Kevin Costners „Horizon“: „Der alte, weiße Mann verteidigt sein geliebtes Amerika“ - oder? 05.10.2024

Kevin Costners „Horizon – An American Saga“ ist in Deutschland überraschenderweise relativ erfolgreich, doch weltweit bleibt das Epos hinter den Erwartungen zurück. Warum floppt der Western? Eine kommentierte Analyse zu den Vorwürfen seiner Kritiker.

Seit August läuft Kevin Costners viel diskutierter Western „Horizon – An American Saga“ auch bei uns im Kino. Zwar ist er in Deutschland so erfolgreich, wie in keinem anderen Land außerhalb der USA, in Anbetracht der enttäuschenden Einspielergebnisse im Rest der Welt muss das aber nicht viel heißen -zumal die bisher knapp 300.000 Besucher weit von Costners Bestwerten entfernt sind. Mit seinen bis dato eingenommenen 38,2 Millionen Dollar weltweit wird Teil 1 der Saga bei einem Budget von 50 Millionen Dollar kein Erfolg nicht mehr. Zumindest stimmen die Berichte aus dem Home Video Markt etwas optimistischer, dass der Film sein Geld einspielt und der 69-jährige Altstar sein Projekt vollenden kann. Doch warum floppte „Horizon“? Was ist dran an den Vorwürfen seiner Kritiker?

Ist Kevin Costner wirklich „größenwahnsinnig“?

Als deutscher Zuschauer, der sich lange damit begnügen musste, über „Horizon“ zu lesen, bevor ich ihn sehen konnte, musste ich über viele Kritiken, ob in Deutschland oder auch in der englischsprachigen Presse, die Stirn runzeln. Dabei geht es mir nicht darum, ob Rezensenten den Film nun gut oder für weniger gelungen hielten. So etwas bleibt Geschmackssache, wobei viele Kritiker auch nicht mehr in der Lage zu sein scheinen, persönlichen Geschmack von einer objektiven Einschätzung der rein handwerklichen Machart eines Films zu trennen. Anders steht es schon um den oftmals unreflektierten Gebrauch von Sprache, wenn ein Redakteur oder Kritiker vom anderen abschreibt und das Projekt immer wieder als „größenwahnsinnig“ skizziert oder gar direkt sagt, Costner sei „größenwahnsinnig“. Dabei gibt es durchaus einen gewaltigen Unterschied, ob ein Kinokünstler ein ambitioniertes Projekt à la Cecile B. DeMille vorträgt oder nicht mehr alle Patronen in der Trommel hat.

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Jamie Campbell Bower und Kevin Costner in „Horizon“ (© Tobis)
Jamie Campbell Bower und Kevin Costner in „Horizon“ (© Tobis)

„Horizon“ im Zentrum geschichtspolitischer Debatten

Neben Fragen rein cineastischer Natur wurde „Horizon“ jedoch gerade auch in den USA zum Gegenstand geschichtspolitischer Debatten. So arbeiten sich vor allem seine Kritiker gern an der Frage ab, ob Costner nun ein zeitgemäßes Bild des Westens entwirft, ob seine Frauen auch emanzipiert genug sind, nicht zu viele weiße Darsteller die Szenen beherrschen oder das Unrecht an den Indianern auch ja entsprechend als Unrecht dargestellt wird. „Das Problem an der Sache ist, dass man die Siedler nicht mehr als unschuldige Helden darstellen kann“, konnte man in einer Kritik lesen. Warum kann man das denn nicht? Macht das der Film überhaupt? Eigentlich nicht.

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Noch seltsamer finde ich jedoch negative Bemerkungen auf Basis bestimmter kulturgeschichtlicher Haltungen. So zeigte sich eine Reihe von Kritikern in ihren Besprechungen verwundert bis verärgert darüber, dass Kevin Costner ein großes Epos über die Besiedlung des Westens aus der Perspektive der Siedler und nicht aus der der Indianer nachzeichnete, weil dies angeblich in die Muster der Western der 50er Jahre zurückfalle. Gerade diese Kritik krankt an vielen Punkten, angefangen bei einer stereotypen Vorstellung vom US-Western der Zeit, der nicht wenige Filme hervorgebracht hatte, die durchaus bemüht waren, die Perspektive der Indianer nachzuvollziehen, angefangen von Delmer Daves „Der gebrochene Pfeil“ (1950), Robert Aldrichs „Massai – Der große Apache“ (1954), George Shermans „Der Speer der Rache“ (1955), Jesse Hibbs „Ritt in den Tod“ (1957) bis zu John Fords letztem großen Kinofilm „Cheyenne“ (1964). Natürlich agieren Indianer in vielen Filmen als eher klischeehaft skizzierte Bedrohung. Aber dies ist vor allem eine Frage der Perspektive. Die hier aufgezählten Filme ließen sich durch dutzende weitere Beispiele ergänzen.

