Nyad

2023121 minab 12, ,

Fantastisch gespieltes konventionelles Sport-Drama mit einer ambivalenten Protagonistin

Der Bergsteiger und Extremskifahrer Jimmy Chin und seine Frau Elizabeth Chai Vasarhelyi haben mit „Free Solo“ (2018) nicht nur den atemberaubendsten Sportfilm des vergangenen Jahrzehnts gedreht, sondern auch einen Oscar für den besten Dokumentarfilm gewonnen. Mit „Nyad“ bleibt das Regie-Ehepaar seiner sportlichen Leidenschaft treu, wagt sich mit dem Sportler-Drama aber erstmals an einen Spielfilm. Erneut greifen sie das Thema der unmöglichen Herausforderungen auf, doch diesmal kämpfen sie um die richtige Balance zwischen der Geschichte von Diana Nyad und ihrer eigenen filmischen Vision. Und während die beiden herausragenden Hauptdarstellerinnen Annette Bening und Jodie Foster zu Recht in der Award Season gefeiert werden, bleibt das Drama selbst hinter seinen Möglichkeiten zurück. Chin und Vasarhelyi verstehen es hervorragend, die sportliche Leistung – die damals 64-jährige Langstreckenschwimmerin Diana Nyad schwamm 2013 die 103 Meilen von Kuba nach Key West, Florida – in Szene zu setzen. Doch die Geschichte birgt einige Probleme. Zum einen kommt „Nyad“ strukturell und dramaturgisch selten über die üblichen Sportklischees hinaus, zum anderen verlieren die Macher den klaren Blick für die offensichtliche Ambivalenz (um es höflich zu formulieren) ihrer Hauptfigur. Und so ist „Nyad“ am Ende ein fantastisch gespielter, konventioneller Sportfilm mit erzählerischen Mängeln und Merkwürdigkeiten.

2010: Vor 32 Jahren scheiterte die junge Langstreckenschwimmerin Diana Nyad (Annette Bening) bei dem Versuch, von Kuba nach Florida zu schwimmen. Das nagt bis heute an der ehrgeizigen Sportlerin, die an ihrem 60. Geburtstag nach Orientierung in ihrem Leben sucht. Sie fasst den mutigen Entschluss, ihren Lebenstraum noch einmal in Angriff zu nehmen und stellt ein Team für ihren neuen Rekordversuch zusammen. Sie überzeugt ihre beste Freundin und ehemalige Partnerin Bonnie Stoll (Jodie Foster), als Trainerin mit an Bord zu kommen. Der versierte Kapitän und Navigator John Bartless (Rhys Ifans) steuert das Beiboot, das sie auf ihrer gefährlichen Reise begleitet. Finanziell setzen Nyad und Stoll bei der 500.000 Dollar teuren Expedition alles auf eine Karte. Doch der erste Versuch 2011 scheitert. Nach mehr als 24 Stunden im Wasser gerät Nyad in eine Gegenströmung, die sie Richtung Afrika treibt. Bartless und Stoll holen die enttäuschte Schwimmerin aus dem Ozean, denn der Rekordversuch ist in dieser Konstellation aussichtslos. Doch sie will nicht aufgeben und startet eine neue Expedition…

Jodie Foster und Annette Bening in „Nyad“ (© Netflix)

Widersprüche in Nyads Rekordleistungen

Das für den Streaming-Anbieter Netflix gedrehte Projekt „Nyad“ ist voller Widersprüche – das liegt vor allem an seiner umstrittenen Protagonistin. Denn der Rekord von Diana Nyad, 2013 ohne den Schutz eines Haikäfigs von Kuba nach Key West zu schwimmen, wurde weder vom Guinness-Buch der Rekorde noch von der World Open Water Swimming Association anerkannt – auch eine Wiederholung der Überprüfung 2022 brachte keinen Erfolg. Abgesehen davon, dass keine unabhängigen Prüfer an Bord waren, gibt es Lücken in der Dokumentation – vor allem in der neunstündigen Nachtphase. Auch gibt es widersprüchliche Aussagen von Besatzungsmitgliedern zu dieser besonders kritischen Phase. Hinzu kommt der zweifelhafte Ruf Nyads, da sie in der Vergangenheit nachweislich mehrfach öffentlich über einige seiner Leistungen gelogen hat.

