Argylle

2024139 minab 12, , ,

Ein wildes, unterhaltsames, aber hoffnungsloslos überladenes Agenten-Abenteuer

Hat Musik-Superstar Taylor Swift wirklich unter dem Pseudonym Elly Conway die Romanvorlage zu Matthew Vaughns Spionage-Action-Thriller-Komödie „Argylle“ geschrieben, wie Mythen im Internet behaupten? Nicht wenige Indizien sprechen dafür. Im „Rolling Stone“ räumte Vaughn schließlich das Thema ab, nachdem ihn seine Tochter überhaupt erst auf die hitzige Debatte aufmerksam gemacht hatte: „Taylor Swift hat das Buch nicht geschrieben. Ich musste ziemlich darüber lachen, aber meine Tochter ist überzeugt davon.“ Wer den Roman tatsächlich verfasst hat, ist allerdings unklar. Eine Autorin namens „Elly Conway“ gibt es nicht, es ist ein Pseudonym unbekannter Herkunft. Was sagt es über einen Film aus, wenn seine Entstehungsgeschichte spannender und geheimnisvoller ist als das fertige Werk auf der Leinwand? Nichts Gutes! Denn mit „Argylle“ hat sich „Kingsman“-Mastermind Vaughn zum ersten Mal so richtig verhoben. Sein komödiantisch-alberner wie liebevoller Meta-Blick auf das Agenten-Genre ist ein wildes Twist-Spektakel irgendwo zwischen „Mission: Impossible“, „James Bond“, „Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“ und „Lost City“. Am Ende weiß der Zuschauer (und wahrscheinlich auch der Filmemacher) nicht mehr, wo unten und oben ist. Einzelne Elemente funktionieren zum Teil sehr gut, andere erweisen sich als Rohrkrepierer. So ist „Argylle“ alles andere als ein Film aus einem Guss, sondern teilweise unterhaltsames Stückwerk, das zudem mit 139 Minuten viel zu lang ist.

Agent Argylle (Henry Cavill) ist der coolste Geheimagent der Welt – trotz Bürstenhaarschnitt. Stets elegant gekleidet, rettet er sich mit seinen Kompagnons Wyatt (John Cena) und Keira (Ariana DeBose) auf wundersame Weise aus den brenzligsten Situationen. Dabei ist Argylle nur die Ausgeburt der Fantasie der Bestsellerautorin Elly Conway (Bryce Dallas Howard), die gerade in Colorado den vierten Teil ihrer „Argylle“-Reihe vorstellt. Auf der Zugfahrt zu ihrer Mutter Ruth (Catherine O‘Hara) gerät Elly in eine reale Geheimdienstoperation, bei der sie von dem Spion Aidan Wilde (Sam Rockwell) vor einer Horde Agenten einer Geheimorganisation namens Division gerettet wird, die Elly entführen wollen. Die Autorin hat mit ihren Bestsellern in ein Wespennest gestochen und Entwicklungen vorausgesagt, die eigentlich streng geheim sind. Im Mittelpunkt steht die Suche nach dem Masterkey, der die Machenschaften der Division aufdecken soll. Elly und Aidan fliehen nach London, um dort nach weiteren Hinweisen auf den Masterkey zu suchen. Doch auch in England hat Division-Direktor Ritter (Bryan Cranston) seine Schergen auf die beiden angesetzt.

Bryce Dallas Howard und Sam Rockwell in „Argylle“ (© Universal Pictures)

Matthew Vaughn verliert sich zwischen den Genres

Bei „Argylle“ ist einiges schiefgelaufen. Das fängt schon beim Marketing an. Action, Spionage, Thriller, Komödie, Satire, Parodie? Wohin steuert der Film? Nach dem Trailer weiß man es nicht. Ebenso suggeriert dieser Ausschnitt, dass „Superman“ Henry Cavill als titelgebender Agent Argylle die Hauptfigur ist und die Sängerin Dua Lipa eine seiner Gegenspielerinnen gibt. Lipa hat nur zwei Szenen im Film und Cavill ist eher ein unterbeschäftigter Geist, der gelegentlich aus der Flasche kriecht – mehr nicht. Und auch das offizielle Filmplakat ist eine Mogelpackung, das die beteiligten Charaktere manipulativ falsch gewichtet. Die Plakathinterbänkler Bryce Dallas Howard („Jurassic World“) und Sam Rockwell („Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“) sind zweifellos die Protagonisten. Aber das ist nicht das Problem. Matthew Vaughn gerät seine wild-wüste Handlung völlig aus dem Ruder. Die zahlreichen harten Twists, die die gesamte Story immer wieder auf den Kopf stellen, wirken nicht nur inflationär, sondern sind selbst in der inneren Logik des Films nicht immer glaubwürdig. Ohne an dieser Stelle Details spoilern zu wollen, wirkt sich dies auch auf die Leinwandchemie der Darsteller aus.

