Der weiße Hai des UFO-Films – und alles andere als ein „Bad Mircale“

2017 und 2018 veröffentlichte die „New York Times“ drei spektakuläre, von Navy-Piloten aufgenommene Videos, die die Welt der UFO-Gemeinde völlig auf den Kopf stellten. Die renommierteste Tageszeitung der USA brachte das Thema, das seit dem legendären Roswell-Vorfall 1947 ein Schattendasein inmitten von kritisch beäugten Verschwörungstheoretikern und UFO-Spinnern gefristet hatte, direkt in den Mainstream. Das Pentagon hatte die Aufnahmen, auf denen sich mysteriöse Flugobjekte in unnatürlicher Geschwindigkeit bewegen, freigeben – und sie sind real. Was darauf zu sehen ist, ist nicht klar – seitdem wird heftig darüber spekuliert. Das Verteidigungsministerium der USA fand keine Hinweise auf außerirdische Technologie, kann diese aber auch nicht ausschließen. Was aber bleibt: Das einst zwielichtige Sujet ist gesellschaftsfähig geworden. Vordergründing tritt jetzt Jordan Peele („Get Out“, „Wir“), einer der spannendsten Filmemacher, die gerade in Hollywood unterwegs sind, auf den Plan und reitet auf dieser Welle.

Doch sein atmosphärisch herausragender und unglaublich intensiver UFO-Mystery-Thriller „Nope“ ist viel mehr als das Offensichtliche. Denn unter einem gradlinig erzählten großen Unterhaltungsspektakel liegt eine weitere allegorische Ebene voll hochspannendem Subtext, die es zu entdecken und interpretieren gilt. Und so summiert sich „Nope“ zu einem Meisterwerk des originellen Erzählkinos. Der Film entwickelt einen zunehmenden Sog, dem man sich nicht entziehen kann.

Otis Haywood Junior (Daniel Kaluuya) ist ein eigenwilliger, stiller Typ, der gemeinsam mit seinem Vater Otis Senior (Keith David) auf einer abgelegenen Farm im kalifornischen Santa Clarita Valley edle Pferde züchtet und für den Einsatz in Hollywood-Filmen trainiert. Ein tragisches Unglück verändert alles. Als ein Trümmerregen von Objekten aus dem Himmel fällt, wahrscheinlich aus einem Flugzeug, wie die Behörden vermuten, trifft eine Münze Otis Senior so schwer am Auge, dass er wenig später an den Verletzungen stirbt. Doch Otis Junior, genannt OJ, bekommt nach und nach Zweifel an der Flugzeugtheorie. Ihn beschleicht ein ganz mieses Gefühl, als er in den Wolken vor seiner Ranch immer wieder mysteriöse Objekte zu sehen glaubt. Gemeinsam mit seiner extrovertierten Schwester Emerald (Keke Palmer), genannt Em, versucht er, dem Mysterium auf den Grund zu gehen und heuert den Elektromarktmitarbeiter Angel Torres (Brandon Perea) an, um auf der Farm ein ausgeklügeltes Kameraüberwachungssystem einzurichten. Die Geschwister wollen den „Oprah“-Shot“! Eine Aufnahme eines außerirdischen Flugobjekts, das sie dann für viel Geld an die Medien verkaufen können. Doch sie sind nicht die einzigen, die den vermeintlichen Aliens hinterherjagen. Da ist auch noch der Wildwestparkbetreiber Ricky Park (Steven Yeun, jung: Jacob Kim), der in den 90er Jahren als Kind in einer erfolgreichen Sitcom gespielt hat, die abgesetzt wurde, weil ein Schimpanse namens Gordy (Terry Notary) am Set ausrastete und große Teile der Filmcrew erschlug. Ricky ahnt, dass in den Wolken etwas nicht stimmt und hat auch schon eine verwegene Idee, wie er hinter das Geheimnis kommen kann.