Überragende schauspielerische Leistungen von Annette Bening und Jodie Foster

Chin und Vasarhelyi lassen diesen höchst problematischen Komplex außen vor – sie haben keine andere Wahl. Sie müssen Nyad vertrauen, auf ihrer Autobiografie „Find A Way“ (2015) basiert der gesamte Film. Was die Regisseure aber durchaus und eher unfreiwillig einfangen, ist der narzisstische Charakter der Heldin. Sie ist extrem ehrgeizig, selbstzentriert und stellt ihre eigenen Interessen brutal über die aller anderen. Das führt dazu, dass man als Zuschauer trotz der großartigen schauspielerischen Leistung von Annette Bening („American Beauty“) irgendwann nur noch Mitleid mit Nyad hat, wenn sie einen Versuch nach dem anderen startet und ihre Umwelt mit ihrem Ego geradezu tyrannisiert. Nyads Charakterzeichnung entwickelt sich von der anfänglichen Inspiration zu einer obsessiven und egomanischen Persönlichkeit. Und so wird die von Jodie Foster („Das Schweigen der Lämmer“, „Contact“) großartig und oscarreif gespielte Trainerin Bonnie Stoll zur heimlichen Heldin von „Nyad“, weil sie mit ihrer unglaublich einfühlsamen Darstellung allen die Show stiehlt. Foster verleiht ihrer Rolle eine faszinierende emotionale Tiefe.

Jodie Foster und Rhys Ifans in „Nyad“ (© Netflix)

Chins und Vasarhelyis Regie mit Stärken und Schwächen

Trotz seiner Schwächen erinnert uns „Nyad“ daran, wie wichtig Disziplin, Leidenschaft und Freundschaft auf dem Weg zum Erfolg sind. Die beiden herausragenden schauspielerischen Leistungen halten „Nyad“ trotz der schwierigen Protagonistin interessant. Die Dramaturgie folgt dem üblichen Muster des aufmunternden Sportfilms. Dabei ist die Inszenierung von Chin und Vasarhelyi in ihren Höhen und Tiefen uneinheitlich. Die dynamischen Schwimmszenen, die Elemente des Dokumentarfilms mit Fiktion vermischen, heben sich von teils flachen Dialogmomenten ab. Denn besonders stark ist „Nyad“ immer dann, wenn die Filmemacher echte Dokumentarfilmschnipsel aus der Vergangenheit zwischen die Spielfilmhandlung schneiden und so ihrem Werk eine gute Dynamik verleihen. Die inszenatorische Inkonsequenz und die Anwendung einiger Genrekonventionen trüben jedoch das Gesamtbild des Films – den reißerischen Haiangriff hat es beispielsweise nie gegeben.

Annette Bening in „Nyad“ (© Netflix)

Fazit: Trotz seiner Schwächen versuchen Jimmy Chin und Elizabeth Chai Vasarhelyi mit „Nyad“ durch die beeindruckenden Leistungen der Hauptdarstellerinnen zu inspirieren. Das Sport-Drama stolpert jedoch über die inkonsequente Inszenierung und das Festhalten an Genrekonventionen. Der Rekordversuch von Diana Nyad mag von einer öffentlichen Kontroverse begleitet sein, die im Film völlig ignoriert wird, aber „Nyad“ erinnert uns daran, unsere scheinbar unmöglichen Träume zu verfolgen, niemals aufzugeben und hartnäckig an unseren Zielen festzuhalten.

Streaming: „Nyad“ ist seit dem 3. November 2023 im Abo auf Netflix abrufbar.

Wertung3 / 5
Produktionsland

USA 2023

Cast & Crew

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