Don’t Worry Darling

2022123 minab 12, , ,

Wenn sich eine Utopie in eine Dystopie verwandelt

Klimakrise, Corona, Ukrainekrieg, Inflation, Rezession! Die Welt gerät immer atemberaubender aus den Fugen. Menschen werden nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern mitten im reichen Europa an den Abgrund oder darüber hinaus gestoßen. Mehr denn je sehnen sich viele nach der guten alten Zeit, als die Welt noch in Ordnung war. Diese Utopie gibt Regisseurin Olivia Wilde („Booksmart“) dem Publikum in der atmosphärisch berauschenden und visuell exquisiten Mystery-Thriller-Satire „Don’t Worry Darling“. Dabei flieht die Filmemacherin bei ihrem Ausbruch aus der Realität in dieser besonders unruhigen Zeit nicht in seichten Eskapismus wie jüngst Ol Parker in seinem Clooney/Roberts-Vehikel „Tickets ins Paradies“, sondern liefert eine an der Oberfläche glattpolierte Utopie, die sich mit zunehmender Dauer in eine deprimierende Dystopie verwandelt und mit einem Twist fesselt, den man irgendwie erwartet hat, der einem aber dennoch den Boden unter den Füßen wegzieht.

Irgendwann in den 1950er Jahren: Das Ehepaar Jack (Harry Styles) und Alice Chambers (Florence Pugh) ist in eine scheinbar perfekte Bilderbuchwelt mitten in der Wüste des amerikanischen Westens eingezogen. Jeden Morgen verabschieden die Hausfrauen ihre Ehemänner auf den Weg zu ihrer streng geheimen Arbeit an „fortschrittlichen Materialen“, wie es offiziell heißt. Leiter und spiritueller Kopf des „Victory Projects“ ist der smarte Visionär Frank (Chris Pine), zu dem alle ehrfurchtsvoll aufblicken. Was ihre Männer den ganzen Tag über treiben, wissen die Frauen nicht. Neugier ist ihnen verboten. Aber Alice hält sich nicht daran, als ihr immer mehr Sonderbarkeiten in ihrer Umgebung auffallen. Als ihre Nachbarin Margaret (Kiki Layne) sich das Leben nehmen will, wird sie vom Sicherheitsdienst der Stadt sofort weggeschafft und Alice eine harmlose Geschichte über ihr Verschwinden erzählt. Sie beginnt, an ihrem Verstand zu zweifeln.

Florence Pugh und Harry Styles in „Don’t Worry Darling“ (© Warner Bros.)

Chaos am Set

Filmemachen in der Hochzeit der Corona-Pandemie ist schon eine Herausforderung für sich, aber wenn am Set auch noch alles drunter und drüber geht, sind die Voraussetzungen für das fertige filmische Produkt besonders ungünstig. Und „Don’t Worry Darling“ hatte eine der unruhigsten Produktionsgeschichten der vergangenen Jahre. Die Unheil speiste sich dabei aus verschiedenen Quellen, angefangen bei Shia LaBeouf, der als Hauptdarsteller gefeuert wurde (Darstellung Olivia Wilde) oder selbst gegangen ist (nach eigener Aussage). Normalerweise ist der Regisseur oder die Regisseurin in einer solchen Situation der Fels in der Brandung, doch Wilde trug einen Gutteil zum Chaos bei, indem sie am Set eine Affäre mit dem neuen Hauptdarsteller Harry Styles („Dunkirk“) begann und anschließend  ihren Rosenkrieg mit Ex Jason Sudeikis, mit dem sie zwei Kinder hat, mit zur Arbeit trug. In dieser egoistisch geprägten Atmosphäre hat sich Wilde offenbar mit ihrer Hauptdarstellerin Florence Pugh („Midsommar“) überworfen, denn der „Black Widow“-Star weigerte sich, PR-Arbeit für den Film zu machen, der beim Filmfestival von Venedig große Premiere feierte.

