
Berlinale-Kritiken 2026 von Kino-Total.net
17.02.2026
Es ist Halbzeit am Potsdamer Platz: Die 76. Berlinale nimmt nach sechs Tagen endlich spürbar an Fahrt auf. Während das Feld der Wettbewerbsbeiträge lange Zeit zwischen solidem Handwerk und vereinzelten Enttäuschungen schwankte, sorgt nun ein spätes Highlight für eine neue Dynamik im Rennen um den Goldenen Bären. Eine Zwischenbilanz von Sophia Förtsch.
Nach einer langen Phase des Abwartens hat der Wettbewerb seinen bisherigen emotionalen und künstlerischen Höhepunkt gefunden. „Queen At Sea“ (4,5 Sterne), das neue Werk von Lance Hammer, ist der erste echte Anwärter auf den Goldenen Bären. Das Familiendrama, hochkarätig besetzt mit Juliette Binoche, Florence Hunt, Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay, widmet sich dem hochsensiblen Thema Demenz mit einer Radikalität und Zärtlichkeit, die tief bewegt. Besonders die darstellerische Leistung des Quartetts setzt neue Maßstäbe für diesen Berlinale Jahrgang.
Bisher konnte ich mir 15 Filme anschauen – im Schnitt zwei bis drei Filme pro Festivaltag. Hinter meinem aktuellen Spitzenreiter formiert sich eine Gruppe von Filmen, die das Niveau der 76. Berlinale hochhalten:
„The Education Of Jane Cumming“ (4,0 Sterne, Sektion: Panorama): Ein historisch-intellektuelles Kraftpaket über zwei Lehrerinnen im Schottland des 19. Jahrhunderts, denen vorgeworfen wird eine Liebesbeziehung zu haben. Der Film überzeugt durch seine scharfe Analyse von Macht und Moral.
„The Weight“ (3,5 Sterne, Sektion: Berlinale Special): Außer Konkurrenz zeigt Ethan Hawke in diesem atmosphärisch dichten Drama aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise eine seiner stärksten Leistungen der vergangenen Jahre.

„Sunny Dancer“ (3,5 Sterne, Sektion: Generation): Die Coming-of-Age-Erzählung profitiert massiv von der Präsenz Bella Ramseys. Ein wunderbarer Film über Freundschaft und Liebe – und eine Hymne an das Leben.
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„Der Heimatlose“ und „Allegro Pastell“ (beide 3,5 Sterne): Zwei deutsche Beiträge in den Sektionen Panorama und Perspektive, die sich jeweils auf ihrer eigenen Art klug mit Identität und Heimat bzw. dem modernen Lebensgefühl auseinandersetzen.
In der Riege der soliden Produktionen findet sich „Take Me Home“ (3,0 Sterne) wieder. Der Film von Liz Sargent überzeugt als leises Porträt, bleibt jedoch in seiner Gesamtwirkung etwas hinter der narrativen Wucht meiner Top-Favoriten zurück. Er reiht sich ein neben Titeln wie „Rose“ (3,0 Sterne), während Beiträge wie „Yön Lapsi“, „Only Rebels Win“ (beide 2,5 Sterne) oder das für mich eher enttäuschende „Gelbe Briefe“ (1,5 Sterne) trotz interessanter Ansätze nicht zu einem stimmigen Ganzen finden.
Neben dem klassischen Kinoabend rückt die Sektion Berlinale Special Series zunehmend in den Fokus. Hier konnte die britische Produktion „Mint“ (3,0 Sterne) von Charlotte Regan bereits nach den ersten vier Folgen bei mir einen positiven Eindruck hinterlassen. Die Geschichte um die 22-jährige Shannon, die im Schatten einer Gangsterfamilie nach Nähe sucht, besticht durch Regans typischen, rauen und dennoch humorvollen Stil.
Mit einer Erfolgsquote von rund einem Drittel an wirklich überzeugenden Filmen bleibt die Bilanz zur Halbzeit ambivalent. Doch mit dem Erscheinen von „Queen At Sea“ sind die Qualitätserwartungen massiv gestiegen. Für mich ist dieser Film schon jetzt der große Gewinner des Festivals.