The Art Of Love

2023106 minab 16,

„Bridget Jones“ mit Dildos? Sexspielzeug-Tragikomödie scheitert an Klischees

Hui, ein Vibrator – und dann auch noch in Pink! Wenn das nicht schlüpfrig und automatisch lustig ist – zumindest, wenn man Mitte 55 und U-Bahn-Mitarbeiterin ist und dazu noch Eva heißt. Für den körpergetunten Sexspielzeug-Influencer Adam ist das Alltag – er steckt sein gestähltes Würstchen in jede Apparatur, die ihm seine Firma vorsetzt. Willkommen in der Welt der Tragikomödie „The Art Of Love“ von Regisseur Philippe Weibel. In seiner Mischung aus Best-Ager-Komödie, Influencer-Romanze und Einsame-Seelen-Drama versucht der Schweizer, Dinge zusammenzubringen, die weder zusammengehören noch zusammenpassen. Nach einem extrem klischeebeladenen Auftakt gewinnt der Film im Mittelteil an Unterhaltungswert und etwas Tiefe, was Weibel im skurrilen Finale wieder unnötig verspielt. So ist „The Art Of Love“ zwar nicht der Zotenfilm, als der er sich in der Theorie ankündigt, aber doch zu uneinheitlich und unausgewogen, um als Ganzes zu überzeugen.

London: Die Mittfünfzigerin Eva Parker (Alexandra Gilbreath) führt mit ihrem Mann Ben (Jeremy Swift) eine freudlose Ehe. Das Feuer ist längst erloschen. Ihre ganze Leidenschaft gilt ihrem Hobby: dem Schreiben von Testberichten über Sexspielzeug – schließlich bringt das Geld, von dem sie zu wenig hat. Eva ist die erfolgreichste Testerin der Sexfirma The Art Of Love. Für ihre einfühlsamen Produktbeschreibungen erhält die Londoner Underground-Angestellte sogar einen Preis, den ihr der zwielichtige Firmenchef Hector (Kenneth Collard) auf einer Gala persönlich überreicht. Gemeinsam mit dem hauseigenen Sexspielzeug-Influencer Adam Kowinski (Oliver Walker) soll sie an einem neuen Projekt arbeiten: einer Sexpuppe, die auf künstlicher Intelligenz basiert. Doch der Fitnessfreak Adam ist von seiner unscheinbaren, älteren neuen Partnerin angewidert. Erst nach und nach kommen sich die Arbeitskollegen näher und merken, dass sie im Grunde gar nicht so verschieden sind. Oliver entdeckt die Ernsthaftigkeit der Liebe und hat ein Auge auf seine neue Nachbarin Claire (Jasmine Blackborow) geworfen: Die Poetry-Slammerin ist eine schräge Figur, die Adam jedoch zu mögen scheint.

Alexandra Gilbreath in „The Art Of Love“ (© Film Kino Text/Filmagentinnen)

Adam, Eva und die Klischeekiste

Die gegenseitige Abneigung von Adam und Eva überrascht niemanden – zu unterschiedlich sind die beiden. Doch schon hier greift Regisseur Philippe Weibel („Trapped“) tief in die Klischeekiste. Statt Eva einfach aus dem Weg zu gehen und ihr ein Minimum an Respekt zu geben, verhält sich Adam als Mensch unnatürlich widerlich (um die Fallhöhe zu erhöhen). Doch je mehr man über ihr Leben erfährt, desto klarer wird, dass sie trotz ihrer scheinbaren Unterschiede mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Adam, obwohl von Millionen auf YouTube verfolgt, führt ein einsames Leben ohne echte Freunde. Eva hingegen ist in einer furchtbar öden Ehe gefangen und ihr Mann Ben schenkt ihr kaum noch Beachtung. Doch bei den Motivationen beginnt es schon zu ruckeln. Die verklemmte Eva will ihr mageres Gehalt aufbessern, um für eine Reise zu sparen, die ihre Ehe wieder in Gang schieben soll. Dass sie dafür ausgerechnet in die Sexspielzeugindustrie einsteigt, ist alles andere als glaubwürdig … und neben dem Culture Clash mit dem vitalen Sexmännchen Adam eigentlich nur dazu da, um ihren Mann irgendwann aus der Fassung zu bringen, wenn er davon erfährt. Von der Ernsthaftigkeit von Sexarbeiter-Filmen wie „Irina Palm“ ist „The Art Of Love“ weit entfernt – vielmehr wäre der Film gern „Bridget Jones“ mit Dildos.

Das Ende sabotiert ordentlichen Mittelteil

„The Art Of Love“ versucht abseits der Erweckungsgeschichte ernstere Töne über die Kommerzialisierung von Intimität und die Einsamkeit der Menschen anzusprechen. Regisseur Weibel gelingt es jedoch nicht, diese Themen mit dem nötigen Tiefgang zu behandeln. Es fehlt an Sensibilität und auch Humor, um die Balance zwischen Komödie und Drama zu finden – vieles plätschert dahin. Die Komplexität der emotionalen Probleme der Figuren wird nur oberflächlich gestreift, und die holprige satirische Kritik an der Sexindustrie verpufft wirkungslos. Besonders bizarr wirkt diese Diskrepanz, wenn die persönliche Beziehung zwischen Adam und Eva später ernsthafter und etwas tiefgründiger wird, Weibel dieses zarte Pflänzchen aber mit einer dödeligen Sexpuppen-Utopie zertritt und die mühsam aufgebaute Aufrichtigkeit ad absurdum führt.

Oliver Walker und Alexandra Gilbreath in „The Art Of Love“ (© Film Kino Text/Filmagentinnen)

Während die Figur des Mauerblümchens Eva langweilig und klischeehaft ist, ist ihre Entwicklung zumindest schlüssig, wenn auch nicht besonders spannend. Adams sprunghafte Wandlung vom arroganten Power-Influencer-Narziss zum Liebe suchenden Softie mit Herz ist dagegen selten nachvollziehbar und wirkt daher unstet. Die Hauptdarsteller Alexandra Gilbreath („Tulip Fever“) und Oliver Walker („Treadstone“) machen das Beste aus ihren Rollen und haben eine Handvoll durchaus berührender Szenen.

Fazit: In seiner Tragikomödie „The Art Of Love“ versucht Philippe Weibel zwei einsame und unüberbrückbar gegensätzliche Seelen zueinander zu bringen, um ihr Leben wieder zu ordnen. Der Regisseur verheddert sich aber in zu vielen Klischees, bleibt zu oberflächlich und so wirkt das Werk trotz ansprechender Ansätze unausgegoren.

Deutscher Kinostart von „The Art Of Love“: 13. Juli 2023.

Wertung2 / 5
Produktionsland

Schweiz/Großbritannien 2022

Kommentar verfassen

There are no reviews yet.