Die Tribute von Panem: The Ballad Of Songbirds & Snakes

2023157 minab 12, ,

Die Vorgeschichte zu „Die Tribute von Panem” ist ein Blockbuster mit Herz

Es ist ein bekanntes Klischee: Auf der Leinwand und in Büchern stehlen die Bösen den Guten oft die Show, während Begegnungen mit Narzissten und Egomanen im wirklichen Leben eher unangenehm sind. „Die Tribute von Panem: The Ballad Of Songbirds & Snakes“ zeigt jetzt beide Seiten in einem, wagt sich mit dem Prequel mutig in die Tiefen der „Hunger Games“-Saga vor und erzählt die Ursprünge der Hungerspiele aus der Perspektive des späteren Bösewichts. Ein durchaus gewagter Schritt – ein großes Lob für diesen Mut! Denn eigentlich schien im „Panem“-Universum alles erzählt. Die drei „Tribute von Panem“-Romane von Suzanne Collins hat Hollywood megaerfolgreich in vier Filmen verarbeitet (der letzte Teil „Mockingjay“ wurde in zwei Filme aufgeteilt). Auf den ersten Blick sieht es nach einem krampfhaften Versuch des Rechteinhabers Lionsgate aus, das Franchise um jeden Preis am Leben zu erhalten. Vielleicht ist das auch der Grund für die Produktion. Aber das Fantasy-Abenteuer, das 64 Jahre vor den Ereignissen aus „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ spielt, überrascht! Nein, die Dystopie ist nicht perfekt und hat einige Probleme mit einem uneinheitlichen Pacing und auch das Ende ist nicht ganz befriedigend, aber „Songbirds & Snakes“ ist das absolute Gegenteil eines seelenlosen Blockbusters, der alte Erfolge aufwärmt. Nein, dieses süffige Prequel, das mit kleinerem Budget als zuletzt gedreht wurde, hat viel Herz, tolle Hauptdarsteller, produziert große Emotionen und sieht auch noch großartig aus.

Irgendwann in der Zukunft: Der Bürgerkrieg in Panem ist seit zehn Jahren beendet, die Machthaber im Kapitol unterdrücken die Menschen in den vom totalitären System kontrollierten zwölf Distrikten und versuchen, die emotionale Bedrohung durch die jährliche Demütigung der Hungerspiele aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig sollen die brutalen Spiele, bei denen je zwei junge Abgesandte aus jedem Distrikt um Leben und Tod kämpfen, die Bürger des Kapitols unterhalten. Der 18-jährige Coriolanus Snow (Tom Blyth), der in ärmlichen Verhältnissen bei seiner Großmutter (Fionnula Flanagan) und seiner Cousine Tigris (Hunter Schafer) aufwächst, besucht in Panem die Akademie unter der Leitung von Dekan Casca Highbottom (Peter Dinklage) und strebt ehrgeizig nach Aufstieg und einem Stipendium. Da das Interesse der Zuschauer nachlässt, veranlasst die mächtige Spielführerin Dr. Volumnia Gaul (Viola Davis) einige Änderungen an den Hungerspielen. Die 24 besten Rekruten der Akademie werden zu Mentoren der Tribute ernannt und sollen dafür sorgen, dass die Bürger während des Spiels gut unterhalten werden, denn die Einschaltquoten sollen steigen. Coriolanus wird die junge Wandermusikantin Lucy Gray Baird (Rachel Zegler) zugeteilt. Obwohl sie im Kampf nicht mit den starken jungen Männern mithalten kann, ist Lucy Gray gewitzt und setzt ihren Gesang ein, um sympathisch zu wirken. Coriolanus bricht am Anfang bewusst die Regeln, um seine Tribute zu unterstützen.

Tom Blyth und Rachel Zegler in „Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes“ (© Leonine Studios)

Franchis Lawrence hat noch etwas zu erzählen

Das bisherige „Die Tribute von Panem”-Franchise hat weltweit fast drei Milliarden Dollar eingespielt und Jennifer Lawrence („No Hard Feelings“, „Causeway“) zum Superstar gemacht. Und wenn Young-Adult-Autorin Suzanne Collins mit „Das Lied von Vogel und Schlange“ (2020) ein Prequel vorlegt, ist die Versuchung in Hollywood einfach zu groß, es dabei zu belassen. Doch Regisseur Franchis Lawrence (nicht verwandt mit Jennifer Lawrence), der bereits die Teile 2 bis 4 inszenierte, und seine Drehbuchautoren Michael Arndt („Die Tribute von Panem – Catching Fire“) und Michael Lesslie („Assasin’s Creed“) haben tatsächlich noch etwas zu erzählen, das die Kinozuschauer emotional berührt. Denn die dystopische Vorgeschichte des späteren Bösewichts Coriolanus Snow ist herzzerreißend – er ist der Anakin Skywalker aus Panem, der lange nicht weiß, dass er am Ende Darth Vader wird. Dabei ist er im Grunde ein guter Mensch, der zwar ehrgeizig für seine eigenen Ziele kämpft, aber auch seine Mitmenschen im Blick hat.

