Ist „Star City“ das neue „Chernobyl“?

Eine sowjetische Geschichte, erzählt von westlichen Kreativen: Schon „Chernobyl“ wurde genau dadurch zu einem Meisterwerk. Mit „Star City“ versucht Apple TV+ nun etwas ganz Ähnliches – und nach vier Folgen deutet vieles darauf hin, dass hier weit mehr als nur ein weiteres „For All Mankind“-Spin-off entstanden ist.

Eine Analyse der überraschenden Parallelen zwischen Apples neuem Prestige-Drama und dem HBO-Klassiker.

„Chernobyl“ gehört für mich zu den besten Serien der vergangenen Dekade (neben Jesse Armstrongs monumental-böser Medienmogul-Satire „Succession“). Craig Mazins HBO-Meisterwerk erzählte nicht einfach die Geschichte einer Nuklearkatastrophe, sondern schuf gleichzeitig einen Polit-Thriller, ein Gesellschaftsporträt und eine universelle Geschichte über Wahrheit und Lüge. Nach vier Folgen von Apples neuem „For All Mankind“-Spin-off drängt sich nun eine überraschende Frage auf: Ist „Star City“ vielleicht der geistige Nachfolger von „Chernobyl“?

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„Chernobyl“ handelte von der Sowjetunion. Produziert wurde sie von Amerikanern. Gespielt wurde sie überwiegend von britischen und amerikanischen Darstellern. Und erstaunlicherweise funktioniert „Star City“ nach einem ganz ähnlichen Prinzip.

Die Sowjetunion durch westliche Augen

Das neue Apple-TV+-Drama ist ein Spin-off der Raumfahrt-Kultserie „For All Mankind“ und erzählt die Geschichte des sowjetischen Raumfahrtprogramms hinter dem Eisernen Vorhang. Im Mittelpunkt stehen Kosmonauten, Ingenieure und KGB-Offiziere, die in einer alternativen Zeitlinie alles dafür opfern, die USA im Wettlauf ins All dauerhaft zu schlagen.

Bereits jetzt wird deutlich: „Star City“ interessiert sich weit weniger für Raketen als für Menschen.

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Wie einst „Chernobyl“ nutzt die Serie ein zutiefst sowjetisches Thema, um universelle Fragen zu stellen. Wie lebt man in einem System permanenter Überwachung? Was passiert mit Menschen, wenn Loyalität wichtiger wird als Wahrheit? Und welchen Preis zahlt eine Gesellschaft, die ihre größten Leistungen nur durch Kontrolle und Angst erreicht?

Diese Fragen hängen über nahezu jeder Szene.

„Star City“ wird zwar als Science-Fiction-Serie vermarktet, tatsächlich funktioniert das Format bislang jedoch deutlich stärker als paranoider Polit-Thriller. Raketenstarts und Raumfahrt bilden lediglich die Kulisse für eine Geschichte über Überwachung, Misstrauen und politische Kontrolle. Die eigentliche Spannung entsteht nicht im All, sondern innerhalb eines Systems, in dem jede Entscheidung politische Konsequenzen haben kann. Genau wie „Chernobyl“ interessiert sich die Serie weit mehr für die Menschen hinter den historischen Ereignissen als für die technischen Details ihrer Missionen.

Als ich 2019 über „Chernobyl“ schrieb, formulierte ich einen Gedanken, der mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist: „‚Chernobyl‘ ist viel mehr als ein Katastrophen-Drama mit Horrorbildern von Strahlenopfern, sondern vielmehr eine Charakterstudie, ein Gesellschaftsporträt über die Sowjetunion in den 80er Jahren und ein hochspannender Thriller.“

Nach den bisherigen Folgen könnte man fast denselben Satz über „Star City“ schreiben. Auch hier geht es letztlich um Individuen, die innerhalb eines gewaltigen Staatsapparates ihren Platz suchen. Um Wissenschaftler, die zwischen Fortschritt und Gehorsam zerrieben werden. Um Funktionäre, die gleichzeitig Täter und Gefangene ihres Systems sind. Diese thematische Nähe zeigt sich auch in den Figuren.

