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31.10.2025
Richard Harrison wurde mit Sandalenfilmen und Italo-Western bekannt. Nun ist der US-Schauspieler im Alter von 90 Jahren gestorben. Seine Karriere führte ihn bis nach Hongkong. Ein Nachruf.
Auch Richard Harrison war, seinen eigenen Angaben zufolge, einer jener vielen im Nachhinein unglücklichen Schauspieler, die von dem damals noch wenig bekannten Regisseur Sergio Leone gefragt worden sein wollen, ob sie die Hauptrolle in seinem kleinen italienischen B-Western „Der mysteriöse Fremde“ spielen wollten. Der damals 28 Jahre alte Harrison lehnte ab, weil er keine Zeit oder kein Interesse hatte, je nach Interview, empfahl dem dicklichen Römer jedoch einen anderen wenig bekannten amerikanischen Mimen aus der TV-Serie „Rawhide“. Der andere Mann war Clint Eastwood, der kleine B-Western wurde mit dem Titel „Für eine Handvoll Dollar“ ein internationaler Mega-Hit. Der Rest ist Geschichte.
Doch fangen wir von Beginn an. Richard Harrison wurde am 26. Mai 1936 in Salt Lake City geboren und zog in den Fünfzigern nach Kalifornien, wo er seinen Körper am berühmten Muscle Beach stählte. Dieses legendäre Bodybuilding-Studio begründete nicht nur eine Welle des Körperkults in den USA, sondern brachte eine ganze Reihe Athleten hervor, die in Europa Karriere beim Film machen sollten. Angefangen bei Mister Universe Steve Reeves, der als Herkules die Sandalenfilmwelle begründen sollte, folgten Muskelberge, wie Reg Park, Mark Forrest, Brad Harris oder Dan Vadis.
Im Gegensatz zu diesen unverhofft an die Pappmaché-Sets der Cinecittà gespülten Mimen, trainierte Harrison jedoch nicht nur seinen Körper, sondern nahm tatsächlich Schauspielunterricht beim Theater und übernahm bald kleinere Rollen, womit er einen Fuß in die Tür des Big Business bekam, die sich noch ein Stück weit mehr öffnete, als er Loretta Nicholson, die Tochter des B-Picture-Produzenten James H. Nicholson heiratete. Dadurch gelangte er zu ersten Rollen in Nischen-Genres wie dem Science-Fiction-Film. 1961 spielte er eine größere Nebenrolle in William Witneys „Robur, Herr der sieben Kontinente“ an der Seite von Horror-Legende Vincent Price.
Kurz darauf verlegte sich der Schwerpunkt seiner Arbeit nach Europa, wo er sich im Gefolge von Steve Reeves ebenfalls als Hauptdarsteller von Sandalenfilmen etablieren konnte. „Der unbesiegbare Gladiator“ führte ihn mit Regisseur Alberto de Martino zusammen, mit dem er noch mehrere Filme drehen. Es folgten durchaus solide B-Filme wie „Der Aufstand der Prätorianer“ von Alfonso Brescia, „Kaiser der Gladiatoren“ von Mario Caiano oder „Die Giganten von Rom“ von Antonio Margheriti.
Parallel dazu etablierte er sich in einem anderen Nischengenre: Als waschechter Amerikaner durfte er in einem italienischen Western mitspielen, zuerst in der spanisch-italienischen Co-Produktion „Abrechnung in Vera Cruz“ und kurz darauf in Ricardo Blascos „Drei gegen Sacramento“, der als erster wirklicher Vorläufer der bald heraufziehenden Italo-Westerwelle gilt.
1964 war Harrison somit ein etablierter und gefragter Darsteller. Es ist durchaus plausibel, dass er die Rolle in einem weiteren unterfinanzierten Western tatsächlich abgelehnt hat, weil ihm entweder die Zeit fehlte oder das Honorar nicht reizte – ohne zu ahnen, dass sich der Film audiovisuell so extrem von allen anderen italienischen Produktionen der Zeit abheben würde. Visuell hätte er durchaus auf die Rolle gepasst, auch wenn Eastwood mit seiner schlankeren, katzengleichen Figur ihr körperlich eine ganz andere Facette abgewinnen sollte als der immer noch breitschultrige, im Gesicht etwas rundliche Harrison. Der drehte in diesem Jahr allein vier Sandalenfilme, nebst weiteren Projekten.
1965 gierte das italienische Kinopublikum jedoch nach dunklen Rächerfiguren mit locker sitzender Revolverhand und obwohl man für Harrison nicht einmal einen anglisierten Künstlernamen hätte erfinden müssen und er im italienischen Kinomarkt ein etablierter Name war, tat er sich in dem neuen Genre schwer. 1965 drehte er mit Alberto de Martino den actionlastigen „100.000 Dollar für Ringo“, der im Titel nach an eine andere Heldenfigur angelehnt war, die neben Clint Eastwood die Kinokassen klingeln ließ: der engelsgesichtige, aber ständig plappernde und eher ironisch angelegte Ringo, der den Römer Giuliano Gemma zum Star katapultierte. Harrisons Figur kombinierte das glattrasierte Gesicht des einen mit dem stoischen Spiel des anderen. Der Film war mit einem Einspielergebnis von 1,2 Milliarden Lire am heimischen Markt durchaus ein beachtlicher Erfolg.
