Ang Lee verschwand nach „Gemini Man“ sieben Jahre – jetzt gibt es ein Lebenszeichen

Nach dem Flop von „Gemini Man“ drehte Oscar-Gewinner Ang Lee fast sieben Jahre keinen Kinofilm. Jetzt hat er „Gold Mountain“ fertiggestellt. Ein persönlicher Rückblick auf drei Begegnungen mit einem außergewöhnlichen Regisseur.

Ich habe Ang Lee (71) dreimal getroffen. Das erste Mal Ende 2012, kurz vor dem Kinostart von „Life Of Pi: Schiffbruch mit Tiger“. Das zweite Mal im April 2018 am Set von „Gemini Man“ in Glennville, Georgia. Das dritte Mal im September 2019 in Budapest, unmittelbar vor der Weltpremiere von „Gemini Man“.

Dazwischen liegen nicht einmal sieben Jahre. Und doch habe ich dabei drei sehr unterschiedliche Ang Lees erlebt.

2012 begegnete mir ein Regisseur auf dem Höhepunkt seiner Karriere. 2018 traf ich einen Filmemacher, der davon überzeugt war, mit einer neuen Bildtechnik die Zukunft des Kinos zu verändern. 2019 saß mir schließlich ein Mann gegenüber, bei dem ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, dass er selbst nicht mehr daran glaubte, dass diese Wette aufgehen würde.

Heute wissen wir, wie die Geschichte weiterging: „Gemini Man“ wurde zum kommerziellen Misserfolg. Und Ang Lee drehte danach fast sieben Jahre lang keinen weiteren Spielfilm fürs Kino. Erst 2026 stand er wieder hinter einer Kinokamera. Sein neuer Film „Gold Mountain“ hat inzwischen die Dreharbeiten abgeschlossen.

Vielleicht ist deshalb der beste Weg, sich Ang Lees ungewöhnliche Karrierepause zu nähern, nicht über seine Filmografie. Sondern über diese drei Begegnungen.

2012: Ang Lee weiß, dass ihm etwas Großes gelungen ist

Im Dezember 2012 ist „Life Of Pi“ noch nicht einmal in Deutschland angelaufen. Der Film kommt am 26. Dezember ins Kino. Ang Lee hat zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits etwas geschafft, das ihm niemand mehr nehmen kann: Der taiwanesische Filmemacher hat aus einem Roman, der lange als praktisch unverfilmbar galt, einen großen Kinofilm gemacht.

Ich treffe ihn für ein Video-Interview in Berlin. Lee wirkt ruhig, höflich und zurückhaltend. Das ist der Ang Lee, den man auch aus seinen öffentlichen Auftritten kennt: kein Regisseur, der sich in den Mittelpunkt stellt oder seine eigene Genialität vor sich herträgt. Und doch ist da Stolz.

„Life Of Pi“ (© 20th Century Fox)
„Life Of Pi“ (© 20th Century Fox)

Nicht der laute Stolz eines Filmemachers, der gerade seinen größten Triumph verkündet. Eher das stille Wissen, dass ihm ein Werk gelungen ist, der seine bisherige Karriere noch einmal verändern könnte.

„Life Of Pi“ war nicht einfach ein weiterer Film nach seinem Welterfolg „Brokeback Mountain“ (2005). Lee hatte sich auf ein Projekt eingelassen, das technisch und erzählerisch enorme Risiken barg. Der größte Teil des Films musste virtuell entstehen, der Tiger Richard Parker war digital, und große Teile der Handlung spielten auf einem Rettungsboot mitten im offenen Meer. Lee hatte die Herausforderung angenommen – und sie bewältigt.

Was ich damals noch nicht wissen konnte: „Life Of Pi“ sollte tatsächlich zu seinem (bisherigen) Karrierehöhepunkt werden. Der Film erhielt elf Oscar-Nominierungen und gewann vier Academy Awards, darunter für die beste Regie. Der wichtigste Eindruck aus diesem Gespräch ist für mich trotzdem nicht der spätere Oscar-Erfolg. Es ist Lees Haltung. Er wirkt wie jemand, der weiß, dass er gerade etwas Besonderes gemacht hat, ohne daraus eine große Show zu machen.

