Napoleon

2023158 minab 12, ,

„Best of Bonaparte“: Ridley Scott inszeniert den Mythos „Napoleon“ als grandioses Schlachtengemälde

Mit „Barry Lyndon“ (1975) hat Jahrhundertregisseur Stanley Kubrick ein historisches Meisterwerk abgeliefert. Doch das war nur der Ersatz für sein absolutes Herzensprojekt „Napoleon“, das trotz intensiver Vorbereitungen und Recherchen zur historischen Genauigkeit nie zustande kam. Nun bringt Hollywood-Veteran Ridley Scott eine opulente, 200 Millionen Dollar teure Biografie über Napoleon Bonaparte in die Kinos. Ist das der Film, den Kubrick immer machen wollte? Mit Sicherheit nicht! Zwar teilen sich die beiden Ausnahmeregisseure die Bildgewalt, aber anders als der detailversessene Kubrick nimmt es Scott mit der historischen Akribie nicht so genau und interpretiert den Mythos – höflich formuliert – eher frei. Und so glänzt Scotts Historien-Drama „Napoleon“ mit grandios inszenierten Schlachten, wie man sie selten zuvor gesehen hat, und zeichnet den französischen Feldherrn und späteren Kaiser als ehrgeizigen korsischen Rüpel, der für seine Karriere buchstäblich über Leichen geht – schließlich starben bei Napoleons berühmten Kämpfen Millionen Soldaten. Ausgerechnet die für einen Kinofilm stattliche Laufzeit von 158 Minuten wird für Scott zum Problem – denn die Biografie Napoleons bietet zu viel Stoff für diese Spielzeit, und so wirkt „Napoleon“ wie ein „Best of Bonaparte“. Das wuchtige Epos, das chronologisch die wichtigsten Stationen im Leben eines der rätselhaftesten Männer der Weltgeschichte abarbeitet, ist eher ein Ausschnitt als ein umfassendes Charakterporträt – was in der angekündigten viereinhalbstündigen Schnittfassung beim produzierenden Streamingdienst Apple+ vielleicht noch kommen wird.

1789: Soziale Ungleichheit, wirtschaftliche Probleme und politische Unruhen – die Französische Revolution hat das Land in Aufruhr versetzt. Mit der Belagerung und Eroberung von Toulon steigt der junge Brigadegeneral Napoleon Bonaparte (Joaquin Phoenix) zum General auf, weil er Schlachten schlagen und Armeen kommandieren kann wie niemand anderer. Nach der öffentlichen Enthauptung von Königin Marie Antoinette (Catherine Walker) auf der Guillotine übernimmt er politische Verantwortung. Napoleon heiratet Joséphine de Beauharnais (Vanessa Kirby), der er verfallen ist, ganz im Gegensatz zu ihr, die ihn während seiner Abwesenheiten bei Feldzügen in Ägypten mit dem jungen Hippolyte Charles (Jannis Niewöhner) betrügt. Nach einem Coup d’Etat, einem Staatsstreich, kommt Napoleon als einer von drei Konsulen an die geteilte Macht. 1799 wird er erster Konsul und Kaiser Frankreichs. Doch seine Rücksichtslosigkeit provoziert innerhalb Europas Probleme, während sich die Allianzen der Länder immer wieder verschieben, aber immer blutig bleiben.

Joaquin Phoenix und John Hollingworth in „Napoleon“ (© Sony Pictures)

Historische Fiktion im Dienste der Unterhaltung

Ridley Scott („Blade Runner“, „Der Marsianer“) begibt sich auf eine filmische Reise, die ebenso kühn wie ehrgeizig ist. Um es gleich vorwegzusagen: Sein „Napoleon“ ist keine getreue Wiedergabe der Legende, sondern ein bombastischer Unterhaltungsfilm, der den französischen Schlachtenlenker und Herrscher zur Hauptfigur macht. Deshalb ärgern sich die Franzosen über zahlreiche historische Ungenauigkeiten. Das fängt schon damit an, dass Regieveteran Scott französische Geschichte auf Englisch verfilmt – für jeden Franzosen per se ein Sakrileg. Und wenn Hauptdarsteller Joaquin Phoenix („Gladiator“) mit amerikanischem Akzent „Vive la France“ brüllt, rollen sich links des Rheins die Fußnägel auf.

Überhaupt ist Phoenix viel zu alt für die Rolle des Napoleon, außerdem war seine Frau Joséphine sechs Jahre älter als er, während ihre Darstellerin Vanessa Kirby („Mission: Impossible – Dead Reckoning Teil 1“) 14 Jahre jünger ist als Phoenix. Was für ein Kuddelmuddel! War Napoleon bei der Enthauptung Marie Antoinettes, die im Film als Ausgangspunkt seines Aufstiegs dargestellt wird, überhaupt anwesend? Nein! Hat er auf die Pyramiden schießen lassen? Nein. Hat Napoleon seine Truppen hoch zu Ross bravourös in die Schlacht geführt? Nein. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, aber das wäre sinnlos. Als Kinozuschauer muss man sich mit dieser historischen Fiktion abfinden. Im Dienste der Unterhaltung interpretiert Scott sehr frei und arrangiert Teile von Napoleons Leben neu. Er will sich nicht im Klein-Klein der Details verstricken, was Puristen auf die Palme bringt, aber auch mehr Lebendigkeit erzeugt.