Daniel Kaluuya in “Nope” ( ©Universal Pictures)

Die Hauptfiguren OJ und Em treiben „Nope“ an

Den Bezug zur aktuellen UFO-Diskussion setzt Regisseur Jordan Peele gleich früh im Film, wenn er seine Figuren erklären lässt, dass UFOs jetzt nicht mehr UFOs, sondern UAPs heißen – also Unexplained Aerial Phenomena. Was denn da tatsächlich in der Luft der kalifornischen Einöde herumschwirrt, bleibt in der ersten Hälfte ungeklärt – motivisch angetrieben von OJs Gedankenkonstrukt des „Bad Miracles“, so nennt er den schier unvorstellbaren Zufall, dass sein Vater von einer aus dem Himmel fallenden Fünf-Cent-Münze erschlagen wurde. Peele bringt seine Erzählung Stück für Stück kontinuierlich voran, etabliert nebenbei eine düstere Mystery-Atmosphäre und entwickelt spielerisch die wichtigen Figuren, die sich weit von den üblichen Klischees des modernen Unterhaltungsfilms entfernen. Ist OJ, der schweigsame Grübler, der immer mehr über sich hinauswachsen muss, noch am klassischsten angelegt, bietet seine wortgewaltige Schwester Em noch mehr Tiefe in ihrem Charakter. Sie transportiert eines der Hauptmotive des Films: die Jagd nach Berühmtheit und Geld. Als sie bei einer Hollywood-Produktion den Pferdetrainer-Betrieb ihrer Familie offensiv präsentiert, stellt sie ihren Antrieb selbstbewusst aus. Em wird aber nicht auf dieses Motiv reduziert, sondern wächst zur toughen Heroine aus, die im größtem Durcheinander und unter größter Bedrohung den besten Überblick behält. Die Geschwister sind auf unterschiedliche Weise als Identifikationsfigur sympathisch.

Beim Gordy-Massaker bleiben Rätsel ungelöst

Mindestens ebenso spannend sind zwei der Nebencharaktere. Eine echte Überraschung ist der Überwachungsinstallateur Angel, der äußerlich wie ein interessenloser Null-Bock-Nerd wirkt. Doch der blondierte Technik-Geek entpuppt sich als helles Köpfchen, das sofort durchschaut, was OJ und Em vorhaben. Er ist selbst UFO-Freak und lässt sich nicht abschütteln. Eine noch wichtigere Rolle spielt aber die ambivalente Figur des Ex-Kinderstars Ricky Park. In der erschütternden Eröffnungssequenz ist die Blutorgie des Schimpansen Gordy in einem Fernsehstudio das erste Mal zu erahnen. Ein visuelles Motiv, das sich durch den ganzen Film ziehen wird. Immer wieder kommt der Regisseur zu diesem Inferno zurück und zeigt Mal um Mal mehr davon. Rickys Ruhm ist verblasst und er setzt alles daran, mit einem kühnen Money Shot auf die große Bühne zurückzukehren. Während der Gordy-Erzählstrang als Kritik an der gnadenlosen Domestizierung des Tieres in der Unterhaltungsindustrie verstanden werden kann, lässt Peele aber selbst in dieser interpretierungsfähigen Ebene noch Leerstellen, die zu weiterem Nachdenken anregen. Warum zum Beispiel steht mitten in dem Gordy-Massaker ein einzelner Turnschuh wie durch Magie aufrecht im Raum? Darüber lässt sich kontrovers spekulieren.