Darf Geschichte nur aus der Opferperspektive erzählt werden?

Eine solche Kritik korrespondiert mit Strömungen, die sich auch in der akademischen Welt antreffen lassen, in welcher einige Forscher fordern, die Geschichte des Kolonialismus dürfe nur noch von den Kolonialisierten geschrieben werden. Folgerichtig soll Herr Costner doch bitte die Geschichte der Besiedlung des Westens auch NUR aus der Geschichte der Indianer erzählen, wie er es in „Der mit dem Wolf tanzt“ vorbildlich getan hat. Aber gerade dieses Epos legitimiert Costner als Regisseur für ihn neue, wenn auch im Genre bekannte Wege zu gehen. Und wenn man die Logik weiterverfolgt, dass Filme immer nur aus der Opferperspektive geschildert werden dürfen, wären sicherlich viele Deutsche am Sonntagabend gelangweilt, wenn ihre Tatortfolgen um 20.20 Uhr den Abspann entrollen. Aber vielleicht sollte man Krimis und Western mit zwei unterschiedlichen moralischen Wertmaßstäben betrachten, wie es heute oft geschieht.

Täter-Opfer-Umkehr und die Rolle der Skalpjäger

Eng damit verbunden ist der Vorwurf, dass Costner eine Täter-Opfer-Umkehr betreibe, indem er den Kampf der Siedler gegen die Indianer als eine Folge wiederholter Indianerüberfälle auf die Siedlung Horizon darstelle, während die Übergriffe auf die Dörfer der Indianer nur von einer Minderheit weißer Skalpjäger durchgeführt werden würden. Letztere stellen eine Gruppe dar, derer sich das klassische Hollywoodkino übrigens viel seltener angenommen hatte als den verfolgten Indianern. Es blieb dem Italowestern vorbehalten, die Rolle von Skalpjägern als eine Art Gewaltpioniere im Kontrast zum Siedlerpionier in Fordscher Manier zu thematisieren. In „Navajo Joe“ (1966) präsentiert Sergio Corbucci eine Bande Kopfjäger als Antagonisten des Titelhelden. Diese rutschen aber auch in der Welt der Weißen ins soziale Abseits, denn nach der weitgehenden Befriedung des Westens werden ihre Übergriffe auf die verbliebenen friedlichen Indianer nicht mehr gern gesehen. Der Gewaltpionier schuf somit die Grundlage für den Siedlerpionier, ehe er der Zivilisation, im Sinne des sich ausweitenden Staats weichen musste.

Kevin Costner in „Horizon“ (© Tobis)
Kevin Costner in „Horizon“ (© Tobis)

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Ganz ähnlich beleuchtete Corbucci zwei Jahre später die Rolle von Kopfgeldjägern in „Leichen pflastern seinen Weg“ (1968). Aus der Auslobung von Kopfprämien entwickeln einige Männer ein Geschäftsmodell, dessen Sinn nicht mehr darin besteht, den Gesuchten der Justiz vorzuführen, sondern für ihre Leichen Prämien zu kassieren, ehe der neue Gouverneur (=Staat) diese Praxis verbieten will. Ich habe zwar Zweifel, dass sich Costner für Horizon von Italowestern beeinflussen ließ – zumal „Leichen pflastern seinen Weg“ in den USA lange unbekannt war – aber die Kostümierung der Sykes-Familie und ein paar Details in ihren Szenen erinnerten mich stark an jenen Film. So trägt dir Figur des Caleb Sykes (gespielt von Jamie Campbell Bower) eine so gar nicht authentische schwarze Lederweste, die stark aus dem eigentlich stimmigen Kostümbild des Films heraussticht, aber auffällige Ähnlichkeiten zum Dress von Klaus Kinski in Corbuccis Film aufweist.