Vanessa Kirby in „Napoleon“ (© Sony Pictures)

Geschichte im Schnelldurchgang

Ausgangspunkt für Scotts Adaption sind die zahlreichen Liebesbriefe, die Napoleon Bonaparte im Laufe der Jahre an seine geliebte Frau Joséphine geschrieben hat. Und das zieht sich wie ein roter Faden durch die Dramaturgie. Während die vielen wichtigen Stationen wie die Belagerung von Toulon (1793), der Ägyptenfeldzug (1798), der Staatsstreich (1799), die Kaiserkrönung (1804), die Schlacht bei Austerlitz (1805), der Russlandfeldzug (1812), Waterloo (1815) und das Exil (1814 + 1815 bis 1821) im Schweinsgalopp abgeklappert werden und erhebliche Lücken im historischen Kontext bleiben (die hoffentlich in der viereinhalbstündigen Fassung geschlossen werden), nimmt man die Meilensteine zur Kenntnis, ohne tief in die dahinter liegenden Motivationen und Feinheiten einzutauchen. Diese oberflächliche Erkundung hinterlässt beim Zuschauer das klassische Gefühl von Style over Substance – eine großartige Inszenierung von Schlachten und Kostümen anstelle eines tiefen Verständnisses der Epoche, die er beherrschte.

Napoleons Beziehung zu Kaiserin Joséphine definiert seinen Charakter

Vielmehr charakterisiert Scott seinen Napoleon über die Beziehung zu Joséphine – und zwar als das genaue Gegenteil eines großen Mannes. Er wird von einer tiefen Leidenschaft getrieben – für sich selbst, für Frankreich, für Joséphine und für den Krieg. Doch die Mittel sind wenig royal. „Napoleon“ erfasst die ungebändigte Intensität eines Mannes, der auf dem Weg zu unermesslichem Ruhm zur Legende wird, aber unaufhaltsam in den Abgrund stürzt. Scott gelingt es, das Pathos der Größe einzufangen, ohne die Kehrseite der Macht zu vernachlässigen. In einer fein austarierten Balance zwischen Imponiergehabe und Absurdität entwirft er ein antiheroisches Porträt des Militarismus, eine epische Geschichte über Macht, Obsession und die Ausbeutung der Menschlichkeit. Dem psychosexuellen Machtspiel zwischen Napoleon und Joséphine fügt Scott einen psychedelischen Humor hinzu.

Ästhetische Schlachten voller Klarheit und Opulenz

Der Regisseur inszeniert eine ästhetische Gewalt voller Klarheit und Opulenz. Er wird zum Erben der monumentalen Epen von David Lean, mit Anklängen an Kubrick. Die Kriege werden zu ästhetischen Meisterwerken, als verwandele Scott die Schlachten in eine gewaltige Choreographie des Todes – visuell wunderschön, aber extrem brutal. Doch dieser militärische Ruhm wird von einer düsteren Realität überschattet: Scott beendet den Film mit der Zahl der Toten, die Napoleon in seinen wichtigsten Schlachten produziert hat: rund drei Millionen in weniger als 20 Jahren! Der Filmemacher zeichnet den Herrscher nicht als Nationalhelden, sondern als wankelmütigen Psychopathen, der für seinen militärischen Erfolg den Verlust von Menschenleben en masse in Kauf nimmt.

Joaquin Phoenix in „Napoleon“ (© Sony Pictures)

Joaquin Phoenix spielt das herausragend ambivalent. Er produziert keinerlei Sympathie für seinen Napoleon und doch schaut man dem Oscarpreisträger fasziniert in seinem Treiben zu – ebenso wie Vanessa Kirby als Joséphine, die Napoleon anfangs unterschätzt, dann emotional beherrscht und anschließend zwischen den Fronten der Machtkämpfe zerrieben wird. Phoenix verkörpert den Kaiser als militärisches Genie mit einer Vorliebe für Extravaganz. Sein Napoleon ist nicht nur ein Kommandeur, sondern auch ein Salonlöwe. Scott inszeniert Napoleon und Joséphine als Burton und Taylor ihrer Ära – ein Power-Couple, verschlungen von Leidenschaft und Verzweiflung. Kirbys Darstellung der pragmatisch sinnlichen Joséphine fügt dieser turbulenten Beziehung eine lebendige Dynamik hinzu.

Fazit: Ridley Scotts großkalibriges Historien-Drama „Napoleon” ist das epische Spektakel eines überdimensionierten Egos. Technisch beeindruckend, mit starken schauspielerischen Leistungen, leidet die „nur“ zweieinhalbstündige Kinofassung unter narrativen Mängeln und Ellipsen, die in dieser Form ein Meisterwerk verhindern. Bei der Fülle des Stoffes fehlt die Zeit, um eine komplexere Geschichte zu erzählen, die politische Dimension bleibt unterbelichtet.

Deutscher Kinostart von „Napoleon“: 23. November 2023

Wertung3,5 / 5
Produktionsland

USA/Großbritannien 2023

Cast & Crew

Joaquin Phoenix

Napoleon Bonaparte

Vanessa Kirby

Kaiserin Joséphine

Ludivine Sagnier

Theresa Cabarrus

Tahar Rahim

Paul Barras

Ian McNeice

König Ludwig XVIII.

John Hollingworth

Marschall Ney

Youssef Kerkour

Marschall Davout

Jannis Niewöhner

Hippolyte Charles

Matthew Needham

Lucien Bonaparte

Edouard Philipponnat

Zar Alexander I.

Erin Ainsworth

Königin Hortense de Beauharnais

Ben Miles

General Armand de Caulaincourt

Phil Cornwell

Henker Charles Henri Sanson

Rupert Everett

Feldmarschall Arthur Wellesley

Paul Rhys

Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord

Catherine Walker

Königin Marie-Antoinette von Österreich-Lothringen

Gavin Spokes

Offizier Jean-François Moulin

Mark Bonnar

Adjutant Jean Andoche Junot

Anna Mawn

Marie-Louise von Österreich

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