Die Gier nach Berühmtheit und die Suche nach der schwarzen Seele

Da ist aber noch viel mehr davon: Berühmtheit und die Gier danach ist noch eines der offensichtlichen Themen, das knapp unterhalb der Oberfläche der gradlinig erzählten UFO-Story gut sichtbar herauslugt. Dazu kommentiert Peele später diesen Themenkomplex auch über die Figur eines ikonischen Dokumentarfilmers (Michael Wincott), als der die Szenerie betritt, und ätzt gegen die Medien in Gestalt eines invasiven „TMZ“-Reporters. So ist „Nope“ irgendwo auch ein Film über Hollywood. Ohne jetzt explizit auf die weitere Handlung eingehen zu wollen, wird die möglicherweise außerirdische Gefahr aus den Wolken von vielen Beobachtern und Kommentatoren als grimmige Allegorie auf den Polizei-Überwachungsstaat aus Sicht der schwarzen Bevölkerung der USA angesehen – sie wachen und schlagen gezielt zu.

Steven Yeun in “Nope” / (c) Universal Pictures Germany

Sein Film strahlt wie schon die Vorgänger „Get Out“ und „Wir“ den Stolz der schwarzen Nation aus, was Peele als geschicktes Motiv einwebt, wenn er behauptet, dass seine beiden Hauptfiguren OJ und Em die Nachfahren des namenlosen schwarzen Jockeys sind, die in einer der ersten Foto-Animationen („Sallie Gardner At A Gallop”, 1878) von Eadweard Muybridge im spätem 19. Jahrhundert abgelichtet wurden. Das sind Gedankenmotive, die tief drinnen stecken und sich auf einer zweiten Ebene abspielen und dort wabern. So entfaltet sich „Nope“ als mehrschichtiger Frontalangriff auf die Sinne. Hier mischen sich Mainstream-Blockbuster und Arthouse-Kracher – noch nie durfte der gelernte Independentfilmer Peele mit 68 Millionen Dollar so viel Geld für eines seiner Werke ausgeben.

Daniel Kaluuya sorgt für den besten Kinomoment des Jahres

Der Regisseur platziert immer wieder kleine Einschübe von trockenem Humor, was in die vielleicht coolste Szene des Kinojahres mündet, wenn OJ bei Dauerregen und unter höchster Bedrohung in seinem Truck hockt und beim Blick nach draußen mit einem sarkastisch-fatalistischen kurzen „Nope“ klar macht, dass er für keinen Preis der Welt jetzt seinen Wagen verlassen wird. Doch der Grundtenor von „Nope“ ist düster, ernsthaft und vor allem wirklich unheimlich. Die Horrorelemente setzt der Filmemacher überfallartig und gezielt ein, wie Nadelstiche, sodass eine permanente Atmosphäre der Bedrohung vorherrscht. Nicht nur ist „Nope“ dank des recht üppigen Budgets und den Fähigkeiten von Christopher Nolans Stammkameramann Hoyte Van Hoytema („Interstellar“, „Tenet“, „Dunkirk“, „Ad Astra“) von schierer Bildgewalt geprägt, auch das grandiose Sound Design ist als Urkraft fast als eigene Figur zu werten.

Fazit: Jordan Peele hat mit dem visuell und soundtechnisch überragenden Horror-Mystery-Thriller „Nope“ ein mitreißendes, intelligentes Außerirdischen-Spektakel mit starken Figuren abgeliefert, das das Publikum auf mehreren Ebenen schwer beschäftigt und dabei höllisch gut unterhält. „Nope“ ist „Der weiße Hai“ des UFO-Films. Am besten schaut man das Meisterwerk gleich zweimal, um alle Themen wirklich erfassen zu können.

Deutscher Kinostart von „Nope“: 11. August 2022 .

Seit 10. November auf Blu-ray & DVD erhältlich.

Wertung5 / 5
Produktionsland

USA/Kanada/Japan 2022

Cast & Crew

Daniel Kaluuya

OJ Haywood

Keke Palmer

Emerald Haywood

Brandon Perea

Angel Torres

Michael Wincott

Antlers Holst

Steven Yeun

Ricky Park

Wrenn Schmidt

Amber Park

Keith David

Otis Haywood Senior

Donna Mills

Bonnie Clayton

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