Eastern Front

Ein intimer Einblick auf das Leben der Ukrainer während des Krieges

Kein Krieg war bisher medialer als der russische Angriffsfeldzug gegen die Ukraine – und doch ist es für Außenstehende schwer, den Überblick über Information, Desinformation und Propaganda zu behalten. Objektivität ist in einem so emotionalen Konflikt um Leben und Tod fast unmöglich. Vitaly Manskys und Yevhen Titarenkos Kriegsdokumentation „Eastern Front“ („Shidniy Front“) ist von Natur aus subjektiv, aber in der Schilderung so nüchtern und direkt, dass der Film einen besseren Einblick in den Krieg gibt als etwa Sean Penns cineastischer Ukraine-Rodeo-Ausflug „Superpower“, der weit mehr Staub aufwirbelt, aber weniger Substanz bietet. In „Eastern Front“ begleiten die Filmemacher ein Sanitätsbataillon im Ukrainekrieg und zeigen eindrucksvoll die Verhältnisse an den Rändern des Schlachtfelds.

Das Regieduo hat eine klare Aufgabenteilung. Während der Ukrainer Yevhen Titarenko („Familienbande“) aktiv als freiwilliger Sanitäter im Bataillon arbeitet und bei Gelegenheit filmt, spricht der in der Ukraine geborene Russe Vitaly Mansky den Kommentar. „Eastern Front“ beginnt mit einer beeindruckenden Eröffnungssequenz, in der die Sanitätstruppe in ihrem Krankenwagen um das Leben eines schwer verletzten Soldaten kämpft, dabei auf dem Weg ins Hospital Straßensperren umfährt und über Huggel donnert, die dem fragilen Patienten zu schaffen machen. Das hat eine Dynamik, der man sich nicht entziehen kann und die einen guten Eindruck davon vermittelt, unter welchen Bedingungen die Menschen hier im Einsatz sind. Ob der Mann gerettet wurde oder nicht, erfährt das Publikum nicht – aber es sieht nicht gut aus. Wie mitfühlend die Helfer mit dem Soldaten umgehen, berührt.

„Eastern Front“ (© Deckert Distribution)

Russen von „Propaganda zombifiziert“

Relativ früh im Film bewegen sich die Regisseure mit der Handkamera durch eine Wohnsiedlung, während in der Ferne Artilleriefeuer niedergeht, doch die Ukrainer sind wild entschlossen zu kämpfen. „No fucking force and no money in the world can make me surrender“, sagt ein Zivilist an einer Stelle: Er will sein Land verteidigen. Das ist der Tenor von „Eastern Front“. Keiner der Männer und Frauen will in den Krieg ziehen, aber von den Russen überrannt und assimiliert werden, wollen sie auch nicht. Einige der Interviewten haben russische Wurzeln, es wird über das Leben philosophiert – und viel gelacht, in einer Mischung aus Sarkasmus und Pragmatismus. Von blindem Russenhass ist hier nichts zu spüren. Einer der Männer sagt, die Russen würden von der „Propaganda zombifiziert“.

Zwischen Front und Hinterland

Dieser ständige Wechsel der Schauplätze verleiht der Dokumentation einen feinen Rhythmus. Neben den Fronteinsätzen, die nie direkte Kampfhandlungen, sondern nur deren Folgen abbilden, zeigen die beiden Regisseure auch Soldaten auf Urlaub, die sich in den nicht umkämpften Gebieten erholen, am Seeufer debattieren und Bier trinken. Diese Seite des Krieges hat man so jedenfalls noch nicht gesehen, selbst wenn einem die Orientierung, wo sich der Drehort gerade befindet, schwer fällt.

Yevhen Titarenko in „Eastern Front“ (© Deckert Distribution)

Endzeit auf dem Rinderhof

Ansonsten fährt das freiwillige Sanitätsbataillon punktuell durch die Gegend, um zu helfen, wo geholfen werden kann. Oft filmt Titarenko mit der Bodycam oder der GoPro aus dem Rettungswagen heraus. Das ist dann zwar wackelig (wie der ganze Film), aber der Zuschauer ist mittendrin, selbst wenn die technische Qualität nicht auf höchstem Niveau ist. Einmal führt es die Sanitäter zu einer verlassenen und zerbombten Rinderfarm, wo sich ein Bild des Grauens bietet, das sich lange einbrennt – wie der Vorhof zur Hölle. Einige Rinder taumeln orientierungslos umher, andere sind bereits qualvoll verendet, wieder andere kämpfen im tiefen Schlamm der Bombenkrater vergeblich um ihr Leben – begleitet von den klagenden Rufen der noch lebenden Tiere. Das ist Endzeit pur!

Fazit: Der Dokumentarfilmer Yevhen Titarenko dient seinem Land nicht nur als Chronist, sondern auch ganz pragmatisch als freiwilliger Sanitäter an der Front und im Hinterland. Zusammen mit seinem Co-Regisseur Vitaly Mansky liefert er in der packenden Dokumentation „Eastern Front“ einen neuen Blick auf den Krieg in der Ukraine und zeigt ihn aus der Perspektive der einfachen Bevölkerung.

Deutscher Kinostart von „Eastern Front“: noch nicht bekannt. Wir haben den Film bei der Berlinale 2023 gesehen.

Wertung3,5 / 5
Produktionsland

USA/Ukraine/Lettland/Tschechien 2023

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