Es ist der bescheiden-selbstbewusste Ang Lee.

2018: Der Visionär

Fünfeinhalb Jahre später stehe ich mitten in der Nacht in Glennville, Georgia. Ein kleiner Ort mitten in der Provinz der Südstaaten mit gerade einmal rund 3.500 Einwohnern.

Hollywood hat ihn für „Gemini Man“ praktisch in Beschlag genommen. Ganze Straßenzüge wurden umgebaut, Sets errichtet, nachts wird unter gigantischen, Ballon-artigen Scheinwerfern gedreht.

Ang Lee ist inzwischen bei seinem nächsten technologischen Großexperiment angekommen.

„Gemini Man“ soll nicht einfach ein weiterer Science-Fiction-Actionfilm werden. Lee dreht mit einer Bildrate von 120 Bildern pro Sekunde, in 4K und 3D. Will Smith spielt nicht nur den gealterten Auftragskiller Henry Brogan, sondern auch dessen jüngeres, vollständig digital erzeugtes Ich. An seiner Seite agieren Mary Elizabeth Winstead, Clive Owen und Bendict Wong.

Mary Elizabeth Winstead und Will Smith am Set von „Gemini Man“ in Glennville, Georgia (© Paramount Pictures)
Mary Elizabeth Winstead und Will Smith am Set von „Gemini Man“ in Glennville, Georgia (© Paramount Pictures)

Lee glaubt an dieses Konzept mit einer beinahe ansteckenden Energie. Als wir mit ihm sprechen, erklärt er ausführlich, warum die hohe Bildfrequenz für ihn mehr ist als ein technisches Gimmick. Die hyperrealistische Darstellung soll das Publikum näher an die Figuren bringen. Die digitale Version von Will Smith soll nicht wie eine gewöhnliche Trickaufnahme wirken, sondern wie ein echter Mensch. Im Regiezelt zeigt Lee uns Material.

Er sagt über die Kritiker der neuen Technik: „Leute, die sagen 120 fps sieht aus wie gigantisches Fernsehen, haben keine Ahnung.“ Und dann folgt ein Satz, der mir heute stärker im Gedächtnis geblieben ist als damals: Er glaube, eine „komplett neue Person“ geschaffen zu haben.

Das ist kein Mann, der Zweifel an seiner Idee hat. Das Faszinierende an diesem Setbesuch ist deshalb nicht einmal die Technik. Es ist Lees Begeisterung.

Der damals 63-Jährige spricht leise und wirkt zunächst zurückhaltend. Doch sobald es um die Möglichkeiten der neuen Technologie geht, ist die Zurückhaltung verschwunden. Er erklärt, warum Schauspieler bei 120 fps anders spielen müssen. Warum Make-up problematisch wird. Warum das Bild plötzlich jede Pore im Gesicht sichtbar macht.

Er hat diese Technik nicht einfach akzeptiert. Er glaubt an sie.

Im Interview spricht er sogar von einem neuen Medium. Die Angst vor dem Scheitern, sagt er, halte ihn gleichzeitig auf Trab. Das ist ein bemerkenswerter Satz.

Ang Lee am Set von „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ (© Sony Pictures)
Ang Lee am Set von „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ (© Sony Pictures)

Denn Lee hatte zu diesem Zeitpunkt bereits „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ mit 120 fps gedreht. Der Film war an den Kinokassen grandios gescheitert, spielte weltweit nur 31 Millionen Dollar ein – bei einem Budget von 40 bis 48 Millionen (je nach Quelle). Besonders bitter: In der Kinoauswertung in Nordamerika kamen nur läppische 1,7 Millionen Dollar zusammen. Trotzdem steht Lee 2018 wieder da und geht mit derselben Technologie noch viel weiter.

Er gibt nicht auf. Er verdoppelt seine Wette.

2019: Der Moment, in dem alles kippt

Im September 2019 treffen wir uns wieder. Diesmal in Budapest. „Gemini Man“ steht unmittelbar vor seiner Weltpremiere. Und diesmal ist etwas anders. Ich kann es nicht mit einer Zahl belegen. Es ist kein Satz, den man als Beweis zitieren könnte. Es ist ein Eindruck.

