Black Panther: Wakanda Forever

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Marvels kühnes Blockbuster-Spektakel fällt notgedrungen aus dem Rahmen

Der „Black Panther“ war 1966 der erste schwarze Superheld der Marvel-Comics und entstand in der damaligen Zeit als Reaktion auf die Bürgerrechtsbewegung der Afro-Amerikaner in den Vereinigten Staaten. Auch Dekaden später hat dieses Thema wenig von ihrer Aktualität verloren. Noch immer kämpfen Schwarze in den USA um Anerkennung und gegen Vorurteile. Vielleicht ist das ein Grund, warum Marvels Kino-Verfilmung „Black Panther“ 2018 einschlug wie ein Meteorit. Aber der Sci-Fi-Comic-Actioner mobilisierte nicht nur die schwarze Zuschauerschaft, sondern alle Bevölkerungsgruppen, weil „Black Panther“ einfach ein herausragender Mainstream-Film war. Die Vorzeichen für die logische Fortsetzung wechselten nach dem tragischen wie unerwarteten Krebstod von Hauptdarsteller Chadwick Boseman im Jahr 2020 aber auf dramatische Weise. Marvel-Mastermind Kevin Feige und Regisseur Ryan Coogler („Creed“) entschieden sich aus Respekt vor Boseman dagegen, seine Figur neu zu besetzen oder ihn digital wiederauferstehen zu lassen, wie es heutzutage möglich ist. Aus diesem offensichtlichen Dilemma, seines strahlenden Protagonisten brutal beraubt worden zu sein, macht Coogler im zweiten Teil etwas Überraschendes: eine radikale Neuausrichtung! Und so ist „Black Panther: Wakanda Forever“ kein lau aufgewärmtes Sequel, sondern ein kühner, mutiger Blockbuster, der geopolitische Komplexität mit spektakulären Schauwerten vereint und gleichzeitig ein Gefühl von wütender Trauer über den Verlust von Chadwick Boseman transportiert.

Nachdem König T’Challa vor den Vereinten Nationen in Wien verkündet hatte, Wakandas Reichtum an Vibranium mit der Welt zu teilen, lässt seine Mutter, Königin Ramonda (Angela Bassett), den Worten keine Taten folgen. Im Gegenteil: Sie zieht das Hilfsangebot zurück, weil sie denkt, dass die fortgeschrittene Technologie der Wakandianer den globalen Frieden gefährde. Parallel suchen die Amerikaner weltweit nach Vibranium-Vorkommen, die es eigentlich nur im afrikanischen Wakanda geben soll. Als sie im Atlantik mit Hilfe einer Maschine beim Unterwasservolk der Talocan fündig werden, bringt das deren mächtigen Anführer König Namor (Tenoch Huerta) aus der Deckung. Das Meerwesen mit kleinen Flügeln an den Knöcheln droht den Wakandianer und fordert sie gleichzeitig zu einer Allianz gegen die Weltmächte auf. Namor pocht darauf, dass Wakanda den amerikanischen Ingenieur findet und ausliefert, der den Vibranium-Finder gebaut hat. Generalin Okoye (Danai Gurira) und T‘Challas Schwester, Prinzessin Shuri (Letitia Wright), machen sich auf den Weg nach Amerika. Über ihren Kontakt, den CIA-Agenten Everett Ross (Martin Freeman), kommen sie an die 19-jährige MIT-Studentin Riri Williams (Dominique Thorne), die die Maschine gebaut hat. Okoye und Shuri retten das junge Wissenschaftler-Genie vor dem Zugriff der CIA. Doch bei dem Versuch zu flüchten, werden sie von den Wasserwesen der Talocan angegriffen und Shuri und Riri von den Aggressoren in ihre Unterwasserstadt verschleppt. Königin Ramonda ist außer sich. Sie lässt die untergetauchte Top-Agentin Nakia (Lupita Nyong‘o) ausfindig machen und schickt sie auf die Mission, die Geiseln zu befreien.

Tod von Chadwick Boseman veränderte alles

„Black Panther: Wakanda Forever“ ist der mittlerweile schon 30. Film des Marvel Cinematic Universe (MCU) und in der Entstehung wahrscheinlich einer der kompliziertesten – und damit sind nicht einmal die Drehverschiebungen durch die Corona-Pandemie gemeint. Nach dem gigantischen Erfolg von „Black Panther“, der nicht nur weltweit 1,38 Milliarden Dollar einspielte (bei einem Budget von 200 Millionen), sondern auch als erster Marvel- und Superheldenfilm überhaupt als bester Film für einen Oscar nominiert wurde, war die Erwartungshaltung für das unvermeidliche Sequel riesengroß. Wenn man in einer Gemengelage wie dieser vor dem Drehstart durch den plötzlichen Tod von Black Panther Chadwick Boseman die Story komplett umschmeißen muss, sind aus einer solch schwierigen Konstellation schon viele vermurkste Filme entstanden. Doch Regisseur Ryan Coogler und die Marvel-Produzenten haben die Ruhe bewahrt und sich für die riskanteste aller Reaktion auf die neue Situation entschieden – eine komplette Neukonstruktion der Story, anstatt Boseman einfach neu zu besetzen.