Costners eröffnender Gewaltakt ist gewaltfrei

Zumindest versuchte Costner diese vielen unterschiedlichen Phänomene unter einen Cowboyhut zu bekommen, was ihm auf eine recht ansprechende und intelligente Art und Weise gelingt. Denn während einige Kritiker es anscheinend gern gesehen hätten, dass die Siedlertracks erst einmal ein Indianerdorf niederbrennen, bevor sie ihre Häuser bauen, beginnt Costners Werk mit einem „gewaltfreien Gewaltakt“. Ein Siedler vermisst und kartografiert das Land für die neue Stadt. Das Land, welches die Indianer bisher nutzten, ohne einen alleinigen Besitzanspruch zu erheben, wird parzelliert und nicht nur für die weiße Gemeinschaft als Ganzes, sondern für einzelne Siedler als Miniaturkönigreich abgegrenzt. Diesen Akt der „Landnahme“, der am Beginn fast jeder weißen Kolonisation steht, wird in aller Ruhe inszeniert, während im Hintergrund bereits die Apachen lauern und diesen Vorgang gar nicht nachvollziehen können.

Unterschiedliche kulturelle Denkmuster prallen aufeinander

Was Costner hier mit ganz simplen Mitteln zeigt, ist ein Clash of Cultures, der unterschiedliche kulturelle Denkmuster aufzeigt, die überhaupt erst die Grundlage für Konflikte bilden. Die anschließenden Überfälle der Indianer auf Horizon stellen somit gar nicht den ersten Gewaltakt dar, sondern nur den, der die ersten Toten fordert. Für all jene, die das aus diesen Szenen, die dem Forschen Credo „Show, don´t talk“ folgen, nicht herauslesen konnten, erklärt Costner den ganzen Vorgang dann nochmal ausführlich mit Worten. Einmal aus dem Munde von Lieutenant Gebhardt (Sam Worthington), der den Siedlern vorhält, genau an dieser Stelle ihre Stadt errichtet zu haben, und einmal aus der Perspektive des Apachen Pionsenay (Owen Crow Shoe), der seinem Häuptling erklärt, die Siedler würden das Jagdwild aus ihrem Tal vertreiben. Auch wenn die im Film gesponnenen Handlungsstränge am Ende alle offen bleiben, was man durchaus kritisieren kann, so spannt er doch einen gewissen narrativen Bogen, indem er mit dem Überfall auf ein Indianerdorf schließt.

Danny Huston und Michael Rooker in „Horizon“ (© Tobis)
Danny Huston und Michael Rooker in „Horizon“ (© Tobis)

Härte des Siedlerleben macht den Western aus

Und übrigens: Wenn der eine oder andere Kritiker meint, Filme über die Besiedlung des Westens sollen sich nicht mit den Härten des Siedlerlebens auseinandersetzen, sondern „vielmehr die Frage im Raum stehen, wer hier wen in Wahrheit angreift“ (der Costner wie gezeigt, durchaus tiefsinnig nachgeht), dann verkennen sie, dass es dieses harte Leben ist, welches schon immer den Reiz des Genres ausmachte. Der amerikanische Westernstar Sam Elliott brachte es auf den Punkt, als er sagte, im Western gehe es um den Kampf des Menschen gegen die Natur, andere Menschen und schließlich gegen sich selbst. All diesen Aspekten geht „Horizon“ nach und wie gesagt, sei es jedem selbst überlassen, ob er es für gelungen betrachtet, oder nicht.

Es ist allerdings seltsam zu lesen, dass die Fans von Superhelden- und Fantasyfilmen plötzlich an den Western Maßstäbe höchster Authentizität legen, doch wenn man dies tut, sollten die eigenen Ansichten nicht auf Klischeevorstellungen bestehen. Sicherlich macht es einem ein Film wie „Horizon“ schwer, über Inhalte zu diskutieren, wenn eben diese noch gar nicht auserzählt sind, aber eins kann man durchaus auch objektiv festhalten: Falsch ist die Darstellung über die Besiedlung des Westens in Costners erstem Kapitel von „Horizon“ nicht.

Horizon 2“ startet in Deutschland am 7. November regulär und wie geplant im Kino – im Gegensatz zu den USA, wo der August-Start ersatzlos gestrichen wurde.

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