Saw X

2023119 minab 18,

Die Horror-Ikone Jigsaw ist zurück – und belebt ein ausgelutschtes Franchise

Das Horrorgenre ist nicht gerade ein Quell der Innovation, denn das Erfolgsrezept ist so schlicht wie simpel. Man braucht keine Stars, kein großes Budget, nur viel Blut und Gewalt – zudem reichen auch überschaubare Einnahmen für schnelle Profite. In diese Tristesse platzten 2004 Regisseur/Drehbuchautor James Wan und Hauptdarsteller/Co-Autor Leigh Whannell mit „Saw“, einem dreckigen, hundsgemeinen Low-Budget-Schocker mit Biss, der nicht nur ein bis heute lebendiges Franchise begründete, sondern auch einen der ikonischsten Killer der Filmgeschichte hervorbrachte. Mit dem neunten Teil „Saw: Spiral“ (2021), der erstmals keinen Gewinn abwarf, schien die Reihe endgültig ausgelutscht. Doch „Saw“-Veteran Kevin Greutert hat das Franchise nun mit seinem Horror-Schocker „Saw X“ kommerziell und konzeptionell wiederbelebt, indem er den charismatischen Fallentüftler John Kramer erstmals zum ersten Mal als Hauptfigur aufstellt. Der zehnte Teil ist ein Prequel, das zwischen den Ereignissen von „Saw“ und „Saw II“ (2005) angesiedelt ist. Greutert erfindet das Genre nicht neu, aber er haucht der Reihe neues Leben ein, indem er sich auf ihren stärksten Charakter konzentriert und es schafft, eine verdrehte Form der Menschlichkeit im großen Leiden zu etablieren.

Der „Saw“-Killer John Kramer (Tobin Bell) alias Jigsaw ist vom Krebs schwer gezeichnet. Ein Gehirntumor hat seine Lebenserwartung auf wenige Monate reduziert. In einer Selbsthilfegruppe lernt er den Leidensgenossen Henry Kessler (Michael Beach) kennen. Dieser erzählt ihm einige Wochen später bei einem zufälligen Treffen von seiner Wunderheilung. Das Team um Dr. Cecilia Pederson (Synnøve Macody Lund) hat eine revolutionäre Behandlungsmethode entwickelt, mit der selbst schwerste Krebserkrankungen geheilt werden können. Es ist eine Kombination aus Operation und einem neuartigen Medikamentencocktail – allerdings ohne offizielle Zulassung. Deshalb reist Kramer nach Mexiko-Stadt, wo er von der Krankenschwester Gabriela (Renata Vaca) und Dr. Pederson in einem abgelegenen Anwesen empfangen wird. Die Operation soll der Gehirnchirurg Mateo (Octavio Hinojosa) durchführen. Doch es kommt anders. Nach der vermeintlichen OP spürt Kramer keine Besserung und findet schnell heraus, dass alles nur ein Schwindel war, um ihm 250.000 Dollar aus der Tasche zu ziehen. Er dreht den Spieß um und bringt die Beteiligten noch vor Ort in seine Gewalt. Mit Hilfe seiner Assistentin Amanda Young (Shawnee Smith) stellt er die Betrüger vor die Wahl: Sie können Reue zeigen und sich durch schwere Verstümmelungen retten, dafür muss sich beispielsweise die ebenfalls beteiligte Valentina (Paulette Hernandez) ein Bein amputieren lassen, um genügend Knochenmark abzusaugen, während der Rest der Truppe entsetzt zusieht.

Tobin Bell und Shawnee Smith in „Saw X“ (© StudioCanal)

John Kramer rückt erstmals in den Mittelpunkt der Handlung

Was tun mit einem ausgenudelten Franchise, das sein Verfallsdatum bereits überschritten hat? Zurück zu den Wurzeln ist immer eine gute Idee. Das dachte sich offenbar auch Regisseur Kevin Greutert, der bereits die Teile 6 und 7 inszeniert und fast alle „Saw“-Filme geschnitten hat. Sein Schachzug, Jigsaw in den Mittelpunkt zu stellen, geht trotz einiger Ungereimtheiten über weite Strecken auf. Denn keine andere Figur im „Saw“-Kosmos ist so charismatisch wie John Kramer, der bisher immer nur am Rande auftauchte und schließlich in Teil 3 das Zeitliche segnete. Das hielt die Produzenten zwar nicht davon ab, ihn (außer in „Saw: Spiral“) irgendwie in Rückblenden einzubauen, aber im Zentrum der Handlung wirkt Kramer noch viel besser. Da kann man auch mal einen ironischen Gag einbauen, wenn sich der werte Folterknecht bei Dr. Pederson süffisant als „eine Art Lifecoach“ vorstellt, der anderen hilft, bessere Menschen zu werden.

