Music

2023108 minab 12,

Ein kraftvolles Filmerlebnis, das seinem Publikum viel abverlangt – und die Mutigen belohnt

An Angela Schanelec scheiden sich die Geister – für die einen ist die studierte Germanistin und Theaterwissenschaftlerin eine Gralshüterin des Arthouse-Kinos, andere finden einfach keinen Zugang zu ihren oft sperrigen und verklausulierten Werken. Was die Regisseurin der „Berliner Schule“ so unverwechselbar macht, sind vor allem ihre markanten Stilelemente und Themen, die sich durch jedes ihrer Werke ziehen. Schanelec ist bekannt für ihre poetische Erzählweise, ihre präzisen und einfühlsamen Dialoge und ihre Fähigkeit, komplexe Emotionen und Beziehungen subtil darzustellen. Das gilt natürlich umso mehr für ihr ödipales Drama „Music“. Hier treibt die Auteurin ihren Minimalismus auf die Spitze. Man muss sich auf diese kryptische griechische Tragödie einlassen, die über die Zeit ihren Weg ins heutige Berlin findet, sonst ist man als Zuschauer hoffnungslos verloren.

In einer stürmischen Nacht in den 1980er Jahren in den griechischen Bergen geboren, muss der kleine Ion hart um seinen Start ins Leben kämpfen. Er wird ausgesetzt, von Bergbauern gerettet und adoptiert. Als junger Mann (jetzt: Aliocha Schneider) bringt ihn ein tragischer Unfall ins Gefängnis, wo er sich in die Wärterin Iro (Agathe Bonitzer) verliebt, später mit ihr in Freiheit lebt und Kinder bekommt – bis eine Tragödie die Familie erschüttert und es Ion nach Berlin verschlägt.

Ungewöhnliche Erzählstruktur

Einer der auffälligsten Aspekte von „Music“ ist seine Struktur. Das Drama besteht aus nur 160 Einstellungen, von denen jede sorgfältig ausgearbeitet und arrangiert wurde, um ein Gefühl von Spannung und emotionaler Resonanz zu erzeugen. Diese absolut minimalistische Herangehensweise an das Filmemachen ist nicht nur eine stilistische Entscheidung, sondern auch ein bewusster Versuch, eine eindringliche Erfahrung für den Zuschauer zu schaffen. Durch die Beschränkung auf diese ultralangen Einstellungen und die Zeit, die sich Schanelec nimmt, um jede einzelne im Detail zu erkunden, schafft die Regisseurin ein Gefühl der Intimität und Verbundenheit mit ihren Figuren, das in dieser extremen Form im zeitgenössischen Kino selten zu finden ist.

Aliocha Schneider (rechts) in „Music“ (© Grandfilm)

Ein Film mit vielen Leerstellen

In „Music“ ist alles ruhig und entschleunigt, oft aus der Distanz beobachtet. Das Rauschen des Meeres, dösende Männer – das ist Angela Schanelec. Diese stillen Momente prägen die Atmosphäre in der trockenen Sommerhitze Griechenlands. Die Figuren kommunizieren nicht über Dialoge, sondern über Stimmungen. Doch die starren Einstellungen zerren manchmal an den Nerven. Schanelec zeigt, was passiert, wenn dem Kino die Sprache genommen wird. Der Zuschauer muss sich auf die Bilder konzentrieren und versuchen, die Bedeutung hinter den Gesten und Handlungen der Figuren zu erkennen. Das macht „Music“ mit seiner Langsamkeit und seinen spärlichen, spröden Dialogen zu einer Erkundung der menschlichen Erfahrung. „Music“ ist ein Film mit bewusst vielen Leerstellen – getrieben bis an den Rand der Unverständlichkeit. Die Regisseurin provoziert den Zuschauer und zwingt ihn, seine Vorstellungen von Erzählstruktur und Figurenentwicklung zu überdenken, sich auf die Bilder zu konzentrieren und sich auf die kargen Handlungen der Figuren einzulassen.

Schanelec fordert ihr Publikum extrem

„Music“ ist einerseits ein faszinierendes und nachdenklich stimmendes Stück Kino, das dem Publikum viel – wenn nicht alles – abverlangt. Ein Film, der stark polarisiert. Den Ödipus-Mythos, der Schanelecs Film schon vor der Berlinale, wo er im Wettbewerb lief, umwehte, muss man auf der Leinwand mit der Lupe suchen. Gut, die wunden Füße Ions bei einem Ausflug mit Freunden als junger Mann und zwei, drei weitere dezente Andeutungen geben Hinweise, aber offensichtlich und greifbar ist bei Schanelec zunächst nichts – bis auf eine einzige Szene (für Fußballkenner): Da läuft auf der Tonspur das WM-Halbfinale 2006 Deutschland gegen Italien, was irgendwie auch einer griechischen Tragödie entspricht, als das deutsche Sommermärchen in der 118. und 120. Minute unter größten Emotionen implodiert. Der Film ist hier also am 4. Juli 2006 angesiedelt. Viel mehr Konkretes gibt es nicht zu sehen, am Ende noch ein Lastenrad im Gegenwarts-Berlin. Das war’s.

„Music“ (© Grandfilm)

Die Musik als Rettung der Seele

Und dann ist da noch das Titelmotiv der Musik – denn das ist Irons Anker, der ihm im Gefängnis Trost spendet und später hilft, als er eines Tages zu erblinden droht. Er rettet sich in die reine Schönheit der Musik: Monteverdi, Bach und Pergolesi vom Kassettenrekorder im Gefängnis, später Vivaldi, Songs des Liedermachers Doug Tielli und mehr – ergänzt durch die wunderbare Singstimme von Aliocha Schneider, die er gegen Ende in seiner Berliner Zeit einsetzt.

Fazit: „Music“ ist ein Werk, das seinem Publikum alles abverlangt – Angela Schanelec zeigt minimalistisches Filmemachen, garniert mit Leerstellen, die als aktive Aufforderung an das Publikum zu sehen sind, sich selbst Gedanken zu machen. Wer Geduld und Offenheit mitbringt und bereit ist, Zeit und Aufmerksamkeit zu investieren, wird mit einem bewegenden und kraftvollen Filmerlebnis belohnt.

Deutscher Kinostart von „Music“: 4. Mai 2023. Wir haben den Film bei der Berlinale 2023 gesehen.

Wertung3,5 / 5
Produktionsland

Deutschland/Frankreich/Griechenland/Serbien 2023

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