Triangle Of Sadness

2022147 minab 12,

Bitter-galliger Kapitalismus-Satire trifft auf überkandidelten Fäkalhumor

In einer Zeit, in der sich vieles im Kino um die Dekonstruktion der toxischen Männlichkeit dreht („She Said“, „Don’t Worry Darling“, The Power Of The Dog), setzt sich Arthouse-Starregisseur Ruben Östlund mit der Rolle des einstmals starken Geschlechts in der Gesellschaft auseinander. Nach seinen gefeierten Indie-Hits „Höhere Gewalt“ (2014) und Cannes-Gewinner „The Square“ (2017) komplettiert der Schwede mit der beißend-zynischen Satire „Triangle Of Sadness“ seine inoffizielle Trilogie über den gegenwartlichen Status von Männlichkeit. Kapitalisten, Kommunisten und Models – Östlund bringt sie auf einem Schiff zusammen und lässt sein Ensemble in die totale Raserei eskalieren.

Drei Jahre hat er nicht mehr als Top-Model gearbeitet, doch jetzt steigt Carl (Harris Dickinson) wieder ins Geschäft ein und versucht, sich bei einem Casting einen lukrativen Auftrag zu angeln. Mit seiner Modelfreundin Yaya (Charlbi Dean Kriek) läuft es gerade nicht so toll, aber auf einer gemeinsamen Luxus-Kreuzfahrt, die die beiden Influencer geschenkt bekommen haben, soll alles besser werden. Hier regiert das Geld – und sonst nichts. Der steinreiche Russe Dimitry (Zlatko Burić) ist davon überzeugt, alles kaufen zu können, seine Frau Vera (Sunnyi Melles) setzt dieses Prinzip in die Praxis um. So nötigt sie das Schiffspersonal, ihr absurde Wünsche zu erfüllen. Kapitän Thomas Smith (Woody Harrelson) scheren die Eskapaden seiner Gäste herzlich wenig, er hockt dauerbetrunken in seiner Kabine und zeigt sich nur widerwillig beim Captain’s Dinner – bis ein herannahender Sturm die Lage an Bord fundamental verändert.

Strenge Erzählstruktur

Der Schwede Ruben Östlund strukturiert seinen ersten komplett englischsprachigen Kinofilm „Triangle Of Sadness“ streng nach Akten. Die Einführung seiner beiden Protagonisten Carl und Yaya ist geradezu akribisch. In einer kammerspielartigen Restaurantsituation lotet das Paar in einem halb spielerisch, halb bitterernsten Hahnenkampf seinen Beziehungsstatus aus. Hier treibt der Filmemacher seinen ersten Haken in die Männlichkeit seines Protagonisten – darauf beharrend, dass Männer in der Frauen-Domäne des Modelns einfach mehr Geld verdienen. Doch mit Harris Dickinson („The King’s Man“) hat Östlund auch einen echten Trumpf in seinem Ensemble, denn der Brite spielt mit Carl den mit Abstand sympathischsten Charakter. „Triangle Of Sadness“ handelt auch davon, wie er sich in seiner Männlichkeit windet und mit den Umständen zu arrangieren versucht – was Östlund im dritten Akt mit derbem Genuss auf die Spitze treibt.

Charlbi Dean Kriek und Harris Dickinson in „Triangle Of Sadness“ (© Alamode Film)

Frontalangriff auf die Werte der westlichen Welt

Natürlich nimmt der Filmemacher fast reflexartig die als oberflächlich verschriene Modebranche aufs Korn, was in einer herrlichen Castingszene zu Beginn zu bestaunen ist, als die männlichen Models wie die kleinen Hündchen posieren und ihren Look auf Kommando grotesk von zu happy („mach’ H&M“) zu grimmig („mach’ Balenciaga“) umswitchen müssen. Aber das ist nur das Aufwärmprogramm, denn im Zentrum lässt Östlund auf seiner Katastrophenreise die hässlichste Form des Kapitalismus auf die ursprünglichste Variation des Kommunismus treffen. Wie schon mit der vollrauschhaft inszenierten „Raubtierperformance“-Gala in „The Square“ lässt der Regisseur auch „Triangle Of Sadness“ komplett entgleisen und treibt die Höllenfahrt auf der 250-Millionen-Dollar-Yacht in einer Seegang-provozierten Kotzorgie satirisch in den Exzess.

Fazit: In Ruben Östlunds bitter-galliger Kapitalismus-Satire „Triangle Of Sadness“ treffen radikal die großen Themen der Welt auf überkandidelten Fäkalhumor, während die Männer verzweifelt um ihre Männlichkeit kämpfen. Dafür gab es 2022 in Cannes die zweite Goldene Palme für den schwedischen Regisseur.

Deutscher Kinostart von „Triangle Of Sadness“: 13. Oktober 2022.

Seit 24. März 2023 auf Blu-ray & DVD erhältlich.

Wertung4 / 5
Produktionsland

Schweden/Großbritannien/USA/Frankreich/Griechenland/Türkei 2022

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