Maestro

2023129 minab 12, ,

Visuell und schauspielerisch brillantes, aber inhaltlich falsch gewichtetes Biopic über Leonard Bernstein

Einst sollte Martin Scorsese das schon länger in Hollywood kursierende Musiker-Biopic „Maestro“ inszenieren, doch der Altmeister zog es vor, „The Irishman“ (2019) zu realisieren, und auch Steven Spielberg, dessen Amblin Entertainment einen Teil der Rechte an der Lebensgeschichte des legendären Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein hält, verzichtete auf die Verantwortung und setzte stattdessen auf die Neuverfilmung der „West Side Story“ (2021). Als Hauptdarsteller hatte Spielberg bereits Bradley Cooper verpflichtet. Der Schauspieler, der 2018 mit „A Star Is Born“ ein erfolgreiches und emotional überwältigendes Debüt hinter der Kamera gegeben hatte, übernahm dann letztendlich auch die Regie. So mitreißend wie sein Erstling ist „Maestro“ aber nicht. Cooper selbst liefert in der Titelrolle ebenso wie sein Co-Star Carey Mulligan eine starke Leistung ab, inszenatorisch verliert der Regisseur jedoch mit der Zeit etwas den erzählerischen Faden. Eine stärkere Fokussierung auf den musikalischen Werdegang des Ausnahmekünstlers hätte „Maestro“ gutgetan. Stattdessen versucht Cooper die komplexe Persönlichkeit Bernsteins, geprägt von Leidenschaften, Ehe, Untreue und unterdrückter Homosexualität, in einem beeindruckenden ästhetischen Manifest einzufangen und konzentriert sich dabei zu sehr auf das häusliche Drama.

New York, 1943: Völlig unerwartet schlägt die große Stunde des jungen Dirigenten Leonard Bernstein (Bradley Cooper). Weil der Chefdirigent Bruno Walter kurzfristig erkrankt, muss der 25-Jährige spontan für ein im Fernsehen übertragenes Konzert der New Yorker Philharmoniker einspringen. Sein Auftritt wird zum Triumph und zum Beginn einer großen Karriere. Doch Bernstein beschränkt sich nicht aufs Dirigieren, er komponiert erfolgreich und schreibt Musicals. Während er zwangslose Affären mit jungen Männern hat, lernt Bernstein 1946 die chilenische Schauspielerin Felicia Montealegre (Carey Mulligan) kennen. Fünf Jahre später heiraten die beiden. Sie bekommen drei Kinder. Doch Bernsteins außereheliche homosexuelle Beziehungen überschatten immer wieder die Ehe. Dennoch bleiben die beiden verheiratet und versuchen, das öffentliche Getuschel von den Kindern fernzuhalten.

Bradley Cooper und Carey Mulligan in „Maestro“ (© Netflix)

„Maestro“ lässt die Massen beim Streamingdienst kalt

Wenn sich große Hollywoodstars zu einem Ausritt in die Niederungen der führenden Streamingdienste überreden lassen, ist das in der Regel für beide Seiten ein gutes Geschäft. Kein Filmstudio der Welt hätte Martin Scorsese (für „Killers Of The Flower Moon“) oder Ridley Scott (für „Napoleon“) für eine reine Kinoauswertung jeweils 200 Millionen Dollar in die Hand gedrückt, um ihre persönlichen Visionen zu verwirklichen. Neben dem Kino dienen die beiden Epen auch als schmucke Werbevehikel für einen Streaming-Anbieter, in diesem Fall für Apple+. Und auch Netflix hat mit dieser Praxis gute Erfahrungen gemacht. Da stört es auch nicht, dass aktuell der öde „Star Wars“-Klon „Rebel Moon“ cineastisch ein Rohrkrepierer ist, die Abrufzahlen sind trotzdem sehr gut! Nur bei Bradley Coopers „Maestro“ geht die Rechnung nicht auf, das 80 Millionen Dollar teure Biopic-Drama konnte sich in keinem Land an der Spitze der Netflix-Charts platzieren und verschwand auch schnell wieder aus den Top 10.

