Tausend Zeilen

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Unterhaltsame Komödie der verpassten Chancen

Im Windschatten aufbrausender Krisen gerät die freie Presse nicht nur unters Brennglas, sondern wird von populistischen Strömungen in der Gesellschaft immer mehr diffamiert – bis hin zur physischen Aggression. Andererseits feierte das schreibende Volk in der Coronakrise eine Sternstunde als vierte Gewalt, die „denen da oben“ eben nichts durchgehen ließ und Regierenden gnadenlos auf die Finger schaute und haute. In dieser unübersichtlichen Gemengelage ist es wichtig, selbst sauber zu sein. Das war ausgerechnet der „Spiegel“ nicht – die Kolleginnen und Kollegen, die die Nasen in der Branche am höchsten tragen. Der junge Star-Journalist Claas Relotius erfand schlicht Teile oder ganze Inhalte seiner preisgekrönten Reportagen und löste 2018 den größten Medienskandal seit den Hitler-Tagebüchern in den 80er Jahren aus. Comedy-Superstar und Regisseur Michael „Bully“ Herbig („Der Schuh des Manitu“) bringt die mediale Tragödie unter dem Titel „Tausend Zeilen“ in die Kinos.

Trotz starker Produktionswerte und einem mitreißenden Elyas M’Barek bleibt ein fader Beigeschmack der verpassten Chancen. Was wäre hier noch alles möglich gewesen? Ein ernsthaft-brillanter Medien-Thriller in der Tradition von „Die Unbestechlichen“, „Die Verlegerin“ oder „Spotlight“? Oder eine gallige Satire wie Helmut Dietls „Schtonk!“? Stattdessen ist Herbigs „Tausend Zeilen“ eine locker-leichtgewichtige Mediensatire, die gern stilistische Anleihen bei Regie-Virtuose Adam McKay nimmt, aber nicht an die zynische Schärfe von „Vice“ und „The Big Short“ herankommt.

Der junge Journalist Lars Bogenius (Jonas Nay) ist der Shooting Star der „Chronik“, dem führenden Nachrichtenmagazin Europas. Der Reporter beglückt seine Vorgesetzten Rainer Habicht (Michael Maertens) und Christian Eichner (Jörg Hartmann) regelmäßig mit herausragenden, preisgekrönten Reportagen. Als der bei der „Chronik“ festangestellte Bogenius mit dem Freiberufler Juan Romero (Elyas M‘Barek) an einer prestigeträchtigen Reportage über Army-Soldaten in den USA zusammenarbeitet, kommt es zwischen den beiden Kollegen zu Meinungsverschiedenheiten. Romero, rastloser Weltenbummler und vierfacher Familienvater, wundert sich über die Leichtigkeit, mit der Bogenius seine Informationen für die brisante Story zusammenträgt und wird misstrauisch. Mit seinem Fotografen Milo (Michael Ostrowski) stellt er Nachforschungen zu Bogenius‘ Quellen an und findet Unglaubliches: Teilweise hat der Jungstar der Journalistenszene überhaupt nicht mit den Protagonisten seiner Artikel gesprochen. Er trägt seine schweren Vorwürfe bei Ressortleiter Habicht vor, doch der will davon nichts wissen und sich lieber im Glanz des Bogenius-Erfolgs sonnen, um in der Firma aufzusteigen.

Elyas M’Barek und Michael Ostrowski in „Tausend Zeilen“

Der Journalismus transformiert sich

Der Journalismus befindet sich in einer permanenten Transformation, dabei müssen es nicht immer die großen Umbrüche sein, wie Anfang der 2000er Jahre, als die Online-Journalisten die Bühne betraten und dort von den etablierten Zeitungsredakteuren bestenfalls belächelt wurden. Ernst genommen hat man sie jedenfalls nicht. Heute hat sich das Blatt komplett ins Gegenteil gedreht, die großen Auflagen werden online gemacht, während die Verkaufszahlen der Printzeitungen- und Magazine dramatisch sinken. Nur der „Spiegel“ hält als letzte Bastion sein Fähnlein tapfer im Wind. Die Verluste halten sich in Grenzen. Seit 1998 sank die Auflage „nur“ um 30 Prozent, während die direkte Konkurrenz von „Stern“ und „Focus“ Einbußen von jeweils fast 70 Prozent hinnehmen musste.