Olivia Wilde inszeniert einen Utopia-Designtraum

Diese Spannungen sind „Don’t Worry Darling“ erstaunlicherweise nicht anzumerken. Die Schauspielerin Olivia Wilde („Tron: Legacy“, „In Time“), die mit der cleveren Teenie-Komödie „Booksmart“ ein zurecht gefeiertes Regiedebüt vorlegte, nimmt sich selbst auch zurück und spielt nur eine Nebenrolle – entgegen der ursprünglichen Planung, wonach sie die Rolle der Alice übernehmen sollte. Obwohl „Don’t Worry Darling“ erst ihr zweiter Kinofilm ist, inszeniert Wilde wie eine Veteranin mit beeindruckender visueller Präzision und einem feinen Gespür für Stimmungen. Ihr kleines 50er-Jahre-Utopia ist ein makelloser Designtraum, den die New Yorkerin mit einer immer düsterer werdenden Atmosphäre auflädt und die Unzulänglichkeiten ihrer männlichen Figuren mit Genuss satirisch ausstellt und ihr Ego dekonstruiert.

Fehler in der Matrix

Das Zentrum des Films ist eindeutig Protagonistin Alice, die von stakkatoartigen Flashbacks verwirrt wird, als ob eine verdrängte Vergangenheit sich ihren Weg bahnen will. Aber erst als sie erste Fehler in der Matrix entdeckt, wird die selbstbewusste junge Frau in ihrem Misstrauen aktiv. Florence Pugh gibt als emotionaler Anker der Geschichte eine überzeugende Vorstellung, weil man mit ihr mitleidet und mitfiebert. Die Britin ist so auffallend gut, dass ihr Co-Star und Landsmann Harry Styles im direkten Vergleich spürbar abfällt. Es ist dem Sänger anzumerken, dass er seiner ersten Hauptrolle noch nicht durchgehend gewachsen ist. Nur einmal bricht der Entertainer Styles aus – in einer hypnotischen Tanzszene spielt er sich in Ekstase, doch Wilde geht diesem Impuls nicht weiter nach und lässt Styles oft zu blass aussehen. Schauspielerisch wird er von Pugh und Chris Pine („Wonder Woman“) in die Zange genommen. Denn der „Star Trek“-Captain Kirk zieht als charismatisch-verschlagener Projekt-Guru Frank mit großer Geste auf – ohne zu übertreiben.

Olivia Wilde (links) und Chris Pine (rechts) in „Don’t Worry Darling“

So stark „Don’t Worry Darling” auch aussieht und atmosphärisch in den Bann zieht, so ambivalent ist die Auflösung des Mysteriums. Das Publikum ahnt die ganze Zeit, dass unter der Story ein doppelter Boden steckt und die dann neu gewonnene Erkenntnis schüttelt einen kräftig durch. Dennoch bleiben Wilde und ihre Drehbuchautorin Katie Silberman bei ihren Erklärungen recht vage und ungenau – oberflächlich, wenn man sehr kritisch sein will. So ist „Don’t Worry Darling” am Ende kein „The Truman Show“ – etwas grobschrotiger Feminismus ersetzt hier feinen Humanismus.

Fazit: Olivia Wilde etabliert sich mit ihrer zweiten Kinoarbeit in der Riege der vielversprechendsten Regisseurinnen. „Don’t Worry Darling” ist als moderne „Black Mirror“-Version von „Die Frauen von Stepford“ keineswegs perfekt, gefällt aber dennoch als faszinierende Leinwand-Verrücktheit, die von einer dichten Atmosphäre, der visuellen Brillanz und Hauptdarstellerin Florence Pugh lebt.

Deutscher Kinostart von „Don’t Worry Darling“: 22. September 2022

Seit 24. November auf Blu-ray & DVD erhältlich.

Wertung 4 / 5
Produktionsland

USA 2022

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