Boris Becker: Aufstieg und Absturz einer Legende

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Das Leben und die Skandale des Boris Becker als oberflächliche Boulevard-Doku

Sieben Monate lang saß Boris Becker wegen Insolvenzbetrugs in einem englischen Gefängnis. Seit kurz vor Weihnachten 2022 ist die tief gefallene Tennislegende wieder auf freiem Fuß. Der Medienrummel? Riesig! 500.000 Euro für das erste Interview nach dem Knast mit Pro7 – der Rubel rollt wieder. 30 Millionen Euro soll Becker in der Kreide stehen. Auch zwei Filmemacher arbeiten sich an der Ikone ab. Doch wer in dem Doku-Zweiteiler „Boris Becker: Aufstieg und Absturz einer Legende“ von Produzent und Regisseur Stephen Finnigan ein differenziertes Porträt über die Risse und Brüche des Protagonisten erwartet, die seinen fast beispiellosen finanziellen Abstieg begünstigt haben dürften, der sollte sich besser gleich Alex Gibneys kunstvoll inszenierte Doku „Boom! Boom! Die Welt gegen Boris Becker“ anschauen. In Finnigans Beitrag tauchen wir tief in das schillernde Leben des deutschen Tennis-Heros ein. Die Dokumentation versucht, ein Psychogramm von Boris Becker zu zeichnen, indem sie Ex-Frauen, Weggefährten und Freunde zu Wort kommen lässt. Doch letztlich ist der Film nicht mehr als ein reißerisches Boulevardmagazin in Spielfilmlänge. Der Porträtierte spricht selbst nicht – außer im Abspann, wo die Filmemacher ein halbes Dutzend von Beckers Gegendarstellungen wiedergeben müssen.

In der Welt des Sports gibt es Persönlichkeiten, die sowohl durch ihre Erfolge als auch durch ihre Kontroversen in Erinnerung bleiben. Boris Becker (geb. 1967) ist zweifellos eine solche Marke. Seine charismatische Ausstrahlung und seine Fähigkeit, vor der Kamera zu glänzen, führten nicht nur zu einer glorreichen Tenniskarriere, sondern auch zu zahlreichen Werbeverträgen und einem erfolgreichen zweiten Leben als hochrespektierter Experte. Selbst als Trainer von Grand-Slam-Rekordsieger Novak Djokovic konnte er sich gekonnt in Szene setzen. Doch leider bleibt der Star der Show in der zweiteiligen Dokumentation über sein Leben außen vor. Der „Aufstieg und Absturz einer Legende“ wird stattdessen von Experten und alten Weggefährten geschildert und mit Archivmaterial illustriert. Selbst in den alten Clips hört man Becker kaum sprechen, außer wenn er die lärmende Menge zurechtweist, aber meist sieht man ihn, wie er Paparazzi ausweicht.

Boris Becker in „Boris Becker: Aufstieg und Fall einer Legende“ (© Paramount+)

Über den legendären Tennisspieler Boris Becker, eines der größten Idole der deutschen Sportgeschichte, erfährt man nur wenig in „Boris Becker: Aufstieg und Absturz einer Legende“. „Bumm-Bumm-Boris”, der „Beckerhecht“, ein paar Highlights seines ersten Wimbledonsiegs an jenem schicksalshaften 7. Juli 1985, der alles verändern sollte – viel mehr gibt es nicht. Regisseur Stephen Finnigan konzentriert sich lieber auf ein paar Ausraster wie 1987 bei den Australian Open gegen den Außenseiter Wally Masur. Packende sportliche Rivalitäten mit Ivan Lendl, Stefan Edberg, John McEnrore und später Pete Sampras? Fehlanzeige! Finnigan legt seinen Fokus auf die Skandale und das glamouröse Privatleben des Megastars der 80er und 90er Jahre.

