Girl You Know It’s True

2023124 minab 12, ,

Der größte Skandal der Musikgeschichte als launige Comedy-Satire

Es war vielleicht der größte Skandal, den das Musikgeschäft je hervorgebracht hat. Niemand stieg in so kurzer Zeit so hoch wie Milli Vanilli und niemand fiel quasi über Nacht so tief wie die Dance-Pop-Band, die von München aus die Welt eroberte. Regisseur Simon Verhoeven rollt dieses tragische Kapitel der Musikgeschichte nun in „Girl You Know It’s True“ als launig-satirische Komödie mit reichlich Seitenhieben auf das Biz auf. Trotz einiger kleiner Mängel macht das Biopic über Rob Pilatus und Fab Morvan viel Spaß, weil Mainstream-Spezialist Verhoeven in seinem bisher besten Film fast immer den richtigen Erzählton trifft und seine Satire extrem gut ausbalanciert, was angesichts der Tragik der Ereignisse und des Drogentods von Pilatus sicher nicht einfach ist. Zum Vergnügen trägt auch Matthias Schweighöfer in einer Nebenrolle als berühmt-berüchtigter Musikproduzent und Strippenzieher Frank Farian bei – denn Schweighöfer ist mit seinen cholerischen Tiraden der gar nicht so heimliche Star des Films.

Der im Kindesalter adoptierte Robert Pilatus (jung: Romeo Guy Da Silva, alt: Tijan Njie) wächst in München in provinziell-bürgerlichen Verhältnissen bei seinen Adoptiveltern Karl (Thomas Bading) und Anna (Ulrike Arnold) auf. Als Robert sich Ende der 1980er Jahre ganz der Musik und vor allem dem Tanz widmen will, verdammt ihn sein konservativer Vater und er schlägt sich mit Tanzjobs durch. Bei einer TV-Produktion der Musiksendung „Formel 1“ lernt Rob, wie er sich nun nennt, den französischen Tänzer Fabrice „Fab“ Morvan (Elan Ben Ali) kennen. Die beiden avancieren in der Münchner Tanzszene zu lokalen Stars, bis sie von der Musikmanagerin Ingrid „Milli“ Segieth (Bella Dayne) entdeckt und ihrem Freund und Chef Frank Farian (Matthias Schweighöfer) vorgestellt werden. Der Musikproduzent, der mit Boney M. Welterfolge feierte, will Rob und Fab groß rausbringen. Der Haken: Die beiden können zwar toll tanzen und performen, aber nicht gut genug singen. Deshalb nimmt Farian ihre erste Single „Girl You Know It’s True“ mit den Stimmen von Brad Howell (David Mayonga) und John Davis (Samuel S. Franklin) auf. Die beiden können zwar wunderbar singen, sind aber als Stars nicht vorzeigbar. Die neu formierte Band heißt Milli Vanilli und wird auf Anhieb zur Sensation. Die amerikanische Plattenfirma Arista schnappt sich Milli Vanilli und verhilft ihnen zu mehreren Nummer-1-Hits in den USA. Farian passt diese Vereinnahmung gar nicht, er verliert von München aus die Kontrolle über sein „Produkt“. Inzwischen sind Rob und Fab zu Weltstars geworden und starten durch. Ihre Alkohol- und Drogeneskapaden werden von der Plattenfirma zunächst toleriert. Dass die beiden nicht selbst singen, ist in der Branche ein offenes Geheimnis, das immer schwerer vor der Öffentlichkeit zu verbergen ist.

Bella Dayne und Matthias Schweighöfer in „Girl You Know It’s True“ (© Leonine Studios)

Langes Schmoren in der Entwicklungshölle

Bereits seit 2007 gab es in Hollywood Versuche, den Milli-Vanilli-Skandal zu verfilmen. Doch ein Projekt nach dem anderen scheiterte. Auf deutscher Seite versuchte sich Florian Gallenberger („John Rabe“) an einer Adaption und jahrelang war Regisseur Brett Ratner („Rush Hour“, „Roter Drache“) ganz vorne mit dabei – bis ein Skandal um sexuelle Belästigung seine Karriere den Bach herunterspülte. Übrig blieb Simon Verhoeven, der das Biopic schließlich realisierte. Der Filmemacher hatte mit Zuschauererfolgen wie „Männerherzen“ und „Willkommen bei den Hartmanns“ sein Gespür für die breite Masse bewiesen. Dass ausgerechnet das Publikum bei „Girl You Know It’s True“ weitgehend zu Hause bleibt, ist bedauerlich – denn so gut wie hier war Verhoeven noch nie. Vielleicht ist auch einfach zu viel Zeit vergangen, denn die jüngere Generation scheint nicht mehr zu wissen, wer Milli Vanilli waren. Ihre kurze Karriere dauerte schließlich nur von 1988 bis 1990.