Super-Gau für den „Spiegel“

Umso größer war 2018 der Skandal, der durch Claas Relotius ausgelöst wurde. Der „Spiegel“ recherchiert nicht sauber und erfindet Geschichten! Das ist der absolute Supergau für ein auf Qualität und Vertrauen setzendes Medium. Doch das „Spiegel“-Management hat es am Ende clever gelöst und – als es gar nicht mehr anders ging – in einer Art medialer Selbstanzeige alles offen gelegt und der Öffentlichkeit die „Einzeltätertheorie“ untergejubelt – dabei ergab der Abschlussbericht einer eingesetzten Aufklärungskommission ein Jahr später eindeutig, dass diese Praxis der aus dramaturgischen Gründen verfälschten Geschichten gang und gäbe beim „Spiegel“ war. So kritisierten die früheren „Spiegel“-Redakteure Horand Knaup und Hartmut Palmer in der „taz“: „Schon der Titel, ‚Der Fall Relotius‘, ist falsch. Zutreffender wäre ‚Der Fall Spiegel‘ gewesen. Der neue Report widerlegt nämlich die bis dahin verbreitete Version, das Magazin sei Opfer des raffinierten Tricksers Relotius geworden. Der Bericht ist vielmehr ein erschütterndes Dokument über das Verständnis von Journalismus in einem der führenden deutschen Medienhäuser, aber auch in den Ausbildungsstätten der Branche.“

Herbig verschenkt einen brisanten Stoff

Allein in diesem Gedankenkomplex steckt purer Sprengstoff. Den lässt Regisseur Michael „Bully“ Herbig in „Tausend Zeilen“ nahezu unangetastet. Vielmehr boulevardisiert er das Thema auf der einen Seite zu einer lockeren Mediensatire, in der Relotius‘ Vorsetzte (im Film heißt er Bogenius und der „Spiegel“ nun „Die Chronik“) als zwei Knallchargen wie in einer 90-Jahre-Komödie auftreten – und sich so verhalten, wie Nicht-Journalisten sich die großen Verlagsbosse wohl vorstellen. Hier verschenkt Herbig Potenzial, weil er nicht gallig genug ist, wie es Helmut Dietl mit „Schtonk!“ vorgemacht hat, aber „Tausend Zeilen“ weist auch nicht die Schärfe eines Adam-McKay-Films auf, dessen extravaganter Stil hier offenbar als Vorbild diente. Trotz aller regietechnischer Sperenzchen hat McKay in seinen Filmen eine aufrichtige Ernsthaftigkeit, die „Tausend Zeilen“ nur auf einer Ebene bietet.

Jonas Nay in „Tausend Zeilen“ (© Warner Bros.)

Elyas M’Barek ragt aus „Tausend Zeilen“ heraus

Im besseren Teil des Films kämpft ein wie entfesselt aufspielender Elyas M’Barek („Fack Ju Göhte“) als freier Journalist um die Wahrheit. Er setzt seine Karriere und sein privates Glück aufs Spiel, um Bogenius zu Fall zu bringen, weil er an puren, unverfälschten Journalismus glaubt. Hier ist „Tausend Zeilen“ wie ein klassischer Journalisten-Thriller unterwegs und zieht durch M’Bareks mitreißendes Spiel in den Bann – selbst, wenn es Regisseur Herbig und sein Drehbuchautor Hermann Florin mit Romeros überproportional präsentem Privatleben etwas übertreiben. Herbig hat natürlich erkannt, dass dieser Bogenius nicht seine Hauptfigur sein kann, weil er schlicht ein unsympathischer Betrüger ist. Allerdings bleibt er als Antagonist der Story eine komplette Black Box. Während M’Bareks Romero (echter Name: Juan Moreno) eine reale Figur aus Fleisch und Blut ist, wirkt Bogenius wie eine aseptische Kunstfigur ohne Emotion, ohne Antrieb und ohne Motiv. Diese Blässe verkörpert Jonas Nay („Deutschland 83“), ohne dem Publikum Interesse für seine Figur abzuringen. Dazu passt, dass der verschlagene Trickser (ebenso wie Romero) dann und wann die vierte Wand durchbricht und direkt zum Publikum spricht, um Zusammenhänge zu erklären.

Die Produktionswerte sind wie bei Herbig üblich (selbst seine Komödien sehen gut aus – ganz ohne Sepia-Look) exzellent. Der gebürtige Münchner, der mit dem DDR-Flucht-Thriller „Ballon“ erfolgreich ins seriöse Fach gewechselt ist, hat ein feines Gespür für Bilder und die große Leinwand, da muss sich „Tausend Zeilen“ nicht vor internationaler Konkurrenz verstecken. Deutsche Piefigkeit sucht man hier vergebens. Der Film hat visuelles Format. 

Fazit: Michael „Bully“ Herbigs zweites Werk abseits des Klamauks ist eine visuell ansprechende und unterhaltsame Mediensatire, bei der es an den Nahtstellen zwischen Komödie und ernsthaftem Journalisten-Thriller zwickt. Herbig liefert ein routiniertes Werk ab, dem mehr Mut zur Tiefe gut getan hätte, um aus „Tausend Zeilen“ einen großen Medien-Thriller über den „Spiegel“-Skandal zu machen.

Deutscher Kinostart von „Tausend Zeilen“: 29. Oktober 2022

Wertung 3 / 5
Produktionsland

Deutschland 2022

Cast & Crew

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