Danai Gurira und Letitia Wright in „Black Panther: Wakanda Forever“ (© Disney)

Darum sollte es in „Black Panther 2“ ursprünglich gehen

Auch wenn Chadwick Boseman dem Sequel fehlt, ist der Geist des abwesenden Black Panther in jeder der 162 Minuten spürbar, das Trauermotiv ist allgegenwärtig und führt zu einer erstaunlichen Symbiose: Die Menschen von Wakanda trauern um König T’Challa, während das Filmteam gemeinsam mit dem Publikum um Boseman trauert. Eigentlich sollte sich der zweite Teil von „Black Panther“ um König T‘Challa nach den Ereignissen von „Avengers: Endgame“ (2019) drehen. Der Fokus auf seine Schwester, die geniale Wissenschaftlerin Shuri, waberte ursprünglich einmal als lose Idee für ein mögliches Spin-off im Raum und ist nun plötzlich Kern der Fortsetzung – eingebettet in den komplexen Wakanda-Kosmos. Die Tarnung als armes Dritte-Welt-Land hat der Staat längst aufgegeben, hier vereinen sich Hochtechnologie und Mythologie zu einer spannenden Subkultur. War „Black Panther“ im Herzen ein verkappter Blaxploitation-Film, der den „black pride“ transportierte, ist „Black Panther: Wakanda Forever“ auf den ersten Blick ein Emanzipations-Actioner mit Frauenpower aus allen Rohren.

Spannende Parallelen zwischen Utopie und realer Welt

Das Schöne am Film: Innerhalb dieses hehren moralischen Ansatzes findet sich eine erstaunlich ruppige Ambivalenz. Über das Gebaren der Wakandianer lässt sich kontrovers diskutieren, ob sie nicht vielleicht doch in ihrer kühnen Tech-Utopie zu sehr dem Militarismus frönen wie ein autokratischer Staat, der seine Macht nur zu seinem eigenen Vorteil nutzt. Es ist faszinierend, mit welcher geopolitischen Raffinesse Cooglers Film aufwartet und wie der Zuschauer beim Schauen immer wieder angetrieben wird, die clevere Fiktion mit der (derzeit) bitteren Realität abzugleichen. Der Besitz der Hochtechnologie (hier: Vibranium, in der realen Welt: die Atombombe) versetzt den fiktiven Staat Wakanda in eine exponierte Lage in den Weltgemeinschaft. Welche Allianzen muss ich eingehen? Wann werden andere Staaten zu übergriffig? Muss sich Wakanda überhaupt in der UN einfügen? Das sind spannende Fragen, die am Rande der Story mitschwingen und für einen starken Unterbau dieses komplizierten Universums sorgen, das trotz des teils futuristischen Settings mit der spektakulären Stadt der Wakandianer immer wieder Anknüpfungspunkte mit der Wirklichkeit findet.

Die Talocan in „Black Panther: Wakanda Forever“ (© Disney)

Kleine Schwächen bei den Antagonisten

Und so macht „Black Panther: Wakanda Forever“ immer dann am meisten Spaß, wenn Wakanda sich mit den abstrampelnden Weltmächten auseinandersetzt. Die dritte Komponente dieses Konstrukts, das plötzlich auftauchende Meervolk der Talocan, erweist sich als einziger kleiner Schwachpunkt, weil die Wasserwesen, die auch aus einem „Pirates Of The Caribbean“-Film stammen könnten, genau der typischen Formelhaftigkeit vieler MCU-Filme entsprechen, die „Black Panther: Wakanda Forever“ sonst an jeder anderen Stelle gerade so tapfer und konsequent vermieden hat. Das heißt nicht, dass der Antagonist Tamor ein schlechter ist, nein, Tenoch Huerta („The Forever Purge“) spielt das durchaus solide, weil er zumindest eine gewisse Ambivalenz durchscheinen lässt, aber mehr als ein Standardbösewicht ist er am Ende eben auch nicht. Hier hätte das sonst so progressive und von großen Ideen und Gesten geprägte Werk mehr Innovation vertragen.

Riesiges Budget von 250 Millionen Dollar

Das Budget von 250 Millionen Dollar ist „Black Panther: Wakanda Forever“ dagegen deutlich anzumerken. Selbst wenn einige der Action-Setpieces wie der Angriff der Talocan auf den Wasserkreuzer der Wakandianer nicht den höchsten Ansprüchen gerecht wird und wie eine Mischung aus Luc Bessons Weltraumschiff Fhloston Paradise aus „Das fünfte Element“ und dem Setting von „Waterworld“ aussieht, dominiert sonst das visuelle Spektakel und Staunen über spektakulär-exotische Sets. An jeder Ecke gibt es für die Zuschauer überbordende Details zu entdecken.

Fazit: Marvel-Boss Kevin Feige sieht „Black Panther: Wakanda Forever“ als Gipfelpunkt von Phase 4 des MCU – damit hat der Visionär recht. Der kühne und optisch wie atmosphärisch herausragende Sci-Fi-Comic-Actioner ist sicherlich nicht perfekt und bietet einige Angriffsflächen, unterhält aber als mitreißende Mischung aus Herz, Seele und futuristischer Action. Regisseur Ryan Coogler findet die richtige Balance zwischen Trauer, Verlust und einem eleganten Superheldenfilm der ganz großen gesellschaftlichen Ideen.

Deutscher Kinostart von „Black Panther: Wakanda Forever“: 9. November 2022.

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