Auch interessant: Skandal-Verfilmung „Girl You Know It‘s True” enttäuscht in deutschen Kinos

Regisseur Verhoeven entscheidet sich Komödie statt Drama

Den heiklen Drahtseilakt, seiner Satire den richtigen Ton zu geben, meistert der Regisseur jedenfalls bravourös – mit kleinen Abzügen in der B-Note. Bei der Wahl des Genres beweist Verhoeven ein feines Gespür. Aus der tragischen Lebensgeschichte von Robert Pilatus und Fabrice Morvan hätte man leicht ein Biopic-Drama inszenieren können. Doch der Filmemacher sah offenbar das Comedy-Potenzial des Stoffes und scheute sich nicht, es zu nutzen. Wie zuletzt Craig Gillespie mit „Dumb Money“ (2023) oder Michael „Bully“ Herbig mit „Tausend Zeilen“ (2022) verfolgt er den Ansatz, tragische Ereignisse komödiantisch aufzubereiten, weil sie teilweise wirklich absurd sind. Den möglichen Vorwurf der Pietätlosigkeit – immerhin brachte der Skandal Pilatus nach Drogenexzessen unter die Erde – muss sich Verhoeven nicht gefallen lassen. Er zeichnet die beiden Performer zwar durchaus als Einfallspinsel, denen der ungewohnte Ruhm über Nacht völlig aus dem Ruder läuft, und doch transportiert er über die beiden Hauptdarsteller Tijan Njie („Alles was zählt“) und Elan Ben Ali („Sons Of Ramses“) viel Sympathie für Milli Vanilli – ob man ihre Musik nun mag oder nicht. Schadenfreude kommt beim Publikum nie auf.

Tijan Njie und Elan Ben Ali in „Girl You Know It’s True“ (© Leonine Studios)

Matthias Schweighöfer dreht endlich wieder auf

Sie werden zwar als Betrüger charakterisiert, sind aber eher unfreiwillig in diese unmögliche Situation geraten, während die Musikmanager in den USA und der Produzent Farian in München die Fäden zogen. Milli Vanilli sind in Film mehr Opfer als die bösen Täter, als die sie später vor allem in Amerika wahrgenommen wurden. Hier ist die Satire scharf. Den Amerikanern geht es nur ums Geld, nur ums Geschäft. Sie saugen Pilatus und Morvan aus wie Blutegel ihren Wirt. Doch das Mastermind hinter dem Spuk ist Frank Farian, der schon bei Boney M. den vermeintlichen Sänger Bobby Farrell nie singen, sondern nur die Lippen bewegen ließ. Farian ging es um das perfekte Endprodukt – und dafür setzte er alles ein, egal wie.

Mit Farian hat Verhoeven nicht nur seine spannendste, sondern auch seine spektakulärste Figur. Matthias Schweighöfer, der zuletzt schon in „Oppenheimer“, „Army Of Thieves“ und „Die Schwimmerinnen“ überzeugte, hat offenbar selbst genug von seinen seichten Komödien („Schlussmacher“, „Vaterfreuden“ oder „Der Nanny“) und darf endlich wieder zeigen, was er als Schauspieler draufhat. In „Girl You Know It’s True“ liefert Schweighöfer pures Comedy-Gold ab, obwohl er im Film gar nicht so präsent ist. Aber immer, wenn er auf der Leinwand ist, brennt der Baum, denn er zeigt Farian als musikalisches Mainstream-Genie, das genau weiß, wie man ein Musik-Produkt kreiert und vermarktet. Gleichzeitig ist er in seiner Provinzialität limitiert. Schweighöfers cholerische Tiraden gegen die Amateure, die Farian im Weg stehen, sind köstlich. Dabei reicht Verhoeven eine einzige kleine Szene, um Farian treffend zu charakterisieren. Am Anfang faltet er einen Violinisten zusammen, weil der bei Boney M’s „Daddy Cool“ einen prägnanten Akkord vergeigt und nicht präzise genug spielt. Und jeder hört, dass der Produzent recht hat.

Darlene Tejeiro und David Chevers in „Girl You Know It’s True“ (© Leonine Studios)

Erzählung durch die vierte Wand hemmt Spielfluss

„Girl You Know It’s True“ wird hauptsächlich von den Figuren Rob Pilatus und Fab Morvan erzählt (Farian meldet sich auch ab und zu), die sich – die vierte Wand durchbrechend – direkt und retrospektiv an das Publikum wenden. Der lockere Kommentarton passt gut zum Stil des Films, bremst den Erzählfluss aber immer mal wieder durch viele sehr explizite Erklärungen. Die Hintergründe hätten sich den Zuschauern sicherlich auch erschlossen, ohne mit der Nase darauf gestoßen zu werden. Fraglich ist auch, ob der kurze, wie ein Epilog angehängte Teil über den Drogentod von Rob Pilatus mehr als ein kurzes „Shit happens“-Achselzucken des Leinwand-Pilatus wert gewesen wäre. Nach mehreren Entzugsversuchen starb der Ex-Superstar 1998 im Alter von nur 33 Jahren an einer Überdosis Alkohol und Tabletten.

Fazit: Hervorragend ausgestattet und mit reichlich 80er- und 90er-Jahre-Vibes hat Regisseur Simon Verhoeven mit seiner biografischen Comedy-Satire „Girl You Know It’s True“ ein höchst unterhaltsames Guilty Pleasure geschaffen, das zwar wenig Tiefgang bietet, dafür aber jede Menge Spaß macht.

Deutscher Kinostart von „Girl You Know It’s True“: 21. Dezember 2023.

Wertung3,5 / 5
Produktionsland

Deutschland 2023

Cast & Crew

Tijan Njie

Robert „Rob“ Pilatus

Elan Ben Ali

Fabrice „Fab“ Morvan

Bella Dayne

Ingrid „Milli“ Segieth

Tijan Marei

Carmen Pilatus

Michael Maertens

Markus Klein

Ivy Quainoo

Julie Brown

David Chevers

Toms Sacks

Thomas Bading

Karl Pilatus

Ulrike Arnold

Anna Pilatus

David Mayonga

Brad Howell

Kommentar verfassen

There are no reviews yet.