Der Ang Lee, der mir gegenübersitzt, hat nicht mehr die Energie des Mannes, den ich anderthalb Jahre zuvor in Georgia erlebt habe.

Dabei hat sich an seiner Überzeugung von der Technik auf dem Papier wenig geändert. Er glaubt weiterhin an das, was er mit „Gemini Man“ versucht hat. Aber inzwischen sind die ersten Kritiken zum Film da. Und die Rezensionen fallen schlecht aus. Dazu sind die Hochrechnungen für das erste Wochenende in Nordamerika mit knapp über 20 Millionen Dollar schwach.

Und plötzlich steht die Frage im Raum, ob der Regisseur mit seiner großen Wette nicht nur einen einzelnen Film verlieren könnte. Sondern seine Position in Hollywood.

Für mich wirkt Lee in diesem Gespräch wie ein Mann, der das bereits verstanden hat. Er weiß, dass „Gemini Man“ floppen wird.

Vielleicht ist das im Nachhinein der Moment, der sich am stärksten eingeprägt hat. Nicht weil er sagt: „Meine Karriere ist vorbei.“ Das tut er nicht. Und man sollte ihm eine solche Erkenntnis auch nicht nachträglich in den Mund legen.

Aber ich habe damals zum ersten Mal das Gefühl: Dieser Mann weiß, dass es diesmal sehr schwer werden könnte.

„Gemini Man“ startet kurz darauf tatsächlich schlecht. Der Film kostet je nach Quelle rund 140 bis 150 Millionen Dollar und spielt weltweit etwa 174 Millionen Dollar ein. Für eine Produktion dieser Größenordnung ist das viel zu wenig. Ein Minimal von 300 Millionen Dollar wäre für Break-Even notwendig gewesen.

Noch wichtiger ist aber etwas anderes: Die große technische Revolution, von der Lee 2018 so überzeugt gesprochen hatte, bleibt aus. Das Publikum wartet nicht auf 120 Bilder pro Sekunde. Hollywood auch nicht.

Will Smith in einer Doppelrolle in „Gemini Man“ (© Paramount Pictures)
Will Smith in einer Doppelrolle in „Gemini Man“ (© Paramount Pictures)

Und dann verschwindet Ang Lee

Nach „Gemini Man“ wird es erstaunlich still. Ein weiterer Film kommt zunächst nicht zustande. Lee arbeitet an verschiedenen Projekten, darunter „Thrilla in Manila“ über den legendären Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier. Auch dieses Vorhaben bleibt über Jahre in Entwicklung, ohne den Weg auf die Leinwand zu finden.

Später nimmt Lee ein weiteres persönliches Projekt in Angriff: ein lange geplantes Bruce-Lee-Biopic, in dem dessen Sohn Mason Lee die Hauptrolle übernehmen soll. Doch auch dieser Film wird nicht realisiert. Immer wieder gibt es bei Lee also neue Pläne, aber keinen fertigen Kinofilm.

Die Pause ist damit nicht das Ergebnis mangelnder Ideen. Es fehlt vielmehr das Projekt, das tatsächlich den Weg durch die schwierige Hollywood-Produktionsmaschinerie schafft. Sein Ruf nach den kommerziellen Misserfolgen seiner 120-fps-Filme „Die irre Heldentour des Billy Lynn“ und „Gemini Man“ ist schwer beschädigt

Und dann vergeht Jahr um Jahr. Kein neuer Ang-Lee-Film im Kino. 2020 nicht. 2021 nicht. 2022 nicht. 2023 nicht. 2024 nicht. 2025 nicht. Währenddessen verändert sich Hollywood radikal. Streaming gewinnt weiter an Bedeutung, die Budgets werden stärker kontrolliert, und für einen Regisseur wie Lee wird es offenbar immer schwieriger, ein Projekt mit den technischen und finanziellen Ambitionen seiner jüngsten Filme zu verwirklichen. Dabei ist die Ironie kaum zu übersehen.

Ang Lee hatte seine Karriere immer wieder dadurch vorangetrieben, dass er etwas ausprobierte, was andere nicht für möglich hielten.

