All The Beauty And The Bloodshed

2023122 minab 12,

Ein filmisches Manifest und eine kraftvolle Reise in das Universum von Nan Goldin

Es gibt sie nicht oft, aber es gibt sie, die Filme, die noch lange nach dem Abspann nachhallen. Laura Poitras‘ „All The Beauty And The Bloodshed“ ist so ein Werk. Poitras, die vor acht Jahren für ihre Begegnung mit dem Whistleblower Edward Snowden in „Citizenfour“ mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, setzt ihre investigative Arbeit in dem Künstlerinnen-Porträt fort, indem sie zwei parallele Erzählstränge miteinander verknüpft: Gegenwart und Vergangenheit, Öffentliches und Privates. Im Zentrum steht Nan Goldin, die seit 30 Jahren nicht nur eine renommierte und konzeptuelle Fotografin ist, sondern auch zu einem Symbol im Kampf gegen den Pharmariesen Purdue und seine Mäzene und Eigentümer geworden ist. In ihrem Dokumentarfilm gelingt es Poitras, das Leben dieser streitbaren Künstlerin und Aktivistin auf fesselnde Weise zu porträtieren und dabei tiefgreifende gesellschaftliche wie politische Themen anzusprechen.

Als der Film zum ersten Mal auf Nan Goldin (69) trifft, befindet sie sich gerade inmitten einer öffentlichen Aktion im New Yorker Metropolitan Museum gegen ihre Erzfeinde, die Sackler-Familie und ihr Opioid-Imperium, das für die Abhängigkeit und den Tod von mehr als einer halben Million Amerikaner verantwortlich gemacht wird. Sie fluten kamerawirksam ein Wasserbecken mit Pillendosen und skandieren: „Sacklers lie, people die.“ Die Happenings der Aktivisten sind meist wie lebende Kunstinstallationen inszeniert. Da versammeln sie sich in Museen und lassen vor Spruchbändern tausende (gefälschte) Oxycontin-Rezepte über mehrere Stockwerke durch eine Halle regnen oder stellen sich selbst als Todesopfer aus. Hier verbindet sich Kunst harmonisch mit Protest, der jedoch immer von großen Emotionen und Wut begleitet wird. 2014 wurde Goldin selbst von dem starken Schmerzmittel abhängig. Seit 2017 ist sie Teil der Protestbewegung „P.A.I.N“ (Prescription Addiction Intervention Now), die die Sacklers zur Rechenschaft ziehen will.

Nan Goldin in „All The Beauty And The Bloodshed“ (© Plaion Pictures)

Handlung in mehreren Zeitebenen

Die Regisseurin enthüllt die Hintergründe von Goldins Kampf gegen die Sacklers, eine der reichsten Familien Amerikas, die durch ihre Philanthropie und die Vermarktung von Opioiden bekannt geworden ist. Die Handlung bewegt sich ständig und doch fließend zwischen den Zeitebenen, Bildtafeln (inklusive Jahreszahlen) zu Goldins eingebundenen Diashows geben eine zeitliche Orientierung. Poitras taucht tief in das chaotische Leben der Goldins ein, um die Familiendynamik zu verstehen und eine Verbindung zwischen den beiden gleichermaßen spannenden Handlungssträngen herzustellen. Diese innovative Herangehensweise an das dokumentarische Erzählen zeigt Poitras‘ modernen Blick auf das Genre und eröffnet neue Perspektiven für die visuelle Darstellung des Materials.

Verheerende Familiengeschichte

Die Filmemacherin zeigt eindrucksvoll, dass Goldin nicht zufällig in diesen Kampf gegen eine der mächtigsten Familien der USA geraten ist. Ihre Familiengeschichte hat sie geprägt. Ihre Schwester Barbara nahm sich 1964 nach schweren psychischen Problemen das Leben, während Nan danach überall rebellierte und von ihren Eltern zu ihrem Schutz weggegeben wurde. Das ist schon starker Tobak. Ebenso berührend ist der Rückblick auf die Todeswelle während der HIV-Epidemie in den 80er und 90er Jahren, als Goldin reihenweise Freunde verlor. Poitras dokumentiert, wie Nan Goldin durch ihre persönlichen Erfahrungen und ihr eigenes Leiden zur Stimme derer wird, die unter der Abhängigkeit von verschreibungspflichtigen Medikamenten leiden. Dabei gelingt es ihr, die emotionalen Aspekte der Geschichte mit einer präzisen Analyse gesellschaftlicher Probleme zu verbinden.

Nan Goldin in „All The Beauty And The Bloodshed“ (© Plaion Pictures)

Kunst und Gesellschaft

Die Dokumentation stellt auch grundsätzliche Fragen über die Grenzen der Kunst, die Verantwortung des Künstlers und die Rolle der Gesellschaft. Er zeigt, wie Kunst als Ausdrucksmittel genutzt werden kann, um soziale und politische Veränderungen anzustoßen und Missstände aufzudecken. Gleichzeitig stellt er uns vor die Herausforderung, wie wir mit den komplexen moralischen Fragen umgehen, die sich aus der Verbindung von Kunst, Politik und persönlichem Engagement ergeben. Poitras gelingt es, eine starke Verbindung zwischen der individuellen Geschichte von Nan Goldin und größeren gesellschaftlichen Themen herzustellen. Der Film zeigt, wie persönliche Erfahrungen und Schicksalsschläge zu einer treibenden Kraft für politisches Engagement werden können und wie Kunst als Medium genutzt werden kann, um eine breitere gesellschaftliche Debatte anzustoßen.

Starke Montage

Die Montage des Films ist außergewöhnlich. Poitras verwendet Bilder aus Goldins umfangreichem fotografischen Werk, um ihre Vergangenheit zu illustrieren. Die Fotografien werden geschickt mit Archivmaterial und Interviews kombiniert, was dem Film eine eindringliche und persönliche Note verleiht. Man kann sich der Faszination von Goldins schlichten Lebensporträts nicht entziehen. Der Film zeigt Hunderte von ihnen, jedes einzelne ist so interessant, dass man nicht wegschauen kann. Die Bildsprache des Films hingegen ist minimalistisch, um Goldins Kunstwerke in den Vordergrund zu stellen. Diese Ästhetik spiegelt die Intention der Künstlerin wider, die Realität in ihrer reinsten Form einzufangen und den Betrachter zum Nachdenken anzuregen. Auch wenn klar sein muss, dass die Regisseurin hier einen rein subjektiven Zugang wählt und nur Goldins Seite zu Wort kommen lässt und ihre Perspektive einnimmt. Als im Gerichts-Showdown die versteinerten Gesichter der Sackler-Familie in einem Zoom-Call zu sehen sind, hat das etwas von einer Hinrichtung. Kalkulierter Pathos!

Nan Goldin in „All The Beauty And The Bloodshed“ (© Plaion Pictures)

Fazit: Das mit dem Goldenen Löwen beim Filmfestival in Venedig ausgezeichnete Doku-Porträt „All The Beauty And The Bloodshed“ ist ein außergewöhnlicher Film, der nicht nur durch seine Ästhetik und emotionale Kraft fesselt, sondern auch zum Nachdenken anregt – ein filmisches Manifest des Wandels und der Hoffnung, ein schonungsloses Eintauchen in die Welt von Nan Goldin, aber dennoch mehr als eine Hommage an die Fotografin und ihre Kunst.

Deutscher Kinostart von „The Beauty And The Bloodshed“: 25. Mai 2023.

Wertung4 / 5
Produktionsland

USA 2022

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