Doch daran sollte Harrison in den Folgejahren nicht mehr anknüpfen. Er konnte sich nicht gegenüber den großen Stars des Genres, wie Gemma, dem 1966 durch „Django“ populär gewordenen Franco Nero, dem Kubaner Tomas Milian oder den ehemaligen amerikanischen B-Mimen Lee Van Cleef behaupten und auch Darsteller aus der zweiten Reihe, wie Antony Steffen oder Gianno Garko kamen beim Publikum meist besser an. Harrisons Filme wurden kleiner und immer öfter reduzierten sich seine Rolle auf größere Nebenparts, die einen noch halbwegs bekannten Namen auf den Kinoplakaten etablieren sollten.
Er spielte auch in anderen Genres, wie dem durch die James-Bond-Filme populären Eurospy („Bob Fleming – Mission Casablanca“ von Margheriti aus dem Jahr 1966), oder dem Kriegsfilm („36 Stunden in der Hölle“ von Roberto Montero aus dem Jahr 1969, der unterhaltsame „Geheimcode Leopard“ aus dem Jahr 1970 an der Seite von Klaus Kinski) und der typisch überdrehten italienischen Slapstickkomödie („Pussycat, Pussycat – I Love You“). In den frühen Siebzigern trat er dann plötzlich häufiger im Italowestern auf.
Das Genre starb einen langsamen Tod, viele der großen Darsteller hatten sich abgewendet und Harrisons Karriere hatte einen Punkt erreicht, an dem er zu keiner noch so billigen Produktion mehr Nein sagte. Immerhin finden sich unter dem vielen cineastischen Müll, der in dieser Zeit auf solche Weise entstand, immer wieder kleine Perlen, wie Roberto Montero Bianchis „Das Rattennest“, ein ziemlich derbes Kammerstück, das ein wenig an Johns Sturges „Stadt in Angst“ erinnert oder Sergio Griecos „Der Tollwütige“ an der Seite von Helmut Berger. Seine Unbekümmertheit hinsichtlich seiner Rollenauswahl brachten zwei Parts in Shaw Brothers-Produktionen ein, wo er für Kult-Regisseur Chang Cheh in „Marco Polo im Reiche des Kublai Khan“ und „Der Aufstand von Peking“ mitwirkte.
Sein Schwerpunkt blieb aber immer noch in Italien, wo er inzwischen sogar für das Fernsehen arbeitete und schließlich in den Niederungen des Sexploitationfilms anlangte: Der 1980 vom legendären Joe D’Amato gedrehte „Woodoo-Baby-Sex und schwarze Magie in der Karibik“ ist so etwas wie der Soft-Porno-Nachklapp zu Lucio Fulcis Zombiehit „Woodoo – Die Schreckensinsel der Zombies“. Auch private Veränderungen trugen zu diesem Verbleiben bei. Nach dem Scheitern seiner ersten Ehe, aus der drei Kinder hervorgegangen waren, heiratete er 1978 die Schauspielerin Maria Francesca Pomentale.
Den letzten Schritt in den Karrierekeller trat Harrison dann Mitte der Achtziger an, als es im darbenden italienischen Kinomarkt immer schwerer wurde, Rollen zu ergattern. Harrison drehte eine Reihe von Söldnerfilmen à la „Rambo“ auf den Philippinen und ging dann erneut nach Hongkong, aber nicht zu den angesagten Studios, wie Golden Harvest, sondern zum berüchtigten Godfrey Ho, der mit Cut-and-Paste-Verfahren aus einem Dreh mehrere Filme zusammenschnippelte, die meist direkt an den neuen Video-Markt weitergereicht wurden.
Rückblickend ärgerte sich Harrison über diese Methode, da er immer nur pro Dreh, nicht pro Film bezahlt wurde und er selbst den Überblick verlor, wie viele Filme auf diese Weise entstanden. Die auf der populären Ninja-Welle schwimmenden Streifen genießen unter Actionfans heute einen gewissen Trash-Kult-Faktor, was nicht zuletzt auf Harrisons Mitwirken zurückzuführen ist und ihm 30 Jahre später, als diese Filme dann auch auf DVDs und Blu-rays ausgewertet und international neu vermarktet worden, eine späte Genugtuung verschafften.
Zuletzt arbeitete Harrison auch hinter der Kamera, schrieb die Drehbücher seine Filme selbst und führte Regie. In den Neunzigern zog er sich sukzessive aus dem Filmgeschäft zurück. Seinen finalen Auftritt hatte er 2013 in dem Kurzfilm „Fallen Angel“. Theoretisch wäre er als B- und Trash-Ikone ein hervorragender Nebendarsteller für Quentin Tarantino gewesen, der unter anderem seinen Film „Der Tollwütige“ sehr schätzte.
1986 war Harrison mit seiner Frau nach Kalifornien übergesiedelt, wo er eine heruntergekommene Villa zu dem prachtvollen Anwesen Villa Francesca ausbaute, die 2025 den verheerenden Waldbränden zum Opfer fiel, wobei Harrison und seine Familie nur knapp dem Tod entkamen. Am 18. September schlief Richard Harrison im Alter von 90 Jahren friedlich ein, mit sich und seiner abenteuerlichen Karriere stets im Reinen.