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Starke Hauptdarsteller überzeugen

Tom Blyth („Billy The Kid“) verkörpert den Underdog, der nach oben will, mit viel Charisma und Empathie. Dem Briten gelingt es, die Komplexität der Figur zu vermitteln und die Entwicklung hin zum späteren Präsidenten (gespielt von Donald Sutherland) spürbar zu machen. Auch die Beziehung zwischen Coriolanus und Lucy Gray funktioniert hervorragend. Rachel Zegler („West Side Story“) hat mehrfach Gelegenheit, ihr großes Gesangstalent zu zeigen und meistert auch die dramatischen Szenen. Allerdings stiehlt ihr Viola Davis („The Help“) mit ihrer extrovertierten Darstellung der zur Übertreibung neigenden Wissenschaftlerin Volumnia manchmal die Show.

Tom Blyth und Viola Davis in „Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes“ (© Leonine Studios)

Die griechische Tragödie des Coriolanus Snow

Die Handlung ist wie eine griechische Tragödie in drei Akte gegliedert. Es gibt Aufstieg, Höhepunkt und Fall, aber nicht immer steht die Beziehung der Hauptfiguren zueinander im Mittelpunkt. Es ist die schleichende Veränderung der Seele von Coriolanus Snow, die wir erleben. Vom hoffnungsvollen jungen Mann zum sozialen Aufsteiger, bis er schließlich alle Skrupel verliert. Hier wird wirklich ein Bösewicht geschaffen. Dazu spielt „Die Tribute von Panem: The Ballad Of Songbirds & Snakes“ gekonnt mit der ungewöhnlichen Zeitperspektive, erzählt eine Geschichte in einer Zukunft, die im Vergleich zur Hauptzeitlinie bereits vergangen ist.

Schwächen im dritten Akt

Strukturell hat „Die Tribute von Panem“ im letzten Drittel einige Probleme. „Schuld“ sind indirekt die Fans: Denn der Aufschrei war groß, als die Produzenten das „Panem“-Finale „Mockingjay“ in zwei Filme aufteilten. Regisseur Lawrence wollte sich dieses Gemaule nicht noch einmal anhören und verzichtete auf eine Zweiteilung des Romans „Die Tribute von Panem X – Das Lied von Vogel und Schlange“, der sogar noch länger ist als die „Mockingjay“-Vorlage „Die Tribute von Panem –  Flammender Zorn“. Im dritten Akt verlangsamt sich nicht nur das zuvor straffe Erzähltempo, eigentlich scheint die Geschichte nach dem Ende der Hungerspiele abgeschlossen. Allein Coriolanus‘ anschließende Odyssee durch die Distrikte würde einen ganzen Film füllen, die Charakterentwicklung wirkt gerade am Ende trotz des etwas gemächlicherem Tempo zu gehetzt, um alle Motive der handelnden Personen vollständig nachvollziehen zu können. Nicht, dass das Geschehen auf der Leinwand nicht herzzerreißend und sehenswert wäre, aber der Weg dorthin erscheint abgekürzt und dadurch etwas holprig.

„Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes“ (© Leonine Studios)

Grandiose Schauwerte, aber wenig Spektakel bei Hungerspielen

Dazu vernachlässigt die ansonsten wirkungsvolle Regie von Francis Lawrence die spektakulären Elemente der Hungerspiele fast völlig. Das Treiben in der Kuppelarena ist eher lahm, dafür aber ziemlich brutal (für eine FSK-12-Freigabe). Das große Spektakel der 100-Millionen-Dollar-Produktion findet anderswo statt – die Ausstattung der Räume, die einen Hauch von Hogwarts verbreitet und immer ein wenig an die „Harry Potter“-Welt erinnert, ist brillant. Und auch wenn die Panoramen der futuristischen Architektur ziemlich CGI-lastig sind, ist es gerade für Berliner ein Riesenspaß, bekannte Orte wie das Olympiastation, den Straußberger Platz, die Karl-Marx-Allee oder den Berliner Zoo unter Tonnen von Computereffekten wiederzuerkennen – schließlich wurde der Film im Studio Babelsberg produziert. Doch die Stärke von „Die Tribute von Panem“ lag wohl nie wirklich in der Arena, zumindest nicht für Regisseur Lawrence. Das Prequel zeigt präzise die kulturelle Lesart der Collins-Saga, den Versuch, das dystopische Element der Buchreihe mit all seinen Facetten von Ehrgeiz, Grausamkeit, Klassenkampf und Despotismus zu beleuchten. Dies scheint nicht nur in der menschlichen Natur verwurzelt zu sein, sondern vielleicht vor allem in einer amerikanischen Mentalität, die seit jeher existiert.

Fazit: Regisseur Francis Lawrence hat mit dem Fantasy-Abenteuer „Die Tribute von Panem: The Ballad Of Songbirds & Snakes“ viel gewagt und viel gewonnen. Sein Mut, die „Panem“-Welt neu zu erfinden, zahlt sich kreativ aus, auch wenn nicht alle Ideen aufgehen. Aber der Film hat Herz! Reichlich davon.

Deutscher Kinostart von „Die Tribute von Panem: The Ballad Of Songbirds & Snakes“: 16. November 2023

Wertung3,5 / 5
Produktionsland

USA 2023

Cast & Crew

Tom Blyth

Coriolanus „Coryo“ Snow

Rachel Zegler

Lucy Gray Baird

Josh Andrés Rivera

Sejanus Plinth

Viola Davis

Dr. Volumnia Gaul

Peter Dinklage

Dekan Casca Highbottom

Jason Schwartzman

Lucretius Flickerman

Hunter Schafer

Tigris Snow

Fionnula Flanagan

Grandma’am

Burn Gorman

Kommandant Hoff

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