ eine etwas größere Nebenrolle. Dann folgten die Western, in denen er mit seinem breiten Gesicht und den meist finsteren und stechenden Augen kleine Bösewichte spielte, denen man gern noch ein paar letzte fiese Worte auf die Lippen legte, ehe sie vom Antihelden aus den Stiefeln gepustet wurden.
Im Zuge einiger Ensemblefilme, die das Konzept von Robert Aldrichs „Das dreckige Dutzend“ in den Western zu übertragen versuchten, durfte Cianfriglia dann nicht nur die Stunts, sondern den ein oder anderen positiv besetzten Nebencharakter mimen, etwa den Indianer Blade in Enzo G. Castellaris „Töte alle und kehr allein zurück“, während er in Leopoldo Savonnas „Chamaco“ sogar mit für ihn ungewohnten Schnauzbart die Rolle des Hauptschurken übernahm.
Auftritte in italienischen Superheldenfilme
Ein weiteres in den 60er Jahren durchaus populäres Genre in Italien war der Superheldenfilm. Mit geringen Budgets gedreht, konnten diese kaum Spezialeffekte einsetzen, sondern mussten auf die athletischen Fähigkeiten ihrer Darsteller vertrauen. So bekam Cianfriglia 1966 die Gelegenheit, seine erste Hauptrolle in Nick Nostros „Das rote Phantom schlägt zu“ zu ergattern, wobei sein Gesicht ständig unter einer Maske und seine schauspielerische Identität unter dem Pseudonym Ken Woods versteckt wurde, welches er in den folgenden Jahren immer wieder nutzte. Der Film gehört sicherlich nicht zu den herausragenden Beiträgen des kleinen Subgenres, seine Aufnahme in die Tele5-Reihe „Schlefaz“ (Schlechteste Filme aller Zeiten) war allerdings dennoch nicht wirklich verdient.
Ein vielseitiger Mann
In den kommenden Jahren arbeitete Cianfriglia in allen drei Bereichen: als Stuntman, Stuntdouble (unte anderem für Anthony Steffen) und Stuntkoordinator, als Nebendarsteller und gelegentlich noch einmal als Hauptdarsteller wie in Paolo Bianchis „L‘Invincible Superman“, der wesentlich weniger gelungenen und in Deutschland nicht erschienen Fortsetzung des Roten Phantoms.
Mit dem Niedergang des italienischen Films in den frühen Siebzigern nahm das Angebot an Schauspielrollen ab, wobei Cianfriglia immer noch als Nebendarsteller gefragt blieb. Der neue Publikumsliebling, nicht nur der italienischen Kinogänger dieser Zeit, war allerdings nicht mehr der athletische Steve Reeves, sondern der ehemalige Athlet Carlo Pedersoli, alias Bud Spencer, den Cianfriglia nun doubelte. Spencer, der in seinen Memoiren nur lobende Worte für alle seine Stuntpartner und -double hatte, nannte Cianfriglia einen echten Gentleman, der durch seinen höflichen Umgang mit den Regisseuren beliebt war.
Jobs bis ins hohe Alter
Bis ins höchste Alter ging er diesem Job nach. Sein letzter Imdb-Eintrag als Stuntman stammt von 2016, als er an Ben Stillers „Zoolander 2“ mitwirkte. Zu diesem Zeitpunkt war Cianfriglia jedoch vor allem ein geschätzter Interviewpartner für DVD-Features, wo er sich wohltuend durch seine bodenständige und zurückhaltende Art von vielen anderen alten Recken der italienischen Filmindustrie abhob, für die diese Gespräche die Chance auf ein letztes Hurra auf ihren eigenen Beitrag zur Kinogeschichte darstellen.
Cianfriglia wusste stets, was er geleistet hat, sah aber auch nie die Notwendigkeit, seine Arbeit größer darzustellen als sie war. Es ist schade, dass er keine geschriebenen Memoiren hinterlassen hat, denn von seinen 173 offiziellen Filmbeiträgen hätte er sicherlich noch so manch interessante Anekdote zu erzählen gehabt. Allerdings veröffentlichte seine Tochter Assunta vergangenes Jahr eine kurze Biografie ihres Vaters. Die Fans des italienischen Genrekinos werden ihren Vater nicht vergessen.