M3GAN

2023102 minab 16, ,

Komisch-boshafter Horror-Thriller als „Chucky“-Upgrade für die TikTok-Generation

Ende der 1990er Jahre eroberten elektronische Spielzeuge die Welt, mit denen Kindern eine persönliche Verbindung aufbauen konnten. Man musste die Tamagotchis füttern, damit sie nicht verendeten oder konnte mit den sprechenden Furbys knuddeln. Das technische Niveau war niedrig, was dem Absatz dieser damals revolutionären Kinderspielzeuge aber keinen Abbruch tat. Aus heutiger Sicht wirken die elektronischen Gefährten wie aus der digitalen Steinzeit – ganz besonders, wenn man „Saw“-Schöfer James Wan an den Stoff lässt. Seine launige Horror-Satire „M3GAN“ ist ein krasses Upgrade für die „Chucky – Die Mörderpuppe“-Horrorreihe, dessen Geist er aufnimmt. Das verbindet der Autor und Produzent mit dem Furby-Trend von einst. Dabei ist der Bodycount von „M3GAN“ überschaubar niedrig, die titelgebende High-Tech-Puppe M3GAN (Model 3 Generative Android) glänzt vielmehr als garstige campy Göre und ist eindeutig das Originellste an dem sonst erstaunlich konventionellen Horrorfilm.

Als die neunjährige Cady James (Violet McGraw) bei einem schrecklichen Verkehrsunfall auf dem Weg in die Skiferien ihre Eltern Ryan (Arlo Green) und Nicole (Chelsie Preston Clayford) verliert, muss in Seattle ihre Tante Gemma (Allison Williams) als Erziehungsberechtigte einspringen – obwohl es derzeit überhaupt nicht in den Lebensplan der Spiele- und Roboterentwicklerin passt. Bei der Arbeit in dem Technologieunternehmen Funki steht sie unter Druck, für ihren ungeduldigen Boss David Lin (Ronny Chieng) ein Produktupdate abzuliefern. Mit ihren Kollegen Tess (Jen Van Epps) und Cole (Brian Jordan Alvarez) werkelt Gemma jedoch heimlich an der Entwicklung eines Roboterprototypen: an M3GAN (Amie Donald, Stimme: Jenna Davis)! Die hochtechnologisierte Androiden-Puppe soll die beste Freundin von Kindern werden. Nach anfänglichen Problemen zwischen der in der Erziehung unerfahrenen Gemma und der traumatisierten Cady knüpft das Mädchen stattdessen eine innige Verbindung zu M3GAN. Gemmas Chef David wittert das Geschäft des Jahrhunderts und treibt plötzlich die Produktion mit Riesenschritten voran. Doch der Prototyp hat seine Macken. M3GAN lernt selbstständig aus ihren Erfahrungen und wird immer schlauer. Ihr primäres Ziel ist es, Cady zu beschützen, was sie mit tödlichem Ernst verfolgt.

Amie Donald und Violet McGraw in „M3GAN“ (© Universal Pictures)

„Saw“-Schöpfer James Wan startet ein neues Franchise

Seinen großen Durchbruch feierte Regisseur James Wan mit dem brutal-fiesen Low-Budget-Schocker „Saw“ – dem der Australier mehrere Fortsetzungen folgen ließ und sich als starke Marke im Horrorgenre etablierte. „Insidious“, „Annabelle“ und „Conjuring” wurden ebenso zu Kino-Reihen, bei denen Wan als Regisseur, Autor oder Produzent beteiligt war. Weil Warner Bros. neben „Annabelle“ kein weiteres Franchise mit Wan starten wollte, wandte sich der „Fast & Furious 7“-Regisseur an Jason Blum und seine Horrorfließbandschmiede Blumhouse Productions, wo „M3GAN“ für nur zwölf Millionen Dollar Produktionskosten vom Stapel lief. Er produzierte und schrieb gemeinsam mit Akela Cooper („Malignant“) das Drehbuch. Die Regie überließ er Gerard Johnstone („Housebound“).

