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22.06.2026
Christopher Nolan verfilmt mit der „Odyssee“ einen Stoff, den Hollywood jahrzehntelang weitgehend ignorierte. Ein Blick auf die überraschend kurze Filmgeschichte des Epos.
Die großen literarischen Geschichten der Menschheitsgeschichte haben Filmemacher und Produzenten immer wieder zu Leinwandadaptionen animiert. „Die drei Musketiere“, „Der Graf von Monte Christo“, „Graf Dracula“ und andere kennen mittlerweile viele Menschen eher als Leinwand-, Flimmerkisten- oder sogar Streaminghelden denn als Romanfiguren. Auch der epische Kampf der Griechen vor Troja, das Thema des ältesten Werkes der westlichen Literatur, wurde frühzeitig vom Kino für sich entdeckt.
Insbesondere das Motiv der schönen Frau, um die ein alles verschlingender Krieg entbrannte, rückte dabei ins Zentrum, etwa in Giovanni Pastrones „La Caduta di Troia“ (1911), im deutschen Stummfilm „Helena“ (1924), dem Hollywoodepos „Die schöne Helena“ (1956) oder auch Wolfgang Petersens „Troja“ (2004). Homers zweite große Saga, die „Odyssee“, die die zehnjährige Rückkehr des griechischen Helden Odysseus nach Ithaka schildert, fand dagegen bisher nur eine Handvoll Adaptionen.
Mit seiner kommenden Verfilmung „Die Odyssee“ wird nun ausgerechnet Christopher Nolan diesen selten verfilmten Stoff auf die große Leinwand zurückbringen – im ganz großen Stil mit einem fürstlichen Budget von 250 Millionen Dollar.
Ein Blick auf die bisherigen Adaptionen zeigt, wie ungewöhnlich diese Entscheidung tatsächlich ist. Die bekannteste Verfilmung stellt sicherlich „Die Fahrten des Odysseus“ aus dem Jahr 1954 mit Kirk Douglas in der Hauptrolle dar. Damals entdeckte Hollywood den Antikenfilm in bunten Technicolorfarben gerade für sich. „Quo Vadis?“ (1951), „Das Gewand“ (1953) und seine Fortsetzung „Die Gladiatoren“ (1954), „Die schöne Helena“ (1956) und natürlich „Ben Hur“ (1959) begründeten eine neue Welle amerikanischer Historienepen.
Die beiden Produzenten Dino De Laurentiis und Carlo Ponti sprangen auf den Zug auf und stellten das seinerzeit beachtliche Budget von 10 Millionen Dollar zur Verfügung. Der Film reduziert die mit Abenteuern gespickte Geschichte auf drei wichtige Ereignisse: Odysseus’ Begegnung mit dem Zyklopen Polyphem, mit den Sirenen und der Zauberin Kirke sowie seine Heimkehr nach Ithaka, wo sich seine Frau Penelope zehn Jahre lang den Werbungen von Freiern widersetzen musste, die den Hof des Helden ausgesaugt hatten.
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Die Kamera bediente der Amerikaner Harold Rosson, doch an seiner Seite stand der junge Mario Bava, der auch die Spezialeffekte entwarf. Insbesondere die Szenen mit Polyphem sind beeindruckend getrickst.

Für die wenig später aufkommende italienische Sandalenfilmwelle spielte die „Odyssee“ überraschenderweise überhaupt fast keine Rolle, obwohl deren Mischung aus historischer und mythologischer Erzählung genau in die Narrative dieser Streifen gepasst hätte. In Mario Caianos „Herkules, Sohn der Götter“ (Original: „Ulisse contro Ercole“, 1962) wird Odysseus auf seiner Fahrt von Piraten überfallen und gefangen genommen.
Die Piraten stehen unter dem Befehl von Herkules, der vom Gott des Meeres geschickt wurde, um sich für die Blendung Polyphems zu rächen. Die beiden bestehen eine Reihe von Abenteuern in – frei erfundenen – mystischen Welten, raufen sich am Ende zusammen und versöhnen dadurch die Götter, die Odysseus die Heimkehr erlauben. In Pietro Franciscis „Herkules, Samson und Odysseus“ verschlägt es die beiden Helden nach dem Kampf mit einem Seeungeheuer in den Nahen Osten.