Kunstvollem Oscar-Bait fehlt die Intensität

Möglicherweise ist „Maestro“ einfach zu streng als klassisches Oscar-Bait konzipiert. Jede Faser dieses Films schreit danach, in der Award Season eine Rolle spielen zu wollen. Cooper experimentiert visuell mit unterschiedlichen Formaten, von Schwarzweiß bis Farbe, und mit verschiedenen Ansätzen der Bildkomposition. Leider kann das Drehbuch diesen intelligenten Ideen nicht folgen. Die Geschichte bleibt oft oberflächlich, ohne eine tiefere Definition der Charaktere und ihrer Widersprüche zu bieten. Die Form steht über dem Inhalt, was dazu führt, dass „Maestro“ trotz seiner brillanten Oberfläche nicht allzu lange im Gedächtnis bleibt. Es fehlt die Intensität und Energie, die Coopers emotional mitreißenden „A Star Is Born“ so auszeichnete (oder auch in Todd Fields ähnlich angelegtem Meisterwerk „Tár“ mit Cate Blanchett als Meisterdirigentin zu finden ist).

Bradley Cooper in „Maestro“ (© Netflix)

Konzentration auf mehr Musik hätte „Maestro“ gutgetan

Vielleicht liegt der Mangel an Verbindung zwischen Publikum und Film daran, dass einem Leonard Bernstein als genialer Künstler in „Maestro“ seltsam fern bleibt. Exemplarisch dafür ist die ansonsten herrlich turbulent inszenierte Eröffnungsanekdote über Bernsteins Durchbruch in New York. Am Ende der Sequenz beginnt der Schauspieler Bradley Cooper („Dungeons & Dragons“) voller Inbrunst zu dirigieren, doch der Regisseur Bradley Cooper bremst seinen Titelhelden nach wenigen Augenblicken aus und blendet ab. Gerade an dieser Stelle hätte man gerne mehr gesehen und gehört … und wartet dann auf das „Mehr“. Doch das bekommt man als Zuschauer nur selten. Der musikalische Aspekt ist in „Maestro“ stark unterrepräsentiert. Stattdessen servieren Cooper und sein Co-Drehbuchautor Josh Singer („Die Verlegerin“, „Spotlight“) viel Ehedrama und persönlichen Narzissmus des notorischen Kettenrauchers. Der Film verliert sich in stilistischen Kapriolen, die zwar visuell reizvoll sind, aber die Substanz der Geschichte nicht unterstützen. So entsteht trotz visueller Brillanz und elegant-künstlerischer Inszenierung ein Problem der erzählerischen Gewichtung.

Überragende Leistungen von Bradley Cooper und Carey Mulligan

Schauspielerisch ist „Maestro“ exzellent.  Sowohl Cooper als auch Carey Mulligan („She Said“) sind herausragend, verleihen ihren Charakteren Tiefe und Authentizität. Ihre Leinwandchemie garantiert ihnen verdiente Oscar-Nominierungen. Cooper wird durch aufwendige Masken- und Prothesenarbeit zu einem überzeugenden Bernstein. Mulligan hingegen verleiht Felicia eine Mischung aus romantischer Verletzlichkeit und starker existenzieller Entschlossenheit. Dennoch stößt „Maestro“ an seine Grenzen, wenn es darum geht, die gegensätzlichen Facetten Bernsteins – den liebenden Familienmenschen und den emanzipierten Homosexuellen, den renommierten Komponisten „großer Musik“ und die Popkultur-Ikone – zu vereinen. Das Drehbuch von Singer und Cooper neigt dazu, die Emotionen der Charaktere zu erklären, anstatt sie organisch zu zeigen. Die Ambitionen des Films, ein visuelles und emotionales Spektakel zu schaffen, geraten manchmal ins Wanken, da der Film zwischen Festivalkino und melodramatischem Kabelfernsehen zu schwanken scheint.

Fazit: „Maestro“ ist ein guter Film und mag als visuelles Erlebnis faszinieren, aber Bradley Coopers Biopic-Drama fehlt die emotionale Tiefe, um nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Gerne hätte man mehr vom Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein gesehen. Nach einem mitreißenden Auftakt zerfasert die Erzählstruktur, in der sich die Musik nur selten gegen das Ehedrama durchsetzen kann.

Streaming: „Maestro“ ist seit dem 20. Dezember 2023 im Abo auf Netflix abrufbar.

Wertung3,5 / 5
Produktionsland

USA 2023

Cast & Crew

Bradley Cooper

Leonard Bernstein

Carey Mulligan

Felicia Montealegre

Maya Hawke

Jamie Bernstein

Matt Bomer

David Oppenheim

Vincenzo Amato

Bruno Zirato

Miriam Shor

Cynthia O’Neal

Sarah Silverman

Shirley Bernstein

Michael Urie

Jerome Robbins

Brian Klugman

Aaron Copland

Nick Blaemire

Adolph Green

Mallory Portnoy

Betty Comden

Gideon Glick

Tommy Cothran

Sam Nivola

Alexander Bernstein

Josh Hamilton

John Gruen

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