Feld der Experten ist nur zweitklassig

Ein Dilemma: Wenn statt Boris Becker, der Alex Gibney exklusiv für „Boom! Boom! The World Vs. Boris Becker“ zur Verfügung stand, nur Ex-Freundinnen, Jugendfreunde und berufliche Beobachter wie Ex-Trainer Günther Bosch, Rolf Hauschild, langjähriger Vertrauter von Becker bei der „Bild“, sowie Christian Schommers, Autor der Becker-Biografie „Das Leben ist kein Spiel“ zu Wort kommen, wirkt die Erzählung wie aus zweiter Hand. Als ehemalige Topspieler der zweiten Reihe erzählen Wimbledonsieger Pat Cash, Tim Mayotte und Kevin Curren Geschichten von früher, während bei der Apple-Konkurrenz von „Boom! Boom! The World Vs. Boris Becker“ echte Legenden wie Björn Borg, Ion Țiriac, Novak Djokovic, John McEnroe, Mats Wilander und Michael Stich reden. Bei den Ex-Partnerinnen geht „Boris Becker: Aufstieg und Absturz einer Legende“ jedoch all-in. Im Zentrum steht Sharlely „Lilly“ Kerssenberg, aber auch Barbara Becker, Alessandra Meyer-Wölden und Carolin Rocher schwärmen und klagen gleichermaßen über die Zeit mit Becker, der als liebenswert und charismatisch, aber auch als arrogant und abgehoben beschrieben wird. Sein zweifelsfrei vorhandener Charme könne schnell in Kälte umschwenken, heißt es.

Schwächen in der Dramaturgie

Erzählerisch springt die Doku in einer Zeitleiste immer wieder scheinbar sinnlos zwischen seinen Glanzpunkten in den 80ern und frühen 90erm sowie den mittleren 2000ern hin und her, als sich Becker scheinbar auf das weibliche Geschlecht konzentrierte. Von einem Skandal zum nächsten verfolgt die Mini-Serie in Spielfilmlänge Beckers Absturz bis hin zu seiner Insolvenz und der unrühmlichen Inhaftierung.

Sharlely Kerssenberg in „Boris Becker: Aufstieg und Fall einer Legende“ (© Paramount+)

Erzählerische Konzentration auf Ex-Freundinnen

Im Gegensatz zu Becker selbst dürfen seine verlassenen Geliebten ihre Würde bewahren, obwohl sie unter der jeweiligen Trennung schwer zu leiden hatten. Sie übernehmen die Erzählung. Doch andere Stimmen nutzen die Gelegenheit offensichtlich, um sich ins Rampenlicht zu stellen, allen voran ein selbstbewusster US-Richter, der stolz bemerkt: „Und ich habe ihm gesagt, du magst der König deines Spielfeldes sein, aber jetzt befindest du dich in meinem.“ Die Serie leidet nicht unbedingt unter der Vielzahl an Expertenstimmen, aber selbst mit Beckers Kindheitsfreunden in der Runde fehlt eine Charakteranalyse. Es gibt viel Anrüchiges über Becker zu berichten, und Regisseur Finnigan macht davon reichlich Gebrauch. Er zieht ihn durch den Schmutz, ohne großartig zu reflektieren. Im Zweifelsfall ist der Besenkammer-Affäre in einem Londoner Nobel-Restaurant interessanter als Beckers Karriere, die Insolvenz oder der Haftaufenthalt.

Fazit: Die Becker-Renaissance geht weiter, aber Filmemacher Stephen Finnigan schafft es nicht, seiner zweiteiligen Dokumentation „Boris Becker: Aufstieg und Absturz einer Legende“ Tiefe zu verleihen. Der Film bleibt mit seinem Boulevard-Niveau an der Oberfläche kleben und bietet nichts Neues zum Thema. Dazu ist der Schwall an Gegendarstellungen schlicht katastrophal für die gesamte Erzählung.

Streaming: „Boris Becker: Aufstieg und Absturz einer Legende“ ist seit dem 4. August 2023 im Abo auf Paramount+ abrufbar.

Wertung2 / 5
Produktionsland

Großbritannien 2023

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