Erst 1968, als Revolverhelden die antiken Muskelmänner in der Gunst der italienischen Kinozuschauer abgelöst hatten, nahm sich die RAI des Stoffes an und gab eine sechsteilige, für das damalige europäische Fernsehen extrem aufwendige TV-Adaption in Auftrag.
Die italienisch-deutsch-jugoslawisch-französische Koproduktion wurde von Franco Rossi inszeniert und wiederum von Dino De Laurentiis produziert. Der Kroate Bekim Fehmiu mimte Odysseus, die damals enorm populäre griechische Schauspielerin Irene Papas Penelope. In 370 Minuten Gesamtlaufzeit erzählt die Serie die gesamte Geschichte der „Odyssee“ in durchaus epischen Bildern.

Die Geschichte mit Polyphem wurde erneut von Mario Bava getrickst und inszeniert. Mit durchschnittlich 16,6 Millionen Zuschauern erwies sich die Serie in Italien als Gassenhauer, weswegen später eine auf Spielfilmlänge zusammengeschnittene Version in die Kinos gebracht wurde.
Dank des Aufkommens von Computereffekten, aber auch dem Erfolg von Fantasy- und Antikenserien wie „Herkules“ und „Xena“ erlebte der Sandalenfilm in den Neunzigern und frühen 2000ern ein kleines Revival im amerikanischen Fernsehen.
1997 erschien der TV-Zweiteiler „Die Abenteuer des Odysseus“ unter der Regie von Andrei Konchalovsky. Neben Armand Assante in der Hauptrolle hat die aufwendige Produktion einen hochwertigen Cast. Irene Papas ist diesmal als Odysseus’ Mutter zu sehen, Charlie Chaplins Tochter Geraldine spielt seine Amme, der große Christopher Lee den blinden Seher Tiresias und Isabella Rossellini die Göttin Athene.
Neben der mittlerweile zum Standard der „Odyssee“ gehörenden Polyphem-Szene konnte dank CGI auch der Schiffbruch zwischen Scylla und Charybdis visuell anspruchsvoll in Szene gesetzt werden. Gedreht in der Türkei setzte der Zweiteiler mit seinem staubigen Look und seinem Setdesign, welches Homers Geschichte korrekterweise im bronzezeitlichen und nicht im bekannteren hellenistischen Griechenland zeigte, Maßstäbe für die bald folgenden Antikenfilme wie „Jason und die Argonauten“ (2000) und „Helena von Troja“ (2003).
Ebenfalls fürs Fernsehen entstand 2008 Terry Ingrams „Der Sieg des Odysseus“ mit „Die Mumie“-Star Arnold Vosloo in der Titelrolle, die eine vollkommen freie Geschichte erzählt. Die französisch-italienische TV-Produktion „Odysseus – Macht, Intrige, Mythos“ aus dem Jahr 2012 verlegt den Fokus der Erzählung eher auf Penelope, die von ihren Freiern bedrängt auf die Rückkehr ihres Mannes wartet, während sich ihr Sohn Telemach auf die Suche begibt. Der verschollene Odysseus schwebt mythisch über den Ereignissen und tritt erst in der allerletzten Folge auf.
Während Ridley Scott 1999 mit „Gladiator“ ein erneutes Revival des Historienepos anstieß, welchem auch Wolfgang Petersens „Troja“ entsprang, führte das Abgleiten dieses Zyklus in den Fantasybereich mit Filmen wie „Kampf der Titanen“ (2010), „Zorn der Titanen“ (2012), „Hercules“ (2014) und „The Legend Of Hercules“ (2014) nicht dazu, dass die „Odyssee“ eine weitere Verfilmung erfuhr, obwohl Polyphem, Scylla, Charybdis und andere Monster auch hier perfekt in bestehende Narrative gepasst hätten.
Trotz einer Handvoll teils guter Verfilmungen gehört die „Odyssee“ somit nicht zu jenen literarischen Klassikern, die cineastisch ausgequetscht wurden wie eine Zitrone, sodass sie sich höchstens in arg verfremdeter Form noch für eine Neuadaption lohnen würden.
Dass Christopher Nolan der Geschichte dennoch seinen ganz eigenen visuellen wie narrativen Stempel aufdrücken wird, ist kaum zu bezweifeln. Als großer Hollywood-A-Film wurde die „Odyssee“ jedenfalls bisher noch nicht dargeboten.