Mit „Tiger & Dragon“ verband er Martial-Arts-Kino mit Autorenfilm und internationalem Arthouse-Publikum. Mit „Brokeback Mountain“ machte er aus einer schwierigen Liebesgeschichte einen großen Hollywoodfilm. Mit „Life Of Pi“ verwandelte er eine vermeintlich unverfilmbare Geschichte in ein visuelles Spektakel.

Und dann wollte er das Kino selbst verändern.

Mit „Billy Lynn“ und „Gemini Man“ setzte er auf 120 Bilder pro Sekunde, 3D und digitale Schauspieler. Doch gerade diese Filme, die seine technische Neugier am deutlichsten verkörperten, wurden zu seinen größten kommerziellen Problemen.

Ang Lee und Will Smith am Set von „Gemini Man“ (© Paramount Pictures)
Ang Lee und Will Smith am Set von „Gemini Man“ (© Paramount Pictures)

2026: Ang Lee kommt zurück

Jetzt gibt es erstmals wieder ein Lebenszeichen als Regisseur.

Ang Lee hat 2026 „Gold Mountain“ gedreht, einen historischen Film über die Zeit des Goldrauschs – nach dem Roman „How Much Of These Hills Is Gold“ von C Pam Zhang. Die Dreharbeiten fanden in Kalifornien statt und wurden im Sommer abgeschlossen. Es ist sein erster Spielfilm als Regisseur seit „Gemini Man“. Imdb schätzt das Budget auf 30 Millionen Dollar, die Besetzung ist mit Owen Teague, Josh Stewart und James Landry Hébert eine Nummer kleiner als gewohnt.

Noch ist nicht bekannt, wann der Film ins Kino kommt. Und deshalb wäre es falsch, jetzt schon von einem Comeback zu sprechen. Aber allein die Tatsache, dass Ang Lee wieder einen Film gedreht hat, verändert den Blick auf die vergangenen Jahre.

Vielleicht war „Gemini Man“ tatsächlich der Absturzpunkt seiner Karriere. Vielleicht war es aber auch nur das Ende einer bestimmten Phase. Denn „Gold Mountain“ ist kein futuristischer Hochfrequenz-Blockbuster. Der Film führt Lee zurück in eine historische Welt und zu einer Geschichte über chinesische Einwanderer im Amerika des 19. Jahrhunderts. Das ist zumindest auffällig.

Nach Jahren, in denen Ang Lee unbedingt zeigen wollte, wie das Kino der Zukunft aussehen könnte, erzählt er nun wieder eine Geschichte aus der Vergangenheit.

Drei Bilder von Ang Lee

Wenn ich heute an meine drei Begegnungen mit Ang Lee denke, sehe ich deshalb drei verschiedene Bilder.

2012 den bescheidenen, aber stolzen Regisseur, der mit „Life Of Pi“ gerade den vielleicht größten Film seiner Karriere geschaffen hatte.

2018 den enthusiastischen Visionär in Glennville, der mir mit leuchtenden Augen die Zukunft des Kinos erklärte und davon überzeugt war, dass 120 Bilder pro Sekunde mehr sein könnten als eine technische Spielerei.

Und 2019 den Ang Lee in Budapest, bei dem ich zum ersten Mal den Eindruck hatte, dass dieser Glaube Risse bekommen hatte.

Danach verschwand er fast sieben Jahre lang aus dem Kino. Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte von Ang Lee: nicht der kommerzielle Niedergang eines Regisseurs, sondern der Preis, den ein Filmemacher zahlen kann, wenn er sich weigert, stehen zu bleiben.

Denn Lee hat mit „Gemini Man“ nicht einfach einen Flop gedreht. Er hat auf eine Vorstellung vom Kino gewettet, an die er selbst stärker glaubte als die Industrie und das Publikum.

Die Wette ging nicht auf. Aber Ang Lee ist noch da. Und vielleicht ist die interessanteste Frage deshalb nicht, was aus ihm geworden ist.

Sondern, welcher Ang Lee 2026 hinter der Kamera steht. Wir werden es hoffentlich bald sehen und hoffen tatsächlich auf das große Comeback des vielleicht bescheidendsten Visionärs des Kinos.

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