Besonders faszinierend ist dabei Rhys Ifans als geheimnisvoller „Chefkonstrukteur“, der (lose) auf dem legendären Raumfahrtpionier Sergei Koroljow basiert. Die Figur verkörpert genau jene Mischung aus Genialität, Opferbereitschaft und Tragik, die bereits Jared Harris’ Legasov in „Chernobyl“ so unvergesslich machte.

Der große Unterschied: „Star City“ fehlt noch das emotionale Gewicht

Und trotzdem würde ich nach vier Folgen noch nicht so weit gehen, „Star City“ auf dieselbe Stufe wie „Chernobyl“ zu stellen. Denn „Chernobyl“ war ein Instant-Klassiker.

Agnes O’Casey in „Star City“ (© Apple TV+)
Agnes O’Casey in „Star City“ (© Apple TV+)

Bereits nach wenigen Episoden war spürbar, dass hier etwas Außergewöhnliches entstanden war. Jede Szene besaß eine erschütternde emotionale Wucht. Jede Entscheidung konnte Leben kosten. Jede Lüge hatte katastrophale Konsequenzen. „Star City“ ist dagegen bislang etwas distanzierter.

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Atmosphärisch spielt „Star City“ bereits in der Oberliga. Die Serie erzeugt mit ihrer Mischung aus politischer Paranoia, technologischem Ehrgeiz und allgegenwärtiger Kontrolle eine faszinierende Sogwirkung. Was bislang noch fehlt, ist die emotionale Durchschlagskraft von „Chernobyl“. Während HBOs Katastrophendrama seine Zuschauer von Beginn an tief in das Schicksal seiner Figuren hineinzog, bleibt „Star City“ auf Distanz. Das schmälert die Qualität der Serie keineswegs, verhindert aber bislang den Sprung vom herausragenden Drama zum potenziellen Meisterwerk.

Vielleicht fällt dieser Punkt gerade deshalb so stark ins Gewicht, weil „For All Mankind“ zu den Serien gehört, die über Jahre eine außergewöhnlich enge Bindung zu ihren Figuren aufgebaut haben. Als großer Fan der Mutterserie fällt auf, dass „Star City“ diese emotionale Nähe bislang noch nicht ganz erreicht.

Apple gelingt etwas, das heute selten geworden ist

Eine weitere Stärke teilt „Star City" mit „Chernobyl": die Geduld. Die Serie vertraut darauf, dass ihre Zuschauer aufmerksam sind. Sie erklärt nicht jede politische Nuance und verzichtet auf einfache Gut-und-Böse-Muster. Stattdessen zeichnet sie ein komplexes Bild eines Systems, das gleichermaßen zu beeindruckenden Leistungen und menschlichen Tragödien fähig ist.

Genau das war schon eine der größten Stärken von „Chernobyl". Dort waren nicht „die bösen Sowjets" das Problem. Das Problem war ein System, in dem Wahrheit zur Gefahr wurde. Auch „Star City" bewegt sich bislang auf diesem Terrain.

Ist „Star City“ also das neue „Chernobyl“? Noch nicht.

„Chernobyl“ bleibt für mich weiterhin eine der größten Serienleistungen des vergangenen Jahrzehnts – ein nahezu perfektes Zusammenspiel aus Drehbuch, Inszenierung, Schauspiel und historischer Relevanz.

Die Parallelen zu „Star City“ sind dennoch unverkennbar. Beide Produktionen erzählen ur-sowjetische Geschichten mit westlichem Blick. Beide interessieren sich mehr für Menschen als für ihre eigentlichen Schauwerte. Beide nutzen historische beziehungsweise alternative historische Ereignisse, um über Macht, Wahrheit und Verantwortung zu sprechen.

Ob „Star City“ tatsächlich in dieselbe Liga aufsteigen kann, werden die verbleibenden fünf Episoden zeigen müssen. Schon jetzt steht jedoch bereits fest: Apple TV+ hat nicht einfach nur ein weiteres „For All Mankind“-Spin-off produziert.

Die Serie könnte sich als eines der spannendsten Fernsehprojekte des Jahres entpuppen. Und allein der Umstand, dass man überhaupt darüber nachdenken kann, ob hier ein neues „Chernobyl“ heranwächst, ist wahrscheinlich das größte Kompliment, das man ihr derzeit machen kann.

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