Superpower

Sean Penn geht für den Ukraine-Krieg in den Nahkampf

Sean Penn ist ein begnadeter Schauspieler, nicht umsonst ist der Kalifornier zweifacher Oscar-Preisträger als bester Hauptdarsteller (für „Mystic River“ und „Milk“). In den USA gilt der streitbare Mime als linker Vorkämpfer gegen Ungerechtigkeiten aller Art. Penn engagierte sich gegen den dritten Golfkrieg, gegen die Regierung von George W. Bush und unterstützt mit seiner Hilfsorganisation Core (Community Organized Relief Effort) Opfer von Katastrophen und Verfolgte. Doch nun verschlägt es den weltkrisenerprobten Aktivisten direkt ins Herz der Finsternis – mitten in den brutalen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine. Gemeinsam mit seinem Co-Regisseur Aaron Kaufman wollte Penn ursprünglich ein Porträt über den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj drehen – mit der spannenden Ausgangssituation, dass ein in seiner Heimat omnipräsenter Schauspieler zum Staatsoberhaupt aufsteigt. Doch die Geschichte hat den Plan überholt: Penns und Kaufmans Dokumentarfilm „Superpower“ ist stattdessen eine gnadenlos subjektive geopolitische Filmreportage, in der Penn selbst als ständig rauchender und Wodka trinkender Protagonist rastlos durch die Szenerie vor Ort irrt, um fragmentarische Eindrücke einzufangen und an die Entscheidungsträger in seiner Heimat weiterzugeben. In seinen besten Momenten ist „Superpower“ süffiger Gonzo-Journalismus mit den besten Absichten, die Welt zu verändern – rau, direkt und immer nah dran. Doch inhaltlich hat der Film wenig zu bieten, das über den Tellerrand hinausragt. Die Regisseure bleiben mit viel Enthusiasmus an der Oberfläche des komplizierten Konflikts kleben.

„Superpower“ beginnt am 24. Februar 2022, dem Tag, an dem Russland in die Ukraine einmarschiert ist. Sean Penn und sein Team haben sich mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu einem Interview verabredet. Dann springt die Dokumentation einige Monate zurück und zeigt die Vorbereitungen des Teams für den Film. Immer wieder trifft sich die Crew mit geopolitischen Experten, um die Lage einzuschätzen, denn der Krieg liegt zwar irgendwie in der Luft, aber kaum jemand hält Putin für so rücksichtslos und dumm, seine Drohungen tatsächlich wahr zu machen. Die Szenarien ähneln sich. Man sitzt in geselliger Runde zusammen, trinkt flaschenweise Wodka oder zur Abwechslung auch mal Whisky, und Penn quarzt, als gäb’s kein Morgen mehr. Kaum in einer Szene schafft es der Schauspieler, den Glimmstängel (oder die elektronische Alternative) für einen Moment aus der Hand zu legen. Er klammert sich förmlich an seinen Lebensspender.

Sean Penn und Wolodymyr Selenskyj in „Superpower“ (© Vice Studios)

Der unter Dauerstrom stehende Penn wirkt wie ein Getriebener, der nach Wissen über diesen Krieg giert, um die Menschen daheim in Amerika aufzurütteln. Denn was er sieht, erschüttert ihn. Zerbombte Städte, tote Kinder und Frauen – in der Ukraine herrscht Endzeitstimmung. In einer Szene gesteht er, von der illegalen Annexion der Krim 2014 nichts gewusst zu haben. Zwangsläufig nimmt Penn so als Protagonist die Perspektive des politisch ungebildeten Amerikaners ein, den er hier mit seinem Kompagnon daheim in den Staaten erreichen will.

Sean Penn verbrüdert sich mit Wolodymyr Selenskyj

So sehr man sich bei diesem Konsum Sorgen um Penns Gesundheit macht (eines Abends torkelt er nur noch von einem Minivan in sein Hotel in Kiew), so bewundernswert ist die Energie, die der Aktivist auf der Leinwand ausstrahlt. Und Penn ist kein Gernegroß, sondern einer, der wirklich etwas bewegen kann. Dreimal bekommt er Selenskyj vor die Kamera – unter schwierigsten Bedingungen. Es kommt zu einer Art Verbrüderung zwischen dem Filmemacher und seinem Reportageobjekt. Der Medienvollprofi Selenskyj sieht die Chance, seine Botschaft über den engagierten Penn in die USA zu tragen und zu verbreiten. Und der Hollywoodstar hat gute Kontakte in Politik, Wirtschaft und Showbusiness, er erregt Aufmerksamkeit. Genau das will Selenskyj.

Voller Einsatz an der Frontlinie

Penn gibt alles, scheut sich auch nicht, auf seine natürlichen Feinde zuzugehen und Interviews bei Fox News zu geben, obwohl er bei fast allen Themen eine andere Meinung hat als der einflussreiche Star-Moderator Sean Hannity. Dem Schauspieler geht es um die Sache und das spürt man in jeder der zwei Leinwandstunden, die durch die raue Inszenierung mit vielen Handkameraaufnahmen im Gehen eine unmittelbare Dynamik entfalten. Penn hat Mumm, wagt sich direkt an die Frontlinie, auch wenn man dort sein Unbehagen spürt, weil der Tod nicht weit ist.

Gute Absichten und wenig Tiefe

Dass „Superpower“ durch diese Zentrierung auf Penn als Hauptdarsteller und die Verehrung des heldenhaft kämpfenden Selenskyj hundertprozentig subjektiv ist und der Regisseur quasi der Versuchung vieler „embedded journalists“ erliegt und sich mit seinem Objekt gemein macht, mag verständlich sein. Nur vermittelt „Superpower“ außer einigen atmosphärisch eindrucksvollen Innenansichten intellektuell keine tiefer gehenden Analysen oder Einsichten, die man in den ersten Monaten nach Kriegsbeginn nicht in jeder deutschen Talkshow hätte finden können. Über die Hintergründe des Krieges erfährt der Zuschauer wenig (da hat die zweite Ukraine-Doku der Berlinale, „Eastern Front“, schon mehr zu bieten).

Fazit: Sean Penn und Aaron Kaufman wollen mit ihrer im Found-Footage-Stil gedrehten Kriegsdokumentation „Superpower“ ihre amerikanischen Landsleute für das Unrecht, das den Ukrainern widerfährt, sensibilisieren und berichten direkt, unmittelbar und völlig subjektiv aus den Zirkeln der Macht. Das hat am Ende wenig Substanz, aber der Dynamik und der Gravitas von Penn kann man sich nicht entziehen.

Deutscher Kinostart von „Superpower“: noch nicht bekannt. Wir haben den Film bei der Berlinale 2023 gesehen.

Wertung2,5 / 5
Produktionsland

USA 2023

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