Lift

2024105 minab 12, ,

Ein lauer Heist-Höhenflug mit viel Luft nach oben

Netflix ist für die Filmindustrie Fluch und Segen zugleich. Der Streaminggigant ist ein Geschenk für große Regisseure – für Martin Scorsese, der sein mega-teures Herzensprojekt „The Irishman“ finanziert bekam, was kein Studio der Welt gemacht hätte. Für David Fincher, der „Mank“ und „The Killer“ realisieren konnte, oder für Alfonso Cuarón, der sich mit „Roma“ einen Jugendtraum erfüllte. Alles großartige Filme, die eine Bereicherung für Cineasten sind. Aber es gibt auch die böse Seite von Netflix, die viel Talent verschleudert und in seelen- und belanglosen Blockbuster-Produktionen wie „Red Notice“, „The Grey Man“ oder „6 Underground“ unter Wert verkauft. F. Gary Grays „Lift“ gehört eindeutig in die letztgenannte Kategorie. Für 100 Millionen Dollar kurbelte der für „Straight Outta Compton“ zurecht gefeierte Regisseur einen generischen Heist-Action-Thriller mit passablen Stars, die gegen supermieses CGI und eine hanebüchene Story ankämpfen, herunter – ein Möchtegern-„Ocean’s-Eleven“ ohne einen Funken Kreativität.

Meisterdieb Cyrus Whitaker (Kevin Hart) hat sein Team, bestehend aus Pilotin Camilla (Úrsula Corberó), Verkleidungskünstler Denton (Vincent D‘Onofrio), Hackerin Mi-Sun (Yun Jee Kim), Safeknacker Magnus (Billy Magnussen) und Techniker Luc (Viveik Kalra), in Venedig für einen neuen spektakulären Coup zusammengetrommelt. Bei einer Auktion ersteigern sie für 20 Millionen Dollar das NFT-Kunstwerk des berühmten Künstlers N8 (Jacob Batalon) und entführen den Schöpfer kurzerhand – vor den Augen von Interpol-Agentin Abby Gladwell (Gugu Mbatha-Raw) und ihren Kollegen. Durch die mediale Aufmerksamkeit steigt der Wert des Kunstwerks über Nacht – Cyrus‘ Crew verkauft es für 89 Millionen Dollar und lässt N8 laufen. Die Gerissenheit der Bande ruft Interpol auf den Plan. Commander Dennis Huxley (Sam Worthington) will Cyrus für einen aufsehenerregenden Coup anheuern: Der zwielichtige Milliardär Lars Jorgenson (Jean Réno) will per Linienmaschine Goldbarren im Wert von 500 Millionen Dollar von London nach Zürich verlegen. Damit sollen Terrororganisationen finanziert werden, um mit Anschlägen an der Börse gigantische Gewinne zu erzielen. Agentin Gladwell, eine ehemalige Freundin von Cyrus, stellt den Kontakt zu dem Star-Dieb her. Als Köder wird ihm Straferlass für alle seine Verbrechen versprochen. Doch Cyrus besteht darauf, dass Gladwell Teil seines Heist-Teams wird. Der Plan: Das Team will den Flugzeugtransport in 12.000 Metern Höhe mit einem zweiten Flugzeug angreifen und ausrauben.

Gugu Mbatha-Raw und Kevin Hart in „Lift“ (© Netflix)

Standardklischees auf Hochglanz poliert

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es Produzent Netflix letztlich egal zu sein scheint, was die beauftragten Filmemacher am Ende abliefern – Hauptsache, es kracht. Und so brummt auch „Lift“ auf der Plattform – knapp 33 Millionen Aufrufe allein in der ersten Woche. Dabei ist der Netflix-Nummer-1-Hit vor allem eines: unglaublich vorhersehbar – in fast jeder der hochglänzenden Szenen bedient sich Regisseur F. Gary Gray („Fast & Furious 8“) Klischees und Blaupausen, die man schon zu oft gesehen hat. Das macht „Lift“ dort langweilig, wo der Film eigentlich raffiniert sein sollte. Immerhin versprüht das Hauptdarstellerduo Gugu Mbatha-Raw („Dido Elizabeth Belle“) und Kevin Hart („Central Intelligence“) eine gewisse Dynamik und auch die Chemie zwischen den beiden stimmt. Das Charmanteste an „Lift“ ist die unterschwellige Bewunderung und Liebe, die Meisterdieb Cyrus immer noch für seine Ex hegt. Hart fährt sein Kasper-Niveau angenehm zurück und überzeugt durch Zurückhaltung, während Mbatha-Raw als sympathisch-toughe Identifikationsfigur funktioniert.

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Schwaches Drehbuch

Leider lässt das Drehbuch von Daniel Kunka („Zwölf Runden“) das Ensemble im Stich. Der Actioner verliert sich in einer Masse von Klischees, ohne sich hervorzuheben oder sich vom Durchschnitt abzuheben. Die Einflüsse anderer Räuberfilme sind so offensichtlich, dass man sich fragt, ob es sich um einen Originalfilm handelt oder nur um einen Remix von irgendetwas. Die Charaktere sind größtenteils recycelte Archetypen des Genres ohne wirkliche Tiefe. Während der Anfang mit dem Venedig-Coup noch als recht lässiger und eleganter Heist durchgeht, wird es danach hoch über den Wolken allzu turbulent und holprig. Dabei stört nicht einmal die Absurdität des Ganzen, sondern das lahme Arrangement der Hindernisse, die den Helden in den Weg gestellt werden. Da entpuppt sich der klischeehaft böse Vorgesetzte Huxley als Boss aus der Hölle, wenn er seine eigene Agentin von Nato-Kampfjets abschießen lassen will (ohne dass das logisch Sinn macht), und noch hanebüchener ist die Gegenreaktion: Als von Bord der von Terroristen gekaperten Maschine gemeldet wird, dass sich Zivilisten an Bord befinden, ziehen die Jetpiloten guten Glaubens ab.

Kevin Hart, Vincent D’Onofrio, Úrsula Corberó, Billy Magnussen, Yun Jee Kim, Viveik Kalra und Gugu Mbatha-Raw „Lift“ (© Netflix)

Außerdem fragt man sich ernsthaft, wohin das stattliche Budget von 100 Millionen Dollar geflossen ist. Sicherlich nicht in die CGI-Effekte – denn die sind für einen Film dieser Preisklasse ausgesprochen schlecht. Die Greenscreen-Aufnahmen der Landschaften sind da noch das kleinere Übel, aber schlimm wird es, wenn Flugzeuge bruchlanden wollen. Das wähnt man sich in einer 90er-Jahre-Computersimulation.

Fazit: Trotz großer Budgets, spielfreudiger Stars und krasser Raubeskapaden gelingt es Regisseur F. Gary Gray in seinem Heist-Thriller nicht, sich auch nur ansatzweise vom Genre zu differenzieren. Und so ist „Lift“ ein unorigineller Netflix-Blockbuster auf Autopilot. Die Umsetzung der spannenden Prämisse bleibt leider hinter den Erwartungen zurück.

Streaming: „Lift“ ist seit dem 12. Januar 2024 im Abo bei Netflix abrufbar.

Wertung2 / 5
Produktionsland

USA 2024

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