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Wenn der Täter zum Opfer wird

Der zweite große Kniff ist die Täter-Opfer-Umkehr: Denn Greutert nimmt sich eine halbe Stunde Zeit, um den moralduseligen Brutalo John Kramer zum Opfer zu machen und das Publikum tatsächlich auf seine Seite zu ziehen. In der Hochstaplerin Dr. Cecilia Pederson findet Jigsaw eine Gegenspielerin, die emotional noch brutaler ist als er. Während der mittlerweile über 80-jährige Tobin Bell („Die Firma“) nichts von seiner eiskalten Ausstrahlung verloren hat, die er hier mit einem Schuss Empathie mischt, gibt die Norwegerin Synnøve Macody Lund („Verschwörung“, „Headhunters“) süffig die Super-Bitch, der es nichts ausmacht, wenn ihre Mitstreiter zu Hackfleisch verarbeitet werden.

Octavio Hinojosa in „Saw X“ (© StudioCanal)

Logiklücken und flaue Twists

So erfrischend dieser neue Ansatz mit dem nun zumindest ambivalenten Jigsaw, der starken Atmosphäre und den guten Schauspielleistungen auch ist, hat „Saw X“ auch einige Mängel. Dass Tobin Bell und auch Rückkehrerin Shawnee Smith („Der Blob“) 20 Jahre älter aussehen als in „Saw“, ergibt im Film keinen Sinn, ist aber zu vernachlässigen. Auf ein sündhaft teures De-Aging à la „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ wollten sich die Produzenten nicht einlassen, um das Budget von zehn Millionen Dollar nicht zu überziehen. Auch über einige Logiklücken kann man getrost hinwegsehen – zum Beispiel warum Dr. Pederson erst nachdem sie John Kramer übers Ohr gehauen hat, herausfindet, dass er der berüchtigte Jigsaw ist – oder wie der Betrogene in Windeseile eine komplette Folterfabrik organisieren kann? Aber gut! Was „Saw X“ etwas runterzieht, ist seine relative Vorhersehbarkeit. Den ersten Twist hat das Studio schon im Trailer ziemlich unnötig weggegeben. So kommt in der ersten halben Stunde kaum Spannung auf, weil man weiß, wohin die Reise geht. Stattdessen nutzt Regisseur Greutert die Zeit sinnvoll, um die Atmosphäre sorgfältig aufzubauen. Aber auch später sieht man die meisten Wendungen schon von weitem kommen. Da war die „Saw“-Reihe schon deutlich unberechenbarer.

Zudem sind die berüchtigten Folterszenarien diesmal nicht besonders einfallsreich – nur die Schlagzahl wurde erhöht. Schauderten die Protagonisten im Original-„Saw“ noch anderthalb Stunden lang bei dem Gedanken, sich mit einer rostigen Säge den Fuß abzusäbeln, um sich zu befreien, so ist eine solche durchaus unangenehme Bein- oder Armabtrennung im zehnten Teil nun innerhalb von drei Minuten (mit Stoppuhr) erledigt – und zack, weiter zur nächsten Tortur! Denn die Härte ist nach wie vor auf Maximum eingestellt. Bei vielen Szenen kann man als Zuschauer kaum hinsehen.

Fazit: Das Prequel „Saw X“ ist zwar keine Revolution, aber im Gegensatz zu einigen der anderen neun Teile der Horror-Reihe ein solider Schocker, dem es mit der Rückkehr von „Jigsaw“ John Kramer gelingt, wieder mehr Emotionen und Atmosphäre in die Quälerei zu bringen.

Deutscher Kinostart von „Saw X“: 30. November 2023

Wertung3 / 5
Produktionsland

USA 2023

Cast & Crew

Tobin Bell

John Kramer / Jigsaw

Shawnee Smith

Amanda Young

Synnøve Macody Lund

Dr. Cecilia Pederson

Steven Brand

Parker Sears

Renata Vaca

Gabriela

Michael Beach

Henry Kessler

Donagh Gordon

Dr. Finn Pederson

Katie Barberi

Leiterin der Selbsthilfegruppe

Costas Mandylor

Detective Mark Hoffman

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