Blutfest fällt mit Blick auf die junge Zielgruppe aus

Ursprünglich war der Film wesentlich härter konzipiert, aber als die Produzenten merkten, wie gut die ersten Bewegtbilder auf TikTok bei den jungen Leuten ankamen, fuhren sie das Gewaltlevel im Schnitt und mithilfe einiger nachgedrehter Szenen auf eine PG-13-Freigabe in Nordamerika runter. Das verschiebt den Fokus etwas, weil „M3GAN“ kein krasses Gorefest mehr ist, die Gewaltspitzen sind rar und nicht allzu blutig. Die Anlehnung an das große Vorbild „Chucky – Die Mörderpuppe“ ist dennoch allgegenwärtig, auch wenn M3GAN einige Generationen später viel smarter ist. Dazu streut Johnstone immer wieder kleine popkulturelle Referenzen ein, da singt M3GAN dann Cady auch mal David Guettas und Sias Hit „Titanium“ als Schlaflied vor. So entwickelt „M3GAN“ einen ganz eigenen Stil.

M3GAN ist das Beste an „M3GAN“

Am beunruhigendsten ist die Wirkung des Films, wenn die unheilvolle Atmosphäre greift – also immer dann, wenn M3GAN die Bühne betritt. Sie reift zu einer eigenen Persönlichkeit und ist nicht bereit, Kompromisse zu machen. Hier ist „M3GAN“ am besten, wenn Regisseur Johnstone seine Titelfigur von der Leine lässt. Da ärgert ein fies-unerzogener Junge (Jack Cassidy) Cady bei einem Ausflug, was ihn zunächst nur sein linkes Ohr kostet, aber längst nicht das Ende ist. Oder es attackiert das Mädchen ein aggressiver Kläffer durch den Nachbarszaun, was einen ebenso unfeinen Ausgang nimmt. Die intelligente M3GAN reagiert auf ihre Umwelt und schafft sich ihre eigenen Regeln. Das ist wunderbar campy und creepy zugleich. Wer will, kann den Film auch als soften Kommentar auf die Technikgläubig- und Abhängigkeit von Eltern sehen, die Erziehungsaufgaben outsourcen wollen. Für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema ist „M3GAN“ zu oberflächlich, aber als netter Seitenhieb funktioniert dieser Einschub schon.

Jen Van Epps, Brian Jordan Alvarez und Allison Williams in „M3GAN“ (© Universal Pictures)

Schwache Figurenzeichnung, hölzerne Klischeestory

Die große Schwachpunkte von „M3GAN“ sind die absolut vorhersehbare Story und die holzschnittartigen Nebenfiguren. Ist die Beziehung von Gemma und Cady zwar nicht wirklich originell, werden die Charaktere aber immerhin von „Girls“-Star Allison Williams („Get Out“) als moderne Doktor Frankenstein und der jungen Violet McGraw („Black Widow“) mit Leben gefüllt. Man fühlt mit beiden mit. Aber der Rest des Ensembles kämpft gegen müde Klischees in der Figurenzeichnung an – an vorderster Stelle Gemmas bescheuert-geldgieriger Chef David oder auch ihr Kollege Kurt (Stephane Garneau-Monten) als menschliche Schmeißfliege. Nichts passiert hier überraschend. Deshalb leidet man auch nicht mit, wenn jemand über den Jordan geht, das sorgt eher für perfide amüsante Szenen, weil niemand den Knallchargen hinterhertrauert. Es ist bezeichnend, dass die berührendste Szene des Films ausgerechnet die unfreundliche Nachbarin Celia (Lori Dungey) betrifft, die flehend-leidend ihren geliebten Hund ruft, der unangenehmen Feindkontakt mit M3GAN hatte.   

Fazit: So toll die Titelfigur M3GAN auch ist, so wenig Mühe haben sich die Autoren James Wan und Akela Cooper mit ihrem Regisseur Gerard Johnstone bei der Story und vielen Nebenfiguren gegeben. Deshalb überzeugt der boshaft-komische Horror-Thriller „M3GAN“ mehr als garstig-schräge Satire mit Camp-Faktor – weniger als stark erzählte Mär, die an die Nieren geht. Wenn hier jemand draufgeht, ist das absurd-lustig und nicht tragisch.

Deutscher Kinostart von „M3GAN“: 12. Januar 2023.

Seit 30. März 2023 auf Blu-ray & DVD erhältlich.

Wertung3 / 5
Produktionsland

USA 2023

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