Die Chemie zwischen Sam Rockwell und Bryce Dallas Howard stimmt – aber nur den halben Film lang

Während der spielfreudige Rockwell als nimmermüder, pflichtbewusster Regierungsagent Aidan und Howard als graumäusig-verschrobene Bestsellerautorin in der ersten Hälfte des Films noch gut harmonieren, bringt ein abrupter Plottwist diese Balance aus dem Gleichgewicht und die Glaubwürdigkeit der Figuren leidet unter der neu zusammengewürfelten Konstellation (Stichworte: Action und Liebesgeschichte). So beginnt „Argylle“ wie eine Mischung aus „Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten“ und „Mission: Impossible“, entfaltet aber schnell eine Welt voller absurder Wendungen und übertriebener CGI-Elemente. Trotz der witzigen Momente und der teilweise beeindruckenden Actionsequenzen kann Hauptdarstellerin Bryce Dallas Howard in der zweiten Hälfte in veränderter Rolle nicht überzeugen. Zudem schwankt die Handlung ständig zwischen Realität und Fantasy, was den Zuschauer irritieren kann, wenn Elly Conway vor allem zu Beginn in wechselnden Einstellungen den realen Aidan und den fiktive Argylle als eine Person sieht.

Henry Cavill und John Cena in „Argylle“ (© Universal Pictures)

Wilder Mix zwischen Cartoon und Realität

„Argylle“ lebt von einer Vielzahl von Stereotypen und übertriebenen Handlungselementen. Die Figuren bewegen sich in einer Welt zwischen Cartoon und Realität. Dieser wilde Mix fügt sich in der überlangen Spielzeit nie zu einem Ganzen. Vaughn lässt es an allen Ecken und Enden krachen: Verfolgungsjagden, Explosionen, Schießereien, Messerstechereien und vieles mehr. Das treibt der Regisseur gegen Ende bis zum Exzess, wenn die Action-Komödie erst zur Satire und dann zur Parodie mutiert (Stichwort: mörderisches Eiskunstlaufen im Öl). Das Drehbuch von Jason Fuchs („Wonder Woman“) wirft eine absurde Wendung nach der anderen auf den Zuschauer, was zu einem ambivalenten Erlebnis führt. Während einige Szenen durchaus komisch sind und das Genre des Agentenfilms liebevoll parodieren, verliert das Werk zunehmend den roten Faden und wirkt insgesamt überladen. Daraus hätte man drei Agentenfilme machen können. Die Überlänge des Films und die sich wiederholenden Elemente tragen dazu bei, dass „Argylle“ nicht sein volles Potential entfalten kann. Dass Vaughn dieses gewagte Vabanque-Spiel eigentlich stilsicher beherrscht, hat er nicht zuletzt mit seiner meisterhaften Action-Agenten-Komödie „Kingsman: The Secret Service“ (2014) bewiesen, die sich im letzten Drittel ebenfalls in Raserei steigert, dabei aber brillant unterhält und nie aus der Balance gerät – deswegen war die Erwartungshaltung an „Argylle“ auch so hoch. Zumal Vaughn in der Mid-Credit-Scene auch noch einen Bogen zu „Kingsman“ schlägt.

Bryce Dallas Howard und Samuel L. Jackson in „Argylle“ (© Universal Pictures)

Teils schwache Spezialeffekte

200 Millionen Dollar hat der Streaminggigant AppleTV+ für „Argylle“ ausgegeben. Allerdings für die Filmrechte, was nicht gleichbedeutend mit dem (unbekannten) Produktionsbudget ist. Und so dient der Film im Kino (wie „Killers Of The Flower Moon“ und „Napoleon“) als sauteures Werbevehikel für den Streamer mit den tiefen Taschen. Für vernünftige Spezialeffekte war offenbar kein Geld da, denn die CGI-Aufnahmen wirken für einen Actioner aus dem oberen Regal erstaunlich billig. Das gilt zum Beispiel für eine frühe Verfolgungsjagd in Griechenland, bei der Henry Cavill als Agent Agylle mit einem Miniauto einen halben Ferienort demoliert und so wild über die Dächer rast, dass es comichafte Züge annimmt. Das hat man im Vorjahr bei „Fast & Furious 10“ (in Rom) deutlich besser gesehen. Auch die Aufnahmen eines explodierenden Öltankers sind nicht auf der Höhe der Zeit.

Fazit: Regisseur Matthew Vaughn bietet mit „Argylle“ ein unterhaltsames Agenten-Abenteuer mit einem beeindruckenden Staraufgebot und einigen gelungenen humoristischen Momenten. Dennoch bleibt der komödiantische Action-Thriller hinter seinen Möglichkeiten zurück und wirkt durch seine wilden Wendungen oft überladen und nicht ausreichend ausbalanciert.

Deutscher Kinostart von „Argylle“: 1. Februar 2024

Wertung2,5 / 5
Produktionsland

Großbritannien/USA 2024

Cast & Crew

Sam Rockwell

Aidan Wilde

Henry Cavill

Agent Argylle

Catherine O’Hara

Ruth Conway / Dr. Vogler

Samuel L. Jackson

Alfred Solomon

Dua Lipa

Lagrange

Sofia Boutella

Saba Al-Badr

Louis Partridge